Medizin
Limmattaler Chefarzt: «Ich wäre heute vielleicht nicht Arzt»

Praktikum statt Numerus clausus? Diese Idee stösst in der Region auf wenig Gegenliebe – trotz Kritik am heutigen System. Ein Limmattaler Chefarzt erzählt von seiner Sicht auf den Numerus clausus.

Anja mosbeck
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Jedes Jahr absolvieren Tausende den Eignungstest, um in den Arztberuf einsteigen zu können.

Jedes Jahr absolvieren Tausende den Eignungstest, um in den Arztberuf einsteigen zu können.

Mathias Marx

Wer nicht schnell ist und logisch denken kann, hat schlechte Karten, ein Medizinstudium zu beginnen. Denn genau diese Fähigkeiten fordert der Eignungstest, der Numerus clausus, der über die Zulassung entscheidet. Für CVP-Nationalrätin Ruth Humbel (AG) ist das zu einseitig, um die Kompetenzen eines Studienanwärters zu eruieren. Sie kritisiert in einer kürzlich eingereichten Motion, dass der Test eine reine Frage des Fleisses und des Übens ist. Andere Qualitäten würden dabei nicht berücksichtigt. Darum schlägt sie vor, den «Chrüzlitest», wie er in Fachkreisen genannt wird, zumindest für Anwärter der Humanmedizin mit einem Praktikum zu ersetzen.

Urs Zingg, Chefarzt Chirurgie im Spital Limmattal, hält davon wenig. Er selbst absolvierte vor dem Medizinstudium ein sogenanntes «Häfelipraktikum» – dabei ging man der Pflege zur Hand, erinnert er sich. Für ihn macht ein vorgängiges Praktikum aber höchstens dann Sinn, wenn angehende Ärzte auch tatsächlich Einblicke in den ärztlichen Dienst erhalten würden. «Ein Praktikum müsste ihnen eine konkrete Vorstellung vermitteln, was wirklich auf sie zukommt nach dem Studium und wie sich der ärztliche Alltag gestaltet.» Denn viele seien sich nicht bewusst, welches Ausmass an Belastbarkeit, Fleiss, Durchhaltevermögen, Effizienz und Empathie im Umgang mit Menschen tagtäglich gefordert werden.

«Vielen Studenten fehlt die konkrete Vorstellung, was wirklich auf sie zukommt im Medizinstudium.» Urs Zingg Chefarzt Chirurgie Spital Limmattal

«Vielen Studenten fehlt die konkrete Vorstellung, was wirklich auf sie zukommt im Medizinstudium.» Urs Zingg Chefarzt Chirurgie Spital Limmattal

ms@matthiasstuder.ch

Darauf liefere aber auch das heutige System mit dem Numerus clausus keine Antworten. Da sich der Beruf eines Hausarztes nicht gleich gestaltet wie etwa der eines Spitalarztes, sei es problematisch, die notwendigen Kompetenzen schon vor dem Studium zu definieren. «Viele meiner Patienten sind krebskrank. Im Umgang mit ihnen sind andere Fähigkeiten gefragt als bei einem Patienten, der sich das Bein gebrochen hat», sagt er. Diese anhand eines Tests abzufragen, sei schwierig. Zingg gibt zu: «Hätte ich damals den Numerus clausus machen müssen, wäre ich heute vielleicht nicht Arzt.»

Ergebnis ist schwarz auf weiss

Trotzdem, den Numerus clausus mit einem Praktikum zu ersetzen, bleibt aus seiner Sicht problematisch: Im Spital sei es nur möglich, in einer Klinik alle drei Monate zwei bis drei Praktikanten aufzunehmen. «Für all die Tausenden von Teilnehmern, die jährlich den Numerus clausus bestreiten, einen Praktikumsplatz zu finden, ist darum fast undenkbar.» Ausserdem dauere das Studium hierzulande bereits jetzt länger als im Ausland. Mit einem Praktikum würde es nochmals verlängert.

So räumt Zingg dem «Chrüzlitest» auch seine Berechtigung ein: «Dort stehen die Ergebnisse eben schwarz auf weiss.» In seiner 17-jährigen Tätigkeit als Arzt fragte er sich dennoch oft, ob das wirklich Sinn mache. Er sehe immer wieder Studenten, die den Eignungstest zwar bestanden haben, sich aber aus den falschen Gründen für den Beruf entscheiden. «Einige stellen die finanzielle Sicherheit über die Freude im Beruf. Andere merken irgendwann, dass sie nicht mehr an den Patienten arbeiten wollen, weil dies emotional zu intensiv ist», sagt er. Zudem kritisiert Zingg, dass eine Selektion anhand eines psychologischen Tests durchgeführt werde, der nur schwerlich die unterschiedlichen Kompetenzen beurteilen könne, die Ärzte haben müssen.

Test garantiert Studienerfolg

Mehr hält Jürg Hodler, ärztlicher Direktor des Universitätsspitals Zürich, vom Numerus clausus. Der Test werde immerhin wissenschaftlich begleitet und evaluiert und sei für alle gleich. Er sei darauf ausgelegt, den Studienerfolg zu garantieren, denn die meisten Aufgaben würden an die spätere Realität des Ärztedaseins anknüpfen. So fordere der Test während acht Stunden Durchhaltevermögen, Auffassungsgabe und Schnelligkeit. «Seit er 1998 eingeführt wurde, ist die Zahl der Studenten, die das Studium nicht bestehen, gesunken», sagt Hodler.

Ein Praktikum hingegen würde Bereiche abdecken, die für zukünftige Ärzte nicht unbedingt relevant wären: «So steht die Pflege im Zentrum eines Praktikums. Oft werden Praktikanten auch als Hilfspersonal, etwa für den Patiententransport, eingesetzt.» Diejenigen Spitäler, welche die Weiter- und Fortbildung tragen, würden ausserdem jetzt schon unter der zunehmenden Aufgabenlast leiden.

System der Romandie frustriert

Eine Alternative für den Eignungstest zu finden, erachtet Hodler als schwierig. Das System der Romandie, wo jeder zugelassen ist, empfehle er nicht zur Übernahme. Die Anforderungen im ersten Jahr seien so hoch, dass es drei Viertel der Studenten nicht ins dritte Semester schafften. «Dies löst Frustration über die Niederlage aus. Ausserdem verliert man ein ganzes Jahr», meint er.

Auch eine Matura als alleiniges Zulassungskriterium ist für Hodler undenkbar: Es seien viel zu wenig Studienplätze für die vielen Anwärter verfügbar. «Wenn nur die Noten der Massstab sein sollen, könnte man in der Schweiz am ehesten das deutsche Prinzip übernehmen», sagt er. Dort würden nur diejenigen mit dem besten Notenschnitt zugelassen. Die Anwärter, so Hodler, würden damit zeigen, dass sie über Fleiss und Intelligenz verfügen – die Hauptvoraussetzungen für ein Medizinstudium.