Der 2006 verstorbene deutsche Autor Wolfgang J. Reus stand eines Tages nach der Bundestagswahl früh auf und ging durch die Strassen. «Und welche Überraschung: Immer noch die selbe Republik ...», schrieb er danach. Das liesse sich durchaus auf die Zürcher Kantonsratswahlen übertragen. Nachdem am Sonntag bei den einen euphorische Freude herrschte, bei den anderen der grosse Katzenjammer, stand man gestern auf und realisierte erst einmal: Die Welt sieht immer noch gleich aus. Und sie wird auch, zumindest im Grossen und Ganzen, noch gleich aussehen, nachdem die neuen Kantonsräte ihr Amt angetreten haben.

Klar: Dass der Kanton am Sonntag ein neues Parlament gewählt hat, wird nicht die Welt verändern. Doch die neue Zusammensetzung im Kantonsrat bedeutet, dass die Politik konservativer wird, wirtschaftfreundlicher, weniger ökologisch. Im Limmattal zeigen sich grösstenteils die gleichen Tendenzen: Die Grünen sind die grossen Verlierer und müssen ihren einzigen Sitz abgeben. Die FDP ist die grosse Gewinnerin und holt sich den Sitz der Grünen.

Doch das ist noch nicht alles. Zwar hat sich parteipolitisch keine weitere Veränderung ergeben: Nach wie vor sitzen für das Limmattal vier SVPPolitiker im Kantonsrat, zwei aus der SP, eine CVP-Vertretung, eine der GLP, und neu drei der FDP, dafür keine mehr von den Grünen.

Auch der Frauenanteil ist mit drei von elf Personen immer noch gleich gross beziehungsweise gleich klein: Er beträgt 27 Prozent. Damit hinkt der Bezirk noch etwas hinter dem Gesamtkantonsrat her, der neu aus immerhin 31 Prozent Frauen besteht.

Der Altersdurchschnitt sinkt um fünf Jahre

Doch die Limmattaler Vertretung im Kantonsrat ist jünger geworden. Dies hat vor allem damit zu tun, dass mit dem 71-jährigen Willy Haderer (SVP), dem 65-jährigen Hanspeter Haug (SVP) und der 64-jährigen Brigitta Johner (FDP) gleich drei Politiker nicht mehr angetreten sind, die alle schon im Pensionsalter sind. Somit verbleibt mit dem 63-jährigen Rolf Steiner (SP) nur noch eine Limmattaler Vertretung im Rat, die über 60 ist. Und zumindest drei der fünf Neo-Kantonsräte und -Kantonsrätinnen drücken den Altersschnitt weiter nach unten: André Müller (FDP) ist 42, Sonja Gehrig (GLP) 45 und Bea Krebs (FDP) 49. Insgesamt sinkt der Altersdurchschnitt der Limmattaler Kantonsräte von 54,5 auf 49,5 Jahre.

Fünf der elf Kantonsräte sind Wissenschafter

Verändert hat sich auch, welche Gemeinden aus dem Bezirk im Rat vertreten sind. Konnten die südlich gelegenen Ortschaften Birmensdorf, Aesch und Uitikon bisher keine Räte stellen, sind sie neu mit zwei Vertretungen dabei: André Müller (FDP) aus Uitikon und Diego Bonato (SVP) aus Aesch. Die Gemeinde Urdorf, die vorher mit drei Personen übervertreten war, belegt neu noch einen Sitz. Die beiden weitaus grössten Ortschaften Dietikon und Schlieren haben vier beziehungsweise drei Vertreter im Rat, was Sinn macht. Auch wenn das rechte Limmattal nun mit nur einer Person – André Bender (SVP) aus Oberengstringen – etwas untervertreten ist, so stimmt die Gemeinde-Durchmischung unter dem Strich doch besser als bis anhin.

Zudem fällt auf, dass die Limmattaler Vertretung im Kantonsrat akademischer geworden ist. Während die abtretenden Politiker eher bodenständige Berufe hatten (Bauer, Druckerei-Unternehmer, Aussendienst-Mitarbeiter, Floristin), fällt auf, dass neu fünf der elf Kantonsräte Wissenschafter sind. Rosmarie Joss (SP) ist Physikerin, Rolf Steiner (SP) und Bea Krebs (FDP) sind Chemiker, Andreas Geistlich (FDP) ist Biochemiker und Sonja Gehrig (GLP) Umweltwissenschafterin. Auch Müller und Bonato stammen als Jurist und Wirtschaftsprüfer aus der akademischen Welt.

Konservativer, jünger, besser durchmischt, akademischer: Was bedeutet das für die Politik der elf Limmattaler Kantonsräte? Klar ist: Die Stimme der Umwelt wird schwächer werden, die Stimme der Wirtschaft stärker. Klar ist aber auch: Die Gruppe aus dem Bezirk widerspiegelt ziemlich genau die Zusammensetzung des Gesamtkantonsrats – man kann also davon ausgehen, dass sie mit ihrer Politik nicht aus dem Rahmen fallen wird. Die Welt wird sie nicht verändern. Hoffen wir, dass sie trotzdem möglichst viel bewegt: für das Limmattal und für das Gemeinwohl.