Bezirksgericht Dietikon
Limmattaler erhält 36 Monate teilbedingt – er lagerte teuflischen Stoff in der Werkstatt

Ein Limmattaler wurde wegen Heroin- und Marihuana-Delikten verurteilt – nun ist er dem Staat über 130 000 Franken schuldig.

David Egger
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Ein beschlagnahmter Heroinblock wird in in die Kamera gehalten (Symbolbild).

Ein beschlagnahmter Heroinblock wird in in die Kamera gehalten (Symbolbild).

KEYSTONE/Regina Kuehne

Die Kantonspolizei stiess im Limmattal auf einen Heroinhandelsring. Ein Beteiligter stand gestern vor Bezirksgericht. Der Limmattaler mit türkischen Wurzeln hatte den Auftrag, das Heroin zu lagern.

Doch er flog auf, legte gegenüber den Ermittlern ein Geständnis ab. Es begann damit, dass ihm ein Komplize Plastikbeutel mit gut sieben Kilogramm Heroingemisch – es enthielt mindestens 2,4 Kilogramm Reinsubstanz – in seine Werkstatt brachte. Der Beschuldigte versteckte die Droge: erst in der Werkstatt, dann im Büro und schliesslich im Kofferraum eines Autos. Nicht ohne Grund hatte er Angst um die Ware. Denn in die Werkstatt wurde kurze Zeit darauf eingebrochen, die ungebetenen Besucher fanden das Heroin aber nicht. Der Komplize holte den Stoff wieder ab – Mission erfüllt.

2,8

Kilogramm reines Heroin sowie 10 Kilogramm Marihuana: Den Umgang mit dieser Drogenmenge hat die Zürcher Staatsanwaltschaft für Betäubungsmitteldelikte und organisierte Kriminalität dem gestern verurteilten Mann zur Last gelegt. Er kooperierte vollkommen und legte ein umfassendes Geständnis ab.

Dann, Monate später: Drei Komplizen und ein Unbekannter, genannt «Boss», brachten wieder Heroin in die Werkstatt, diesmal 1,5 Kilogramm, es enthielt gut 450 Gramm Reinsubstanz. Der Beschuldigte brachte einzelne Proben zu Testzwecken nach Winterthur – dem heutigen Heroin-Mekka des Kantons (siehe Grafik unten).

Die Heroingelder reichten der Bande nicht aus: Zweimal sind sie in Cannabis-Indoor-Anlagen eingebrochen – eine davon im Tösstal –, um die Ernte zu stehlen. Die total mindestens zehn Kilogramm Marihuana verarbeiteten sie in Privatwohnungen im Limmattal und verkauften sie für mindestens 50 000 Franken. «Das ist schon ein ziemlich dreistes Vorgehen, wenn man die Plantage einer Drittperson ausräumen geht», sagte der Dietiker Gerichtspräsident Stephan Aeschbacher. Es kam noch mehr: Der Mann bediente eine Maschine in der Werkstatt falsch. Die Folge war ein Brand mit beträchtlichem Sachschaden.

«Kontakt mit den falschen Leuten»

Wegen mehrfachen Verbrechens gegen das Betäubungsmittelgesetz und teils der Gehilfenschaft dazu wurde der Limmattaler gestern zu 36 Monaten Freiheitsstrafe verurteilt. Zusätzlich wurde ihm wegen der fahrlässigen Verursachung einer Feuersbrunst eine bedingte Geldstrafe von total 2700 Franken auferlegt. Von der Freiheitsstrafe sind 30 Monate bedingt und 6 Monate unbedingt, bei drei Jahren Probezeit. Wegen der gut fünfmonatigen Untersuchungshaft muss er nur noch etwas mehr als einen Monat ins Gefängnis. Zudem muss er die Verfahrenskosten von 129 316,55 Franken berappen. Dazu kommen 1500 Franken Gerichtsgebühr. Richter Aeschbacher betonte gegenüber dem Delinquenten, dass das Urteil sehr zu dessen Gunsten ausgefallen und wohlwollend sei, aber noch vertretbar.

«Ich geriet in Kontakt mit den falschen Leuten und will keinen Kontakt mehr zu ihnen. Die meisten sitzen ja in U-Haft», sagte der Mann vor Gericht. Dass er zur Schuldenbegleichung wieder ins Drogengeschäft einsteigt, ist unwahrscheinlich. Denn das Urteil fiel milde aus, weil der Mann vollumfänglich kooperierte, eine untergeordnete Funktion innehatte und nur kleinen finanziellen Profit erzielte. Wohl ganz im Gegensatz zum «Boss». Die Identität des Drahtziehers ist unbekannt.

Kantonspolizei: «Der Heroinhandel floriert»

Die Verfolgung und Aufklärung des Heroinhandels wird zu einer immer grösseren Herausforderung. Das sagt die Kantonspolizei.

Bei Heroin denken Zürcher oft an die längst vergangenen Zeiten von Platzspitz und Oberem Letten, oder an die erfolgreichen staatlichen Abgabestellen, mit denen die Süchtigen von der Strasse geholt wurden. Doch die traurige Wahrheit ist: Die zerstörerische Droge ist noch da, auf den Strassen des ganzen Kantons. Die Händler schreiben fette Gewinne und profitieren von noch nie dagewesenen technischen Möglichkeiten. Wir beantworten die wichtigsten Fragen zur Einschätzung der Situation im Limmattal und im Kanton Zürich.

