Limmattal
Limmattaler Export-Firmen zum Nationalbank-Entscheid: «Das ist brutal»

Der Entscheid der Schweizerischen Nationalbank (SNB), den Euro-Mindestkurs aufzuheben, hat am Donnerstag in der Schweiz ein mittleres Erdbeben ausgelöst. Ein Beben, das auch im Limmattal deutlich zu spüren war.

Bettina Hamilton-Irvine
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Für die Urdorfer Firma Brütsch/Rüegger wird die Aufhebung des Euro-Mindestkurses einschneidende Folgen haben.

Für die Urdorfer Firma Brütsch/Rüegger wird die Aufhebung des Euro-Mindestkurses einschneidende Folgen haben.

Tabea Wullschleger

«Ich habe nicht gut geschlafen», sagt Christian Rüegger, CEO des Urdorfer Unternehmens Brütsch/Rüegger, das unter anderem mit Werkzeugen, Metall- und Industrieprodukten handelt. Weil die metallverarbeitende Industrie in der Schweiz 60 Prozent ihrer Produkte in den EU-Raum exportiert, ist Brütsch/ Rüegger als deren Zulieferer vom Entscheid direkt betroffen.

«Keine Chance» für kleine Firmen

Nachdem SNB-Präsident Thomas Jordan am Donnerstag den folgenschweren Entscheid verkündet hatte, rasselte der Euro kurzzeitig in den Keller und war gerade noch 84 Rappen wert. Am Ende des Tages hatte er sich immerhin wieder bei 102 Rappen eingependelt. Rüegger kann noch nicht abschätzen, wie sich die Freigabe des Wechselkurses, die er als «absolute Katastrophe» bezeichnet, konkret auf sein Unternehmen auswirken wird. Doch: Etwa die Hälfte der Brütsch/Rüegger-Kunden sind grosse Firmen, von denen sich, wie er vermutet, viele ins Ausland verlagern werden. Die andere Hälfte sind Klein- und Kleinstunternehmen, die, so Rüegger, «keine Chance» hätten, sich im Ausland etwas aufzubauen. Nach der Aufhebung des Euro-Mindestkurses, der Planungssicherheit gegeben habe, seien diese Firmen nun akut bedroht und einige dürften nach und nach verschwinden, sagt Rüegger: «Das ist brutal.»

Er müsse den Entscheid der SNB zuerst verdauen, sagt auch Felix Obrist, CEO der Dietiker Bonbons-Fabrik F. Hunziker AG. Zwar sei es zu erwarten gewesen, dass die Anbindung an den Euro nicht ewig halten könne. Doch: «Die Kurzfristigkeit des Beschlusses hat mich überrascht.» Hunziker exportiert rund die Hälfte der Produkte ins Ausland. Diese werden für die Kunden nun schlagartig entsprechend teurer.

Zwar importiert Hunziker Rohstoffe aus dem Ausland und kann dort nun von günstigeren Einkaufspreisen profitieren. Damit könne man aber nur einen Teil des Preisanstiegs auf die Endprodukte auffangen, sagt Obrist. Nun gelte es aber vorerst, abzuwarten, wie sich der Frankenkurs gegenüber den Hauptwährungen Euro und US-Dollar weiterentwickle. Zum jetzigen Zeitpunkt seien deshalb konkrete Prognosen noch verfrüht. Klar sei: «In Bezug auf die Planung für dieses Jahr müssen wir sicher nochmals über die Bücher.»

«Negative Aspekte überwiegen»

Sowohl negative als auch positive Auswirkungen hat der SNB-Entscheid auf die Schlieremer Geistlich-Gruppe, der verschiedene Tochtergesellschaften angehören. «Auch wenn Handelsgesellschaften nun günstiger einkaufen können, so sind sie am Markt trotzdem mit dem hohen Kostendruck der Kunden konfrontiert», sagt Verwaltungsratspräsident Andreas Geistlich. So werde die Aufgabe des Euro-Mindestkurses unter dem Strich zu einer Bedrohung, sagt er: «Die negativen Aspekte überwiegen ganz klar.»

Unter Druck komme auch der Pharmabereich des Unternehmens, sagt Geistlich. Denn während dessen Produkte in der Schweiz produziert werden, exportiert die Firma etwa 95 Prozent davon ins Ausland. Rund die Hälfte geht in den EU-Raum.

Sorgen um den Standort Schweiz

Geistlich macht sich aber auch Sorgen um den Produktionsstandort Schweiz im Allgemeinen. Wenn der Euro weiterhin nur einen Franken koste, müssten ganz viele Firmen über die Bücher, sagt er. «Die wichtigste Frage wird mittelfristig sein: Investiert man weiterhin in den Standort Schweiz?» Das sei beunruhigend. Als forschungsintensives Unternehmen stehe für Geistlich aber nicht zur Diskussion, die Schweiz zu verlassen.