Fahrprüfung
Limmattaler Fahrlehrer sehen Gespräche als Ansporn

Bevor die Fahrschüler zur dritten Prüfung antreten, muss der Fahrlehrer beim Strassenverkehrsamt antraben. Dies soll die Durchfallquote senken. Fahrlehrer sehen das als Ansporn.

Katja Landolt
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Im Kanton Zürich fallen von jährlich 15000 Lernfahrern 2000 durch die ersten beiden Prüfungen.Keystone

Im Kanton Zürich fallen von jährlich 15000 Lernfahrern 2000 durch die ersten beiden Prüfungen.Keystone

Thomy Lüthi, Inhaber der Fahrschule Team Humm in Dietikon, hat an der Einführung dieser neuen Regelung für zweifach durchgefallene Fahrschüler mitgearbeitet. Er erachtet sie als Ansporn – für die Kandidaten, aber auch für die Fahrlehrer. «Die neue Regelung gibt uns ein Argument mehr, damit die Fahrschüler nicht überstürzt an die Prüfung gehen.» Auch für Gabi Senn, Fahrlehrerin aus Bergdietikon, liegen die Vorteile auf der Hand: «Die Fahrschüler müssen an der Prüfung ein höheres Niveau mitbringen. Dadurch steigt die Verkehrssicherheit.»

Der Grund für die neue Regelung: Nirgends fallen in der Deutschschweiz so viele durch die Fahrprüfung, wie im Kanton Zürich. Die Erfolgsquote lag im Jahr 2011 bei nur gerade 60 Prozent. Bei rund 15000 Lernfahrern, die jedes Jahr zur Prüfung antreten, bestehen 7000 nicht. Wie die «NZZ» schreibt, fallen von diesen 7000 auch bei der zweiten Prüfung 2000 Kandidaten durch.

Um der hohen Durchfallquote Herr zu werden und die Qualität der Prüfungskandidaten zu steigern, hat das Strassenverkehrsamt Zürich per 1. März 2012 das Verfahren geändert: Will ein Fahrschüler zur dritten praktischen Prüfung zugelassen werden, muss sein Fahrlehrer – am besten mitsamt dem Schüler – zum Gespräch auf dem Strassenverkehrsamt Zürich-Albisgütli oder Winterthur antraben. Die dritte Prüfung muss auch an einem der beiden Standorte absolviert werden. Bisher musste der Fahrlehrer nur mit einer Unterschrift bestätigten, dass die Ausbildung abgeschlossen sei.

Happiger als vor 20 Jahren

Die Gründe für die hohe Durchfallquote orten Lüthi und Senn hauptsächlich im fehlenden Vorausschauen beim Fahren – unabdingbar bei der Verkehrsdichte auf Zürichs Strassen. Lüthi rügt aber auch die anderen Verkehrsteilnehmer: «Es ist teilweise unglaublich, wie undiszipliniert sie sind.» Das partnerschaftliche Verhalten auf den Strassen habe deutlich abgenommen, sagt er. Dass andere Fahrer über die Fahranfänger fluchen, zu nah auffahren und hupen, sei normal. «Das Umfeld, in dem sich Fahrschüler heute bewegen müssen, ist viel schwieriger als noch vor 20 Jahren.»

Die hohen Anforderungen wirken sich auch in der Anzahl Fahrstunden aus, die ein Kandidat im Schnitt vor der ersten Prüfung absolviert. Während diese vor 20 Jahren im Schnitt bei 20 bis 30 Fahrstunden lag, schätzt Lüthi diese heute auf 30 bis 40 Stunden – ohne Berücksichtigung von privaten Fahrstunden oder Vorkenntnissen. «Im Limmattal, wo wir in einer Multikulti-Gesellschaft leben, machen wir als Fahrlehrer immer wieder die Erfahrung, dass Jugendliche bereits in ihrem Heimatland erste Grundkenntnisse des Autofahrens erlernt und ein gutes Handling haben», sagt Senn.

Bei der Anzahl Fahrstunden liegt der nächste Hund begraben: «Die Fahrschüler stehen häufig unter enormem Druck seitens Familie und Freunden», sagt Senn. Es gilt: «Je weniger Fahrstunden, desto cooler.» Und wenn man berechnet, dass die Ausbildung mit 30 Fahrstunden rund 3000 Franken koste, werde auch der wirtschaftliche Faktor wichtig: «3000 Franken sind für einen Lehrling viel Geld», sagt Senn.

Viele melden sich deshalb auch früher zur Prüfung an, als der Fahrlehrer für sinnvoll erachtet. Das ist zulässig, aber wenig selbstkritisch – die Durchfallquote solcher Prüflinge ist hoch. Denn der Experte bewertet nicht nur die Ausführung der Manöver, sondern hauptsächlich die Sicherheit, mit der sich der Lenker im Verkehr bewegt. Und Sicherheit gibt es nur durch Übung, sagt Lüthi. Er ist überzeugt: «Die Durchfallquote könnte um die Hälfte minimiert werden, würden sich die Fahrschüler an die Ratschläge ihrer Fahrlehrer halten.» Er weigert sich denn auch, solch vorschnelle Kandidaten an die Prüfung zu begleiten. «Ich habe einen Ruf zu verlieren.»

Konkurrenzkampf unter Schulen

Der Schwarze Peter für die hohe Durchfallquote gehört aber nicht nur den Fahrschülern zugeschoben: «In einem Fahrlehrer schlagen zwei Herzen», sagt Lüthi. Einerseits wolle jeder Fahrlehrer seinen Job richtig machen und die Fahrschüler bestmöglichst ausbilden. «Anderseits sind wir Dienstleistungsbetriebe, die zufriedene Kunden wollen. Ist der Kunde nicht zufrieden, weil wir ihm beispielsweise von einer baldigen Prüfung abraten, wechselt er zur Konkurrenz.» Und diese Konkurrenz ist gross, bestätigt auch Gabi Senn: «Der Konkurrenzkampf schlägt sich auf die Preispolitik und die Fahrausbildung nieder.»

Auch hier schiebt die neue Regelung einen Riegel: Beim Gespräch müssen die Fahrlehrer die Ausbildung dokumentieren. So wird auch die Qualität der Ausbildung kontrolliert. Lüthi: «Ich bin überzeugt, dass mit der neuen Regelung die Durchfallquote deutlich gesenkt wird.» Einzig einen Punkt merkt Lüthi im Sinne der Gleichbehandlung aller Fahrlehrer im Kanton Zürich an: «Dass das Gespräch an den zwei Hauptstandorten stattfindet, ist in Ordnung.» Nicht einverstanden ist Lüthi damit, dass die dritte praktische Prüfung nur an einem der beiden Standorte gemacht werden kann. «Die Prüfung sollte weiterhin in jedem Strassenverkehrsamt des Kanton Zürich stattfinden können.»