Grosses Interview
Limmattaler Fitness-Pionier Kieser: «Der Tod nimmt dir die Hantel aus der Hand»

Das Unternehmen des Limmattaler Fitness-Pioniers Werner Kieser wird 50 Jahre alt. Der gebürtige Bergdietiker spricht im Interview über seine bescheidenen Anfänge und opportunistische Politiker.

Leo Eiholzer
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Werner Kieser
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Sein erstes Studio eröffnete er 1963 in Dietikon an der Guggenbühlstrasse (oben).
Kieser in jungen Jahren beim Training.

Werner Kieser

Chris Iseli

Herr Kieser, Sie werden oft als Guru des Krafttrainings bezeichnet...

Werner Kieser: (unterbricht) Nein! Da muss ich mich immer wehren. Ein Guru hat Eingebungen und muss nichts belegen, ich belege alles wissenschaftlich. Wobei das nicht heisst, dass die Wissenschaft immer recht hat, ich habe lange genug Wissenschaftsgeschichte studiert. Vieles wird ja von der nächsten Generation widerlegt. Im Prinzip belege ich alles, was ich behaupte. Dort, wo es einfach meine Meinung ist, sage ich das auch. Das ist der Unterschied zum Guru. Der Guru hat es einfach, bei ihm kommen die Eingebungen von oben oder er erfindet sie einfach. Es wäre schön und praktisch ein Guru zu sein, aber ich bin leider keiner.

Was müssen Sie denn belegen? Was ist nach 50 Jahren Ihre Philosophie des Krafttrainings?

Ja, was heisst «Philosophie»? Ich habe Philosophie studiert. (Mit 60 Jahren angefangen und mit 70 mit Master abgeschlossen, Anm. d. Red.) Deshalb ist es natürlich heikel, das Krafttrainingsverfahren als Philosophie zu bezeichnen.

Okay, anders gefragt: Was machen Sie anders als die anderen?

Heute haben Sie in diesem Markt ein Alleinstellungsmerkmal, wenn Sie einigermassen normal und vernünftig sind. Die Unvernunft dominiert. Ich habe es relativ einfach: Schauen Sie mal in diese Branche, der ich zugeordnet werde. Ein Trend jagt den anderen. Wie in der Mode, wo sie an Ostern schon wieder die neue Weihnachtskollektion vorstellen. Wir halten uns einfach an unsere wissenschaftlichen Daten. Das wechselt nicht so schnell wie die Trends. Der neue Unsinn ist ja zum Teil eine alte Sache, die schon früher mal aus dem Rennen gefallen ist, wie zum Beispiel Pilates. Yoga habe ich schon vor 60 Jahren gemacht. Für mich sind das alles Déjà-vus. Das ist ein Vorteil des Alters.

Wie geht das vonstatten?

Es kommen immer Sachen, die schon mal da waren. Meistens anglifiziert, das hört sich besser an. «Crossfit» ist jetzt diese neue Sache von Reebok, dem Turnschuhverkäufer. Aufgrund ihrer sinkenden Umsätze haben sie mit einer Millionen-Investition einen Trend erfunden. Unserer Kampfbahn in der Rekrutenschule in Aarau war besser, als das, was die jetzt bieten. Damals haben wir geflucht, jetzt muss man dafür zahlen (lacht).

Was ist mit der Fitnessbranche in den letzten 50 Jahren passiert?

Sie ist konstant rückwärts oder zumindest im Kreis gelaufen. Durch die Kommerzialisierung des Ganzen ist die Branche unvernünftig geworden. Es geht jetzt darum, neues Equipment in die Studios zu bringen. Die physiologischen und biomechanischen Tatsachen spielen keine Rolle mehr. Die Leute wissen gar nichts mehr. Es gibt einiges, was sinnvoll ist und was man durchziehen könnte. Das wird aber dann nicht gemacht, weil es entweder zu hart ist, oder die Kunden es nicht so gut finden. Ich habe mich nie an Kundenwünsche gehalten.

Zur Person

In seinen Studios ist alles anders: Es gibt kaum Annehmlichkeiten, das gezielte, intensive Training steht im Vordergrund. Werner Kieser (77) gründete 1967 die Kieser Training AG, die dieses Jahr ihr 50-Jahr-Jubiläum feiert. Sein erstes Studio eröffnete der gebürtige Bergdietiker aber bereits 1963 in Dietikon. Heute gibt es Kieser-Studios als Franchises auf der ganzen Welt. Kieser verkaufte sein Lebenswerk Anfang des Jahres an Michael Antonopoulos und Nils Planzer. Der Gründer bleibt aber in der Öffentlichkeitsarbeit vorerst unersetzlich und begleitet auch die Entwicklung neuer Maschinen als Ideengeber.