1. Nimmt das Limmattal im Heroinhandel eine wichtige Rolle ein?

Angesichts dessen, dass Heroinmengen von über 12 Gramm als schwere Fälle beurteilt werden, sind die 2,8 Kilogramm des gestern verurteilten Limmattalers eine sehr grosse Menge – er hat den Grenzwert um mehr als das 200-fache überschritten. Die Kantonspolizei erklärt auf Anfrage, dass man daraus nicht schliessen kann, dass das Limmattal im Heroinhandel eine wichtige Rolle einnimmt. Insgesamt bewegt sich Dietikon im Heroinhandel im vorderen Mittelfeld (siehe Grafik). Zürich und vor allem Winterthur spielen eine wesentlich wichtigere Rolle. In ländlichen Bezirken wie etwa dem benachbarten Affoltern ist der Heroinhandel ein deutlich kleineres Phänomen

2. Welche Polizeikorps bekämpfen den Heroinhandel?

Neben der Kantonspolizei befassen sich vor allem die Stadtpolizeikorps von Zürich und Winterthur mit dem Problem. Die Heroin-Delikte, die von diesen drei Korps aufgedeckt werden, fliessen in die Statistik ein, die der oben abgebildeten Grafik zugrunde liegt. Andere kommunale Polizeikorps stellen viel weniger Heroin sicher. «Diese Anteile sind sehr klein. Zumeist handelt es sich dabei um Sicherstellungen aus Zufallskontrollen beziehungsweise Kontrollen, die aufgrund anderer Verdachtsgrundlagen durchgeführt wurden», erklärt die Kantonspolizei.

3. Der gestern verurteilte Mann hat einen türkischen Migrationshintergrund und weist Verbindungen zu Albanern, Ungarn und Bulgaren auf. Ist das repräsentativ für den ganzen Heroinhandel im Kanton?

Die Kantonspolizei bestätigt auf Anfrage, dass der Heroinhandel nach wie vor fest in den Händen der Balkanländer liege: «Bezüglich der Nationen sind nebst den in der Frage genannten Nationalitäten auch serbische, mazedonische, bosnische, rumänische und weitere Gruppierungen vertreten.»

4.Der gestern Verurteilte war auch ins Marihuana-Geschäft involviert. Ist das typisch für Heroinhändler?

Eher nicht, wie die Kantonspolizei auf Anfrage sagt: In der Regel würden sich Heroinhändler an ihr Kerngeschäft halten. «Es kommt selten vor, dass nebst dem Heroinverkauf auch andere Drogen – dann zumeist Cannabisprodukte – angeboten werden. Grundsätzlich verstehen die Heroinverkäufer nur ihr Geschäft und werden auch nicht anderweitig eingesetzt», erklärt die Kantonspolizei.

5. Gemäss Schweizerischem Suchtmonitoring konsumieren gut 0,1 Prozent der Bevölkerung Heroin. Es handle sich heute – im Gegensatz zu Platzspitz-Zeiten – um ein häufig verheimlichtes und schwer zu erfassendes Phänomen. Die Frage liegt also auf der Hand: Wird das Aufdecken von Heroinhandelsfällen schwieriger?

«Trotz des Umstandes, dass solche Zahlen einen eher geringen Konsum von Heroin zeigen, floriert der Heroinhandel nach wie vor. Mit der ständig wachsenden Vernetzung der Gruppierungen und der gesteigerten Zahl von Kommunikations- und Transportmöglichkeiten wird die Verfolgung und Aufklärung von Straftaten betreffend den Heroinhandel tatsächlich zu einer immer grösser werdenden Herausforderung», erklärt die Kantonspolizei. Umso beachtlicher ist es also, wenn ein Heroinhandelsfall wie der aktuelle aus dem Limmattal aufgedeckt wird.

6. Hat die Kantonspolizei genug Ressourcen zur Bekämpfung des Heroinhandels? Ist es ein wichtiger Teil ihrer Arbeit? Wo setzt sie den Fokus?

Mit solchen Fragen beisst man bei der Polizei auf Granit. Sie darf ihre Taktik nicht verraten. Und die Ressourcenfrage ist stets auch politisch behaftet. Die Kantonspolizei schreibt, dass sie ihre personellen und technischen Ressourcen optimal einsetze. Zudem werde der Auftrag ständig überprüft: «Bei plötzlichen Ereignissen können wir adäquat reagieren.»

7. Gemäss polizeilicher Kriminalstatistik wurden im Kanton Zürich 2015 total 46 Kilogramm reines Heroin sichergestellt, verteilt auf 616 Fälle. Wie sieht der Trend aus?
Die Zahl ist relativ stabil. Zwischen 2011 und 2015 schwankte sie zwischen 30 und 65 Kilogramm. Eine Ausnahme war das Jahr 2010, als 124 Kilogramm Heroin sichergestellt wurden. Der Grund: Damals machte die Stadtpolizei Zürich einen Grossfund und stellte 100 Kilogramm Heroin auf einen Schlag sicher.

8. Welche Rolle spielen Drogenspürhunde bei der Bekämpfung des Heroinhandels im Kanton Zürich?

Bei der Aufdeckung von Heroinhandelsfällen spielen Drogenspürhunde keine wichtige Rolle, ausser etwa bei Zufallsfunden. «Die Hunde werden erst im Zusammenhang mit Kontrollen und Verhaftungen beigezogen. Der Drogenhund ist zudem ein sehr gutes Mittel, um bei Verdachtsfällen ein Versteck oder ähnliches aufzuspüren», schreibt die Kantonspolizei.

Der Limmattaler Heroinhandel im Vergleich So oft kam es 2015 zu Delikten im Zusammenhang mit Heroin*. 

Der Limmattaler Heroinhandel im Vergleich So oft kam es 2015 zu Delikten im Zusammenhang mit Heroin*. 

Kantonspolizei Zürich/NCH

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