Fabian Dingetschweiler und Tom Wyniger wirken gelassen beim Feierabendbier. Doch was sie erzählen, passt so gar nicht zum fröhlichen Antlitz dieses milden Frühlingsabends. Noch vor ein paar Wochen waren der Birmensdorfer und der Bonstetter als Flüchtlingshelfer auf der griechischen Insel Chios unterwegs.

Schon 2015 waren die beiden Landschaftsgärtner für ihre Organisation One Love mehrere Male an Orte entlang der von Flüchtlingen aus dem Nahen Osten viel genutzten Balkanroute gereist, um mit ihrer Militärküche für Flüchtlinge zu kochen. Die Küche, eine Spende der «Hirschen»-Wirtin aus Wettswil, sollte auch beim jüngsten Projekt der zwei mitreisen. Dazu beluden sie ihren Pick-up voll mit Kleidern und Hilfsgütern und fuhren ins italienische Bari, wo sie die Fähre nach Griechenland nahmen.

Auf der Insel Lesbos angekommen, erfuhren sie von einem Helferprojekt auf der Nachbarinsel Chios. Hier hatte eine Griechin ihr verlassenes Haus zur Verfügung gestellt, um einen sozialen Treffpunkt für Flüchtlinge einzurichten. Dort wurde nicht nur die Küche der beiden Schweizer benötigt, sondern auch ihre handwerkliches Geschicke, wie der 32-jährige Birmensdorfer Dingetschweiler erzählt: «Als wir nach Chios kamen, waren zwar viele Freiwillige dort, doch fehlte ihnen Werkzeug und Erfahrung im Renovieren. Wir haben dann gleich als erstes das leckende Dach geflickt und dann den Innenraum ausgebaut.»

Die internationale Helfergemeinschaft mit Schweizer Verstärkung nannte das soziale Zentrum, das sie mit Küche, Tischen und Internetanschluss ausstatteten, «Solidarity Café». Das Essen, das mit der Wettswiler Militärküche gekocht wurde, konnte von den Besuchern gratis bezogen werden. Jedoch sei es laut Dingetschweiler den Menschen gar nicht primär um die Nahrung gegangen: «Der hoffnungslose und eintönige Alltag im Lager drückte ihnen aufs Gemüt und sie waren froh, einmal rauszukommen.»

Nachts fuhren die beiden meist der Küste entlang, um nach ankommenden Booten Ausschau zu halten. Weil bei Dunkelheit weniger Gefahr droht, vor dem Erreichen griechischer Gewässer entdeckt zu werden, schicken Schlepper die Flüchtlinge in der Regel dann los. Ausgerüstet mit Nachtsichtgerät, Decken, Kleidern und heissem Tee, empfingen sie durchnässte Menschen von zehn oder mehr Booten pro Nacht.

«Das Wichtigste ist das sofortige Wechseln der Kleider», antworten die beiden auf die Frage nach dem Ablauf, wenn ein Flüchtlingsboot anlegt. Während der Fahrt käme Wasser in die Schlauchboote, weshalb die meisten stark unterkühlt am griechischen Strand ankämen. Viele Schlepper würden behaupten, Kleider und Nahrung würden bei der Ankunft von ihren Partnern bereitgestellt und den Preis dafür auch gleich kassieren. Das habe nicht selten zu Verwirrungen unter den Ankommenden geführt, da ihnen die Auswahl einer ganzen Kleiderpalette versprochen wurde.

«Etwas vom Schwierigsten war, den Leuten klarzumachen, dass wir ihre Schwimmwesten mit dem Taschenmesser aufschneiden mussten», so Dingetschweiler. Die meist gefälschten und deshalb untauglichen Westen seien zu fest verknotet gewesen, um sie normal zu öffnen. «Wie macht man einem Kind, dass gerade die Überfahrt überlebt hat und dich nicht versteht, klar, dass man ihm jetzt ein Messer an den Körper setzen wird?», fragt Wyniger.

Der 25-jährige Bonstetter berichtet von den Erlebnissen auf Chios derart selbstverständlich, als hätte er sein Leben lang nichts anderes gemacht. Dabei führte in der ersten Zeit die tägliche Begegnung mit Leid und Tod zu innerlichen Lähmungserscheinungen: «Gleich in einem der ersten Einsätze kamen unter den nassen Socken eines Kindes blaue Füsschen zum Vorschein». Wyniger trug den Buben zum bereitstehenden Krankenwagen, wo der Sanitäter sogleich feststellte, dass die Füsse abgefroren waren. «Ich habe zwei Tage nur geheult und konnte gar nichts mehr machen.» Die befreundeten Helfer seien glücklicherweise sehr unterstützend gewesen und gaben dem jungen Mann neuen Mut: «Ich wusste, dem Jungen mussten die Füsse amputiert werden, aber er lebte und musste nicht wie viele andere Kinder ertrinken.»
Während ihres Einsatzes waren die Reaktionen aus Familien- und Freundeskreis hauptsächlich positiv. Trotzdem sagt Dingetschweiler: «Die Leute in der Schweiz realisieren noch immer nicht so richtig, was da an der Grenze zu Europa gerade passiert.»

Seit über einem Monat sind Dingetschweiler und Wyniger inzwischen zurück von der griechischen Insel Chios. Die Rückkehr in die Heimat sei happig gewesen, sind sich die beiden Freunde einig. «Auf einmal hilfst du niemandem mehr, obwohl dort unten immer noch Elend herrscht», so Wyniger. Erst mal heisst es aber für die beiden Landschaftsgärtner, Aufträge für die Kunden von Dingetschweilers Geschäft auszuführen. Trotz der humanitären Krise muss auch die eigene Existenz finanziell abgesichert werden.

Kurz nach der Rückkehr der beiden Flüchtlingshelfer wurden die von der UNO bereitgestellten Zeltlager auf den griechischen Inseln geräumt und sämtliche Flüchtlinge in die Hotspots, wie die EU-Registrierlager genannt werden, verfrachtet. Die beiden Männer werden für ihren nächsten Einsatz deshalb wie die meisten engagierten Helfer einen neuen Ort suchen müssen, wo die Hilfe Freiwilliger toleriert wird.