Wieso nicht?

Da bin ich Anti-Marketing. Es ist wie beim Arzt. Ein Arzt, der fragt: «Hätten Sie gerne eine rote oder eine grüne Pille», ist nicht glaubhaft. Die Leute, die Trends wollen, sind gehirngewaschen von diesen sogenannten Special-Interest-Zeitschriften, also «Men’s Health» und solchem Unsinn. Natürlich geben sich auch Wissenschafter her, weil es zu viele hat, die ein Gutachten schreiben für irgendeinen Quatsch. Mein Unternehmen ist aufgefallen, weil ich den Trends nicht gefolgt bin. Ich werde häufig gefragt, wie ich dem standhielt. Aber es gab gar nicht viel standzuhalten, denn man sieht den Schwachsinn von Weitem. Dass ich ihn nicht mitgemacht habe, hat man mir natürlich übel genommen in der Branche, immer wieder. Doch damit kann ich leben (lacht).

Ihr erstes Studio haben Sie 1963 an der Guggenbühlstrasse in Dietikon aufgemacht. Ich nehme an, damals war der Andrang noch nicht so gross.

(Lacht und überlegt dann lange) Das war ein Versuch, der wie so viele meiner Versuche leider gescheitert ist. Er ist gescheitert, weil mir die Hausbesitzerin Frau Bernasconi, so hat sie geheissen, die Räume gekündet hat. Ihr Sohn musste ja auch etwas machen und wollte darin eine Fahrschule eröffnen. Also musste ich schon nach einem Jahr wieder heraus. Das war deprimierend, aber es spornte mich auch an. Dann bin ich nach Zürich und habe gesagt, jetzt will ich es wirklich wissen.

Also wurden Sie von einer Fahrschule aus Dietikon vertrieben?

Das war natürlich als Sprungbrett gedacht. Nur nicht so rasch. Aber irgendwo musste ich ja anfangen. Zuerst in der Waschküche der Mutter, dort habe ich auch für das Boxen trainiert. Dann kamen Freunde in diese Waschküche und haben mit mir trainiert. Man muss sich vorstellen: Einer, der ist jetzt auch in meinem Alter, trainiert seitdem bei uns. Ich habe gedacht, wenn es in Dietikon gut läuft, gehe ich nach Zürich. Zürich ist eben weit weg für einen, der in einem Bauerndorf aufgewachsen ist. Nachdem ich in Dietikon raus musste, kam ich für zwei Jahre an die Nordstrasse in Zürich, danach an die Grüngasse im Kreis 4.

Wie war es dort?

Ich kannte den Kreis 4 nicht, aber es war interessant, die verschiedenen Gesellschaftsschichten in Zürich kennenzulernen. Mein Standort war ziemlich im Milieu. Das heisst, es hatte viele Prostituierte und ihre «Beschützer». Es trainierten auch viele Polizisten bei mir. Sie mussten alle Waffen abgeben, wenn sie zum Training kamen. Weil ich noch keine schliessbaren Kästen gehabt habe, hat es ausgesehen wie in einem Waffenladen (lacht). Aber weil ich nebenbei noch beim Waffenglaser Waffen verkauft habe, kannte ich mich aus damit. Ich wusste genau, wem welche gehört.

Es kamen aber auch andere.

Ja, es kamen immer mehr Leute, die eigentlich gar nicht aus dem Quartier waren, vom Zürichberg und aus Zollikon zum Beispiel. Das habe ich aufmerksam registriert, machte fast soziologische Studien: Was unterscheidet die Leute und wieso kommen sie in dieses verrufene Quartier? Aber ich wusste überhaupt nicht, was eine Zielgruppe ist. Was es braucht, um ein Dienstleistungsunternehmen zu führen, habe ich mir dann autodidaktisch angeeignet. Ich habe einiges gelernt.

Sie wohnen ja jetzt als wohlhabender Mann am Zürichberg, sind Sie dem Limmattal und Bergdietikon noch verbunden?

Ja, natürlich. Meine Frau und ich haben zwei Hunde und wir wandern oft über das Kloster Fahr der Limmat entlang nach Dietikon runter. Es hat sich in Dietikon vieles geändert, seit ich dort in die Sek bin. Wir hatten vor ein paar Tagen Klassenzusammenkunft, mit denen, die noch leben. Das ist interessant, wenn man sieht, was gegangen ist in den letzten Jahren.

