Limmattal
Gemeinden rechnen mit mehr Sozialhilfegesuchen wegen der Coronapandemie

Die Limmattaler Gemeinden spüren die Verunsicherung im Arbeitsmarkt. Dietikon budgetierte für dieses Jahr bereits 15 Prozent Mehrkosten in der Sozialhilfe.

Lydia Lippuner
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Die Coronapandemie führte zu einem Anstieg der Kündigungen: Nach dem RAV sind auch die Sozialdienste der Gemeinde für die Unterstützung der Betroffenen zuständig.

Die Coronapandemie führte zu einem Anstieg der Kündigungen: Nach dem RAV sind auch die Sozialdienste der Gemeinde für die Unterstützung der Betroffenen zuständig.

Bild: LZ / Manuela Jans-Koch

Die Coronakrise führte zu einer allgemeinen Verunsicherung im Arbeitsmarkt. Das spürten auch einige Gemeinden im Limmattal. «Da die Arbeitnehmenden nicht wussten, ob sie überhaupt noch Lohn oder Lohnersatz erhalten, haben sie vermehrt sicherheitshalber Anträge eingereicht», sagt Astrid Romer. Sie ist Kommunikationsverantwortliche der Stadt Schlieren. Zudem sei es zu einigen Kündigungen aufgrund der Pandemie gekommen.

Da die Institutionen der Arbeitslosenversicherung ebenfalls überlastet waren, bevorschusste die Gemeinde Schlieren einige Leute, damit sie in der Zwischenzeit gut über die Runden kamen. «Was sehr stark ins Gewicht fällt, ist die Tatsache, dass in der aktuellen Situation die Arbeitssuche zusätzlich erschwert ist und in einigen Bereichen wie dem Gastgewerbe oder dem Verkauf kaum neue Mitarbeitende eingestellt werden», sagt Romer. Im Januar gingen in Schlieren 26 Sozialhilfegesuche ein. Das sind doppelt so viele wie im Dezember. «Generell gibt es im Dezember aber aufgrund der Festtage und des 13. Monatslohns eher weniger Anfragen», sagt Romer. Durchschnittlich waren es im vergangenen Pandemiejahr monatlich 22 Neuaufnahmen ins Sozialsystem. Das sind neun mehr als 2019.

Immer mehr Selbstständige geraten in Not

Auch wenn man aufgrund der monatlichen Schwankungen