Schneelos
Limmattal im Januar 2016: Der Winter glänzt durch Abwesenheit

Wetter Skifahren und Erkältungen mussten in den letzten Wochen Sonnenbädern und Heuschnupfen weichen.

Daniel Diriwächter
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Der Skilift Dietikon im Winter 2015 und vor zwei Tagen.

Der Skilift Dietikon im Winter 2015 und vor zwei Tagen.

Zur Verfügung gestellt

Das Wetter ist seit je ein idealer Gesprächsstoff, doch hat das Klima jüngst zu viel Gerede geführt: Der typische Winter, so wie wir ihn kennen, lässt auf sich warten. Und obwohl am Donnerstag ein Hauch von Schnee bis in die Niederungen fiel – das diesjährige Wintermärchen blieb vorerst aus. Aber aussergewöhnlich, wie man vielleicht annehmen mag, ist das nicht.

«Die stabile Witterung sowie Hochdruckgebiete sorgen dafür, dass in der Region Zürich die Durchschnittstemperatur der letzten Wochen um drei Grad höher lag als im langjährigen Durchschnitt», erklärt der Meteorologe Alexander Giordano von Meteo Schweiz. Es bestehe aber kein Grund, diesem Winter einen besonderen Stellenwert einzuräumen. Ferner sei auch kein Trend zu erkennen, dass solche stabilen Wetterlagen im Winter künftig die Regel sein könnten.

Heuschnupfen statt Erkältung

Ein ganz normaler Winter also? Nicht wirklich, war gerade der Dezember in der Schweiz der wärmste seit 1864, sprich seit dem Messbeginn. Das frühlingshafte Wetter brachte so einiges Unverhofftes mit sich: Wenn im Dezember Bienen summen und Blumen blühen, verwirrt das nicht nur die Natur, sondern auch den Menschen. Leiden in dieser Zeit üblicherweise viele Personen an Husten oder Erkältung, sind diese Beschwerden momentan zweitrangig. «Der Verkauf der für diese Jahreszeit typischen Arzneimittel verläuft schleppend», erklärt Philipp Locher, Drogist aus Schlieren. Natürlich sei er froh, dass die Leute gesund sind, aber es sei ein Fakt, dass gerade der Absatz dieser Produkte gewinnbringend sei. Stattdessen berät er vereinzelte Kunden, die über Heuschnupfen klagen.
Diese Polenallergie ist die häufigste allergische Erkrankung in unseren Breitengraden. Es ist ein Horrorszenario für alle Betroffenen, wenn das Bundesamt für Gesundheit (BAG) in einer Mitteilung schreibt, dass die Klimaänderung auch die Schweiz «nicht verschonen werde», gerade mit der Verlängerung der Pollensaison. So entpuppten sich die letzten Wochen für an Heuschnupfen Geplagte als beissende Vorahnung auf die Zukunft.

Karin Stalder, stellvertretende Leiterin Fachdienstleistungen bei aha!, dem Allergiezentrum Schweiz, ist sich der Situation bewusst: «In der Tat blühen derzeit an einigen Orten schon Haselsträucher, deren Pollen Allergiker nun früh reizen können», erklärt sie.

Strich durch die Rechnung

Das milde Wetter hat auch Einfluss auf die Wirtschaft. Das Nachsehen hat etwa der Detailhandel. Als wäre der starke Franken und das Online-Shopping nicht schon Herausforderungen genug, ist es heuer schwierig, die Kundschaft in Kaufstimmung zu bringen. Geschäfte mit Wintermode oder Wintersportausrüstungen haben einen schweren Stand, wie die Nachrichtenagentur SDA mittels einer nichtrepräsentativen Umfrage bekannt gab. Glücklicherweise machte aber das Weihnachtsgeschäft wieder einiges wett.

Auch für den Wintersport sah es schon besser aus. Der Dietiker Skilift etwa, seines Zeichens der am tiefsten gelegene Lift in Zürich, bietet gerade ein tristes Bild: Wo vor einem Jahr Gross und Klein im Schnee herumtollten, bietet die rund 180 Meter lange Piste heute sattes Grün statt weisse Pracht. Diejenigen, die deshalb mit einer Reise in die nahen Berge liebäugelten, wurden ebenfalls enttäuscht – Sonnenbaden statt Skifahren war auf den Gipfeln angesagt. Eine spezielle Form der Kurzarbeitsentschädigung wegen wetterbedingten Kundenausfällen vermeldete im Dezember etwa das Bündner Amt für Industrie und Arbeit.

Der Skilift ist seit diesem Montag in Betrieb
8 Bilder
Die Schanze war bei vielen Kindern beliebt
Peter Hofstetter aus Bergdietikon begleitet seine siebenjährige Tochter
Nico und Jeanin Reust bringen ihrem Sohn das Skifahren bei
Armin Strässle, Leiter Jugend und Freizeit, hat seine Ferien unterbrochen, um den Lift in Betrieb zu nehmen
Dietikon wird zum Skiparadies
Nico Reust aus Bonstetten übt in Dietikon mit seinem Sohn für die Skiferien
Die Schlange wurde im Verlauf des Morgens immer länger

Der Skilift ist seit diesem Montag in Betrieb

Bastian Heiniger

Nicht nur Schattenseiten

Beim Werkhof der Stadt Dietikon hingegen, dessen Winterdienst normalerweise in dieser Jahreszeit für die entsprechende Sicherheit sorgt, geht auch ohne Schneefall das Alltagsgeschäft weiter. «Beispielsweise können diverse Arbeiten im Strassenunterhalt vorgezogen werden, die normalerweise bei tiefem Winter nicht erledigt werden können», sagte Roger Meyer, stellvertretender Leiter der Infrastrukturabteilung. Auch der Winter-Pikettdienst wird weiterhin aufrechterhalten, wenn auch bislang ohne Einsatz.

Das Festmal am Boden

Geradezu glücklich dürfen sich einige Wildtiere wähnen – Eichhörnchen, die normalerweise die Winterruhe pflegen, finden auch jetzt genügend Futter und besonders manche Vögel entdecken auf unseren Böden einen reich gedeckten Tisch, wie die «Bauern-Zeitung» weiss. Auf die Reise gen Süden wird daher getrost verzichtet und der melodiöse Vogelgesang in den Morgenstunden irritiert und freut viele Menschen zugleich.
Die Kehrseite der Medaille betrifft beispielsweise den Siebenschläfer. Für das Nagetier, das sich in der Regel von September bis Anfang Mai in den Winterschlaf begibt, ist es viel zu warm geworden, aber Nahrung findet es kaum.

Der Winter steht vor der Tür

Aber schon bald dürften allen Siebenschläfern wieder die Augen zufallen; auf den klassischen Winter müssen wir nicht verzichten. Laut Meteorologe Alexander Giordano soll es bereits nächste Woche möglich sein, den Schnee unter den Füssen knirschen zu hören.