Ich nehme mal an, bei der Klassenzusammenkunft waren Sie der weitaus Erfolgreichste aus Ihrer alten Klasse.

Das weiss ich nicht, aber viele Leute meinen das wahrscheinlich. Aber das ist ja bedeutungslos. Schauen Sie, am Schluss sind wir alle tot (lacht).

Das stimmt.

Und dann müsste man noch definieren, was Erfolg ist? Ist es Erfolg, wenn man reich ist und einen Herzinfarkt hat?

Oder wenn man etwas Spezielles schafft, wie es Sie ja getan haben.

Ich empfand nie Stress im Sinn von, wie heisst das Modewort? Ah ja, Burnout. Ein Burnout ist im Grunde genommen die Angst vor Anerkennungsverlust. Sie identifizieren sich mit einer Erwartung, die andere an Sie stellen und haben Angst, diese nicht zu erfüllen. Und dann meinen Sie, Sie könnten nicht einfach den Bettel hinschmeissen. Das habe ich immer gemacht. Wenn mir etwas nicht mehr passte: Schluss. Aber ich glaube, es hing auch damit zusammen, dass ich mit der Philosophie und der Literatur immer eine Parallelwelt hatte. Ich habe von klein auf immer viel gelesen.

Was hat Ihnen das gegeben?

Man streift den Alltag ab und geht in eine andere Existenz. Das ist enorm entlastend. Viele gehen vielleicht mit Drogen auf das andere Gleis. Ich habe es anders gemacht. Ich glaube, das sollte jeder machen, der nicht will, dass ihn das Unternehmen vereinnahmt, so, dass er sich darüber definiert. Das ist ja völlig lächerlich. Weil jedes Unternehmen, selbst ein grosses, ist eine Nussschale im Meer der Wirtschaft. Es nützt ja nichts: Wenn die Fitnesswelle nicht gekommen wäre, wären wir beide jetzt nicht an diesem Tisch. Und da konnte ich nichts dafür. Bis heute konnte mir kein Marketing-Guru erklären, wie das entstanden ist. Das ist auch bei anderen Phänomenen so. Ich sage das, weil die Marketingleute immer so tun, als hätten Sie für alles eine Antwort.

Die Fitnesswelle veränderte alles?

Auf alle Fälle wurde die Nachfrage sehr gross. Später, bei unserer Expansion nach Deutschland, gab es auch mehr PR. Die Zeitungen schrieben über «das andere Studio». Ich habe in der «Zeit», der «Süddeutschen», im «Focus», im «Spiegel», also fast überall, ganzseitige Interviews gehabt. Die Mitbewerber waren konsterniert. «Wie schaffst du das, was hast du für eine PR-Agentur?», wurde ich gefragt. Ich hatte gar keine (lacht). Bei uns trainieren natürlich auch viele Journalisten, das entspricht auch dem Zielpublikum. Wir haben sehr viele sogenannte Meinungsführer oder Neudeutsch «Opinion Leaders». Da gehören Sie auch dazu, als Journalist.

Da übertreiben Sie ein wenig.

Journalisten, Professoren und so weiter, also Leute, die anderen erzählen, was Sache ist, gehören da dazu. Die zweite grosse Gruppe sind diejenigen, die das glauben, was die Meinungsführer erzählen. Also «kognitiv affine» Leute. Die dritte und grösste Gruppe haben wir nicht. Das sind die «kognitiv Resistenten». Dieses «Essen und Sex»- oder eben «Bild»-Publikum. Nichts gegen diese Leute oder gegen die «Bild». Die «Bild» hat ihre Zielgruppe. Aber wenn man die einen hat, kann man nicht die anderen haben. Das schliesst sich vom Niveau her aus. Sie verderben es mit den einen, wenn sie die anderen wollen. Wenn wir jetzt anfangen würden Musik zu machen und «Judihui», damit es schön ist, wie in den meisten Fitnessstudios, dann bin ich sicher, dass wir unser Publikum verlieren. Und das wäre eigentlich schade.

Als Sie das Unternehmen gründeten, sagten Sie, Ihr Ziel sei es, «die Welt zu kräftigen». Haben Sie das erreicht?

