Gesundheit
Limmattaler Palliativpflege hat Modellcharakter - und nimmt die Angst vor Schmerzen

Wer im Limmattal unheilbar krank ist, kann darauf zählen, von Spitex und Onko Plus intensiv betreut zu werden.

Thomas Mathis
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Nicole Rieser und Regula Eck beraten ein Ehepaar in Oberengstringen: «Obwohl viele Patienten gerne zu Hause sterben würden, geschieht dies immer noch zu selten.»

Nicole Rieser und Regula Eck beraten ein Ehepaar in Oberengstringen: «Obwohl viele Patienten gerne zu Hause sterben würden, geschieht dies immer noch zu selten.»

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Vor einem Jahr der Schicksalsschlag: Die Krebsdiagnose riss das Oberengstringer Ehepaar aus dem Alltag. Termin um Termin kämpften sich die beiden voran. Chirurgin, Onkologin, Logopädin, Ernährungsberaterin – die Fragerei wurde zur Belastung. Die Angst vor dem, was noch kommt, sass stets in ihrem Nacken. Die eigene Wohnung war überstellt mit unzähligem medizinischem Material: Schmerzmittel, künstliche Ernährung und Verbrauchsgegenstände. In dieser belastenden Situation den Überblick zu behalten, fällt nicht leicht. Heute ist der Zustand des Patienten stabilisiert. Er freut sich, dass er wieder so viel Gemüse essen kann, wie er will.

Die Palliativpflege

Palliativpflege umfasst die Betreuung von Menschen mit unheilbaren oder lebensbedrohlichen Krankheiten, unter anderem Krebs. Sie kennt keine Altersschranken. Das Ziel ist es, die Leiden der Betroffenen durch medizinische, pflegerische und soziale Massnahmen zu lindern.

Der Kanton Zürich schreibt den Gemeinden vor, dass sie einen Zugang zur Palliativpflege schaffen. Ein Vorschlag für die Umsetzung dieser Anforderung ist die Zusammenarbeit der Spitex mit einer spezialisierten Institution, der gemeinnützigen Stiftung Onko Plus. Seit anderthalb Jahren arbeitet sie mit den Spitex-Organisationen im Limmattal zusammen. Das Projekt hat Modellcharakter. Onko Plus, vor über zwanzig Jahren von Krebsärzten gegründet, bietet dort Hand, wo onkologisches und palliatives Fachwissen gefragt ist, und ermöglicht damit die Betreuung von komplexen Situationen. Für das Limmattal ist Nicole Rieser zuständig.

Regula Eck von der Spitex rechtes Limmattal und Nicole Rieser von Onko Plus – einer nationalen Stiftung, die sich auf Palliativpflege spezialisiert hat und mit regionalen Pflegeorganisationen zusammenarbeitet – haben das Ehepaar in der schwierigen Situation begleitet. Für die beiden Pflegefachfrauen ist das Paar eines der wenigen Beispiele, bei dem sich der Patient wieder erholen konnte. «Unser Hauptziel ist es, den Menschen Lebensqualität zu bieten», sagt Rieser.

Die Aufgaben teilen sich die beiden Organisationen auf. Die Spitex übernimmt die Körperpflege und die Verabreichung von Medikamenten. Mit der Möglichkeit für Gespräche ist sie ein Ankerpunkt im Alltag der Patienten. Onko Plus dagegen agiert eher im Hintergrund und koordiniert die involvierten Fachstellen. In Absprache mit dem Arzt geben die Mitarbeiter auch rezeptpflichtige Medikamente ab, mit denen beispielsweise Schmerzen effektiv behandelt werden können.

Schaden oder Nutzen?

