Avegno – Name einer kleinen, malerischen Ortschaft im Tessin. Avegno ist aber auch der Titel des ersten Albums der neu gegründeten Band «Victor’s Wonderland». Hinter dem Debüt steht der Dietiker Saxofonist Victor Wanderley, der sich mit seinen drei Mitstreitern Janos Knobel und Gonzalo Alvarez (Gitarre) sowie Jost Müller (Perkussion) im vorletzten Sommer in ein Haus bei Avegno zurückzog.

Die Band verschrieb sich dort völlig dem Ziel, authentische und eingängige Jazz-Musik aufzunehmen. «Wir haben intensiv an unseren Kompositionen gearbeitet, sind nur abends zum Essen raus, haben wenig geschlafen und früh mit dem Musizieren begonnen», so Wanderley. So ist «Avegno» keine Ode an das Dörfchen, sondern, wie es die Band beschreibt, eine «Reise zu sich selbst», bei welcher Wanderley die Noten schrieb. 

Poetische Klangwelten

Mit authentischen und eingängigen Jazz-Poems soll das Publikum auf eine Reise zu sich selbst mitgenommen werden. Die Musik lebt von akustischer Ästhetik, von intimer Dynamik und von lyrischen Melodien, die in poetische Klangwelten entführen.
Alle Kompositionen des Debütalbums «Avegno» schrieb Victor Wanderley, der darauf auch das Saxofon spielt. Zusammen mit den Gitarristen Janos Knobel und Gonzalo Alvarez sowie dem Perkussionisten Jost Müller bilden sie Victor’s Wonderland.
Avegno Unit Records, im Handel.

Erinnerungen aus dem Limmattal

Musik war schon immer Teil in Wanderley’s Leben, der sich als Leiter der Musikschule Engstringen einen Namen machte. Bereits früh kam der Sohn einer Zürcherin und eines Brasilianers mit Rhythmen und Klängen in Kontakt. Besonders der Vater verfügte über eine beachtliche Plattensammlung mit Werken aus dem Brasil Jazz, die Wanderley nachhaltig prägten. Seine Eltern beschreibt er generell als «einfache Arbeiter» mit einer Affinität für Kultur. «Sie haben mich und meinen Bruder in unserem Vorhaben, eine künstlerische Karriere anzustreben, immer unterstützt.» Während der Bruder die Welt des Theaters entdeckte, verliebte sich Wanderley in das Saxofon. «Für mich war sofort klar, dass nur dieses Instrument in Frage kommt.» Denn das Saxofonspiel eröffne viel mehr Spielraum als andere Instrumente.


Auf «Avegno» sind Erinnerungen an die Kindheit in Dietikon eingeflossen. Auf «Sundays headaches» beschreibt er gewisse Sonntage, als die Familie nach einer arbeitsreichen Woche Zeit für sich nehmen wollte – und daran scheiterte. «Ein Tag hat nie ausgereicht, um eine ganze Woche nachzuholen. Nicht selten machte sich Frustration breit», so Wanderley. Dennoch sei die Komposition nicht anklagend. Alle insgesamt sieben Stücke des Albums beinhalten ein Gedanke oder eine bestimmte Stimmung. Aus diesem Zweck schrieb er zu jedem ein drei bis sechszeiliges Gedicht, dass die Stimmung zur Musik widerspiegelt; Wanderley spricht dabei auch von einer Einladung an das Publikum, sich auf das Konzept-Album einzulassen.

In der Endlosschleife

«Es ist das erste Mal, dass ich voll und ganz hinter einem Werk stehe», sagt der Bandleader. Die Ambition, Jazz mit der Verständlichkeit von Pop-Musik zu kreieren, sei der Band gelungen. Dabei sammelte der 44-Jährige bereits viel Erfahrung – aber er blickt auch auf Momente in seinem Leben zurück, die für Weichenstellungen sorgten. Als junger Mann zog es ihn in die Stadt Zürich, wo er die Jazzschule besuchte. «Auch wenn ich einer der begehrten Plätze hatte, fühlte ich mich in der Stadt immer etwas fehl am Platz.» Natürlich sei das ein subjektives Empfinden gewesen, denn ausgeschlossen wurde er nie.

Während der Ausbildung traf er auf den Gitarristen Janos Kobel, der heute ebenfalls massgeblich am Entstehen des neuen Albums beteiligt war. Nicht nur ist er Teil von «Victor’s Wonderland», sondern sorgte auch für eine reibungslose Produktion als Arrangeur. «Janos ist mehr als nur ein Wegbegleiter. Er war und ist eine grosse Inspirationsquelle für mich und wir ergänzen uns perfekt.» Wanderley sei der Impulsive, während sein Bandpartner die nötige Ruhe und Gelassenheit an den Tag legen könne.

Wanderley denkt dabei an seine einstige Rastlosigkeit. An jenen Zeitpunkt, als er realisierte, dass sein Leben als Musiker sich in einer Art Endlosschleife befand. Nach vielen Jahren mit Big Bands, Fusion- und Brasil-Jazz-Bands musste er sich eingestehen, dass er nicht mehr nur die Stücke anderer nachspielen wollte – es wurde Zeit für eine Standortbestimmung. «Ich wählte den Rückzug, stellte viele Freundschaften auf Eis und begann mich intensiv zu fragen, was ich im Leben wirklich will». Da er sich in keiner Beziehung befand und keine Kinder hatte, konnte er sich diese Abkehr vom sozialen Leben erlauben, wie er sagt. «Nur» seine Arbeit als Musiklehrer behielt er bei.

Heimkehr ins fremde Bern

Schlussendlich dauerte diese Phase rund drei Jahre. Eine Zeit, in welcher er auch das Meditieren lernte und gestärkt in das Leben zurückkehrte. Der Dietiker ist aber mittlerweile an der Aare statt an der Limmat anzutreffen. Seit rund zwei Jahren lebt er in Bern und wirkt am dortigen Konservatorium als Fachbereichsleiter und Jazzbeauftragter. «In Bern hatte ich immer das Gefühl, heimzukehren», sagt Wanderley, der nach nur zwei Jahren den charmantesten Berner-Dialekt spricht.

Er sei angekommen, so Wanderley. Was aber nicht Stillstand bedeute. Er bestreitet den Spagat zwischen Unterricht und eigenen künstlerischen Ambitionen tagtäglich aufs Neue. Der Weg sei jetzt frei für seine Band, die bald mit «Avegno» auf Tournee geht. «Seither habe ich einige neue Songs geschrieben, die wir ebenfalls präsentieren werden», so der Musiker. «Victor’s Wonderland» starte gerade, die vier Musiker haben noch vieles vor. Und weshalb der süss-klingende Name der Band? «Jeder trägt sein eigenes Wunderland mit sich herum, wir müssen es nur finden und dazu stehen», erklärt Wanderley lächelnd.

Tourneestart Mittwoch, 19. April: Stadtkeller Dietikon, 19:30 Uhr.