Das war die Idee, aber das war natürlich eine Hybris. Aber man muss ja irgendwas wollen. Mir wurde natürlich immer mehr bewusst, dass viele Leute durch mangelnden Gebrauch der Muskulatur Probleme mit dem Bewegungsapparat haben. Auch schon Junge. Und Sport löst das Problem nicht. Das, was wir bei Kieser machen, ist nicht Sport. Das ist Wartung und Aufbau des Bewegungsapparats. Sport ist immer einseitig. Sie erzeugen damit sogenannte muskuläre Dysbalancen und diese produzieren Probleme. Muskuläre Dysbalancen sind ein Ungleichgewicht der Kräfte des Körpers und verändern dessen Statik. Das Ganze hält durch die Muskeln zusammen. Wenn alle Beuger trainiert sind, aber die Strecker nicht, dann haben Sie schon mal ein Riesenproblem.

Haben Sie bei genügend Leuten die Dysbalancen ausbalanciert?

Es haben fast alle Rückenprobleme. Etwa 80 Prozent der Menschen, das ist enorm. Da stechen Sie natürlich in ein Wespennest. Mit dem Training verschwinden fast 90 Prozent der Rücken- und Nackenprobleme. Wir haben Studien gemacht, die das belegen. Im Fachblatt «European Spine» erschien eine mit 388 Patienten, die schon einen OP-Termin hatten. Davon mussten noch 44 operiert werden, die anderen konnten alle canceln.

Löst das nur Freude aus?

Spitäler haben auch ihre Budgets. Das sind ja auch Kaufleute dort. Die antizipieren jedes Jahr, wie viele kommen. Sie müssen sich vorstellen, an jeder Operation der Wirbelsäule verdienen unmittelbar sechs Leute, vom Anästhesisten bis zum Ergotherapeuten. Und jetzt kommen Sie und sagen, das brauche es alles nicht. Eine Maschine, zehn Sitzungen und dann ist alles wieder gut, da kommt eben nicht nur Freude auf. Das habe ich gemerkt. Der Spiegel hat mich mal als «Todfeind der Orthopäden» bezeichnet. Das war die beste Werbung, die ich je hatte. Aber es ist halt so, wie es ist. Ein System baut Mechanismen zum eigenen Schutz, das hat ja Luhmann nachgewiesen, der deutsche Systemtheoretiker. Wenn man das versteht, regt man sich danach auch nicht mehr auf.

Sie sagten einmal, Deutschland könne von den 50 Milliarden D-Mark 40 Milliarden sparen, wenn alle Ihr Training befolgen würden. Wie?

Man hat damals diese 50 Milliarden, die der deutsche Rücken durch Arbeitsausfälle und so weiter koste, dauernd kolportiert. Und ich habe dann eben provoziert mit dieser Aussage. Vor allem Politiker habe ich geärgert. Ich hatte ein Treffen mit der damaligen deutschen Gesundheitsministerin Ulla Schmidt. Sie ist halt eine typische Politikerin. Ich meine, ein Politiker ist ja zunächst einmal ein Opportunist, per definitionem. Nichts anderes. Das ist sein Beruf. Man muss sich ja nach dem Volk richten. Er kann nicht eine eigene Meinung haben.

Was passierte beim Treffen?

Was mich am meisten verwundert hat: Die Ministerin ist mit ihrem Tross von Professoren hier eingefahren. Das sind zwar Professoren, aber im Grunde genommen haben die alle politische Jobs. Die mussten wohl auch alle gehen, als die «Sozis» nicht mehr am Ruder waren. Als ich meine Studie vorstellte, kam einer aus dem Tross, von der Krankenkasse AOK zu mir, der war der Beste. Der war ganz erstarrt ab diesen Zahlen, dann sagte er: «Das ist wunderbar, aber wissen Sie wie viele Arbeitsplätze das vernichten würde?» Ich staunte nur noch und habe realisiert: Wenn man politisch denkt, hat er im Grunde genommen recht. Tausende leben davon, dass dauernd am Rücken «herumgeklüttert» wird. Und jetzt kommt einer und sagt: «Das ist nicht nötig, wir brauchen nur eine Maschine» Das geht nicht. Das darf nicht wahr sein.

Sie sind jetzt 77 und trainieren immer noch zwei- bis dreimal pro Woche. Wie lange werden Sie das noch tun?

Bis ich tot bin. Ich hatte einen Freund, Sepp, der war hundert Jahre alt. Er hat bis zuletzt trainiert, dann starb er. Wenn man das so drin hat, dass man keine extrinsische Motivation mehr braucht, dann ist nicht die Frage, wie lange man es noch macht, sondern irgendwann hört es einfach auf. Also nimmt dir der Tod quasi die Hantel aus der Hand (lacht).