Manch einer mag sich vielleicht noch an die im Tagesfernsehen übertragene Szene erinnern, die sich im Rahmen der Ausschreitungen am 1. Mai vor zwei Jahren zutrug: Jugendliche, fast noch Kinder, mit Kapuzen und Lederjacken, stehen mit gehetztem Blick und gezücktem Wurfgeschoss mitten im Getümmel, im Hintergrund raucht und knallt es. Auf die Frage des Reporters, weshalb sie hier seien und wofür sie kämpften, sagt einer: «Keine Ahnung, ich will einfach Bullen schlagen.»

Eine Aussage, die symptomatisch dafür ist, wie der 1. Mai heute von vielen angesehen wird. Dabei wollen die Gewerkschaften, welche die diesjährige Kundgebung unter dem Motto «Lohndruck stoppen – Mindestlöhne jetzt!» ganz ins Zeichen der kürzlich lancierten Mindestlohninitiative gestellt haben, Inhalte transportieren, wie sie sagen. Dazu passt der vom Schweizerischen Gewerkschaftsbund kürzlich veröffentlichte so genannte «Verteilungsbericht». Er zeigt unter anderem, dass sich die Lohnschere immer extremer öffnet: So stiegen die hohen Löhne seit 1998 um über 10 Prozent, während die tiefen Löhne gerade einmal um 2, die mittleren um 3 Prozent wuchsen.

Löhne sind Thema Nummer eins

Keine guten Nachrichten für die Gewerkschaften, wie Christoph Lips sagt, der als Regionalsekretär des Schweizerischen Verbands des Personals öffentlicher Dienste (VPOD) auch für den VPOD Limmattal zuständig ist. Aber auch keine überraschenden: «Die Erkenntnisse aus dem Verteilungsbericht bestätigen unsere eigenen Beobachtungen», sagt er. Hier setze die Mindestlohninitiative an, welche verlangt, dass der gesetzlich festgelegte Lohn bei einer 42-Stunden-Woche nicht unter 4000 Franken liegen darf. «Davon werden nicht nur die untersten Lohnstufen profitieren. Ein angepasstes Lohngefüge wird sich auch positiv auf die mittleren Löhne auswirken.»

Auch für Christa Suter, interimistische Leiterin der Unia-Sektion Amt-Limmat-Horgen, die in Schlieren angesiedelt ist, sind die Löhne zurzeit das gewerkschaftliche Thema Nummer eins. Dass sich die Lohnschere immer weiter öffne, beobachte man mit Beunruhigung, sagt sie. Und: «Diese Situation zeigt sich im Limmattal tendenziell noch verschärft.»

Denn einerseits, so Suter, lebten im Limmattal viele junge Menschen und Familien, für die Mindestlöhne besonders wichtig seien. «Ausserdem sehen wir hier auch einen grossen Anteil an ausländischen Bewohnern, die nicht so gut geschult sind und teilweise in extrem prekären Situationen arbeiten.» Sie spreche beispielsweise von Menschen, die auf reiner Provisionsbasis für eine Telemarketingfirma arbeiteten.

Gewerkschaften müssen Druck aufsetzen

Doch aufgrund der regen Bautätigkeit im Limmattal sei auch die Lohnsituation auf Baustellen immer wieder ein Thema, sagt Suter. «Viele unserer Mitglieder beklagen sich, dass ihnen mit der Teuerung am Schluss des Monats nichts mehr bleibt.»

Ein Problem das auch Lips vom VPOD bestens kennt: «Von der momentanen positiven Wirtschaftsentwicklung hat die grosse Mehrheit wenig bis gar nichts», sagt er. Steigende Krankenkassenprämien und Teuerung täten ihr Übriges, um den Druck auf die Mittelschicht zu verstärken, so Lips. «Aus diesem Grund ist dringend eine Umverteilung von oben nach unten nötig.» Als diametral falschen Ansatz betrachtet Lips die Steuervorlagen, welche im Kanton am 15. Mai vors Volk kommen und die höchsten Einkommen entlasten wollen: «Sie betonen und verschärfen diesen gefährlichen Trend noch mehr.»

Tatsächlich sei die Steuerbelastung für den Mittelstand in den letzten Jahren angestiegen, sagt Suter von der Unia. Als Lösungsansatz nennt sie wiederum Mindestlöhne sowie auch Gesamtarbeitsverträge – nimmt aber auch ihre eigene Organisation in die Verantwortung: «Wir Gewerkschaften müssen noch mehr Druck aufsetzen, um auf die Löhne einzuwirken und Lohnerhöhungen zu erreichen.»

«Wohin sollen diese Leute dann ziehen?»

Daneben, so Suter, werde auch im Limmattal der bezahlbare Wohnraum zunehmend knapper. «Entlang der Limmat lässt sich bereits eine so genannte ‹Seefeldisierung› feststellen», sagt sie. Hier weite sich der Druck der Stadt Zürich aufs Limmattal aus. Dadurch würden schlechter qualifizierte und schlechter verdienende Leute abgedrängt, was es dringend zu vermeiden gelte, betont Suter: «Wohin sollen diese Leute dann ziehen?»

Um bezahlbaren Wohnraum zu sichern, könnte man, so Suter, ein Modell in Betracht ziehen, welches Baubewilligungen an private Unternehmer nur unter der Auflage vergibt, dass ein Teil der Wohnungen günstig angeboten wird. «Dies würde eine bessere Durchmischung begünstigen.»