Wer mit der Limmattalbahn von Zürich Richtung Schlieren fährt, sollte nicht auf den Boden spucken. Auch «ungeschützte Hutnadeln» und «das Auf- und Abspringen während der Fahrt» sind verboten. Dafür soll das Endziel der Fahrt «deutlich angegeben» werden. So zumindest steht es schwarz auf weiss auf diversen kleinen Schildern, die im Inneren der mit Holz ausgekleideten Strassenbahn befestigt sind.

Auch die ungepolsterten Sitzbänke sind aus Holz; das Tram holpert und rattert, manchmal muss man sich festhalten. Dafür ist die Ausstattung edel: Elegant verzierte Lampen schmücken die Decke, lederne Handgriffe hängen von Stangen, die von metallenen Scharnieren in Löwenform umschlossen werden. Auch von aussen erregt die Limmattalbahn Aufsehen: Leute auf der Strasse bleiben stehen, eine Mutter mit zwei Kindern winkt aufgeregt, ein alter Mann fotografiert.

Die Vorfahrin der Limmattalbahn

Natürlich handelte es sich bei dem gelben Bähnli, das gestern gemütlich auf den Zürcher Tramgleisen vor sich herruckelte, noch nicht um die richtige Limmattalbahn, die, wenn alles klappt, ab Ende 2019 zwischen Alt-stetten und Killwangen verkehren wird. Sondern um die Vorfahrin der Limmattalbahn: Denn bereits zwischen 1900 und 1931 transportierte eine Strassenbahn Passagiere von Zürich ins Limmattal und zurück.

Gestern durfte sich das «Lisebethli», wie die Bahn damals liebevoll genannt wurde, wie früher wieder einmal auf den Weg Richtung Limmattal machen. Es reichte dann zwar nur bis an die Grenze: Beim Farbhof war die Fahrt zwangsläufig fertig.

Doch die Absicht war klar: Die Verantwortlichen der Limmattalbahn AG, die Journalisten auf die historische Fahrt eingeladen hatten, wollten damit auf die lange Tradition des öffentlichen Verkehrs im Limmattal aufmerksam machen. Dabei gab es auch etwas zu feiern: Gestern wurde beim Bund die Baubewilligung für die Bahn eingereicht (siehe Kontext).

20 Rappen für eine Fahrt

Während die zukünftige Limmattalbahn den Verkehrskollaps verhindern soll, stand die Fahrt mit dem Limmattaler Tram früher noch unter gänzlich anderen Vorzeichen. «Das konnte man sich nicht jeden Tag leisten», sagte Sarah Lüssi, Geschäftsführerin des Trammuseums, die auf der Fahrt geschichtliche Anekdoten zum Besten gab. Um die Jahrhundertwende habe ein Maurer etwa 40 Rappen pro Stunde verdient. Für eine kurze Fahrt mit der Strassenbahn, die 20 bis 25 Rappen kostete, musste er also eine halbe Stunde arbeiten. Die Fahrt mit dem «Lisebethli» war daher etwas Besonderes: Man nahm das Tram am Sonntag für einen Ausflug oder für spezielle Gelegenheiten.

Für Massen von Pendlern hätte es auch keinen Platz gehabt: Ins Innere der alten Limmattal-Strassenbahn passten bloss 18 Personen. Bei der Limmattalbahn werden es 200 bis 260 Personen pro Fahrzeug sein.

Auch das Tempo war früher noch einiges gemächlicher: Während die Limmattalbahn immerhin 60 Stundenkilometer hinbringt und mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 22 Stundenkilometern fahren wird - bedeutend schneller als die Trams in der Stadt Zürich - war das «Lisebethli» im Normalfall mit 15 bis 20 Stundenkilometern unterwegs. Zwei Chauffeure, die einmal mit 35 Stundenkilometern Richtung Schlieren brausten, seien gebüsst worden, wusste Lüssi vom Trammuseum. Denn: «Bremsen war schwierig.»