Von der Fachkompetenz, die Onko Plus einbringt, konnte auch das Oberengstringer Paar profitieren. Die Notfallnummer, die Tag und Nacht besetzt ist, gab ihnen Sicherheit. «Es ist immer jemand da, der mir helfen kann», sagt der Patient. Auch die zahlreichen Spitalbesuche konnten dank der Unterstützung reduziert werden, denn Onko Plus ist berechtigt, Chemotherapien zu Hause durchzuführen. Ein weiterer Vorteil der engen Zusammenarbeit von Spitex und Onko Plus liegt in der gemeinsamen Betreuung der Patienten. «Wir können zusammen Erstabklärungen vornehmen», sagt Eck. Zudem kenne man sich, was den Austausch vereinfache und die Reaktionszeit verkürze.

Die Entscheidung, wann ein Patient Palliativpflege und damit auch die Hilfe von Onko Plus benötigt, ist schwierig zu treffen. «Eine wichtige Frage dabei lautet: Wann schadet eine Therapie mehr, als sie nützt?», sagt Rieser. Zum Teil wäre es sinnvoll, wenn die Palliativpflege nicht erst im Notfall eingesetzt wird. So könne eine Eskalation verhindert werden. «Kurative Therapien können mit palliativer Pflege ergänzt werden», sagt Rieser.

Zusammenarbeit ermöglicht es

Der Tod ist ein Thema, das in der Palliativpflege allgegenwärtig ist. Dennoch ist es nicht immer einfach, das anzusprechen. Feingefühl ist gefragt. «Wir wägen ab, wie offen wir das Sterben ansprechen können», sagt Rieser. Als Einstieg ins Gespräch dient ihr oft die Patientenverfügung. Darin ist festgehalten, was Leben für die kranke Person bedeutet. «Solche Patientenverfügungen sind in der Bevölkerung bereits weit verbreitet», hält Rieser fest.

Eine bedeutende Rolle bei der Entscheidungsfindung spielen die Angehörigen, die oft nicht loslassen können. Gespräche über den Tod führt Eck häufig versteckt vor dem Patienten im Hausgang oder vor der Türe, obwohl die Pflegebedürftigen gerne involviert wären. «Die Betroffenen haben oft keine Angst vor dem Tod, sondern vor den Schmerzen», sagt Eck.
«Obwohl viele Patienten gerne zu Hause sterben würden, geschieht dies immer noch zu selten», sagt Rieser. Doch die gute Zusammenarbeit beider Organisationen ermögliche Vieles, solange die Qualität der Pflege gewährleistet sei. Dafür brauche es aber den Einsatz der Angehörigen und zu ihrer Entlastung den Limmattaler Verein Wabe (wachen und betreuen), dessen Mitglieder Sterbende in den Tod begleiten.

Er ist sprachlos vor Dankbarkeit

Die Ehefrau aus Oberengstringen berichtet, dass sie nach und nach bestimmte Aufgaben übernehmen konnte. Ihre anfängliche Angst und den Ekel vor bestimmten Handgriffen konnte sie überwinden. Bald kam aber eine weitere Belastung dazu: finanzielle Sorgen. Material und Medikamente sind teuer und werden von den Krankenkassen nur teilweise vergütet. «Man muss sich immer wehren», sagt die Ehefrau. Glücklicherweise habe ihr eine Nachbarin dabei geholfen. Die Offenheit, mit der das Ehepaar über die Belastungen spricht, ist erstaunlich. «Ich muss mich nicht verstecken», sagt der Krebspatient. Er findet keine Worte, wie dankbar er für die gewonnene Lebensqualität ist.

Wie gehen die Pflegefachfrauen privat mit den schwierigen Situationen um? Neben Nachbesprechungen sei der Ausgleich sehr wichtig. Beide gehen gerne in die Natur und treffen sich mit gesunden Menschen. «Besonders hart ist es, wenn jemand mit dem gleichen Jahrgang stirbt», sagt Eck. Das rufe in Erinnerung, dass auch das eigene Leben endlich ist. Wie unterschiedlich ihre Kunden damit umgehen, beeindruckt sie immer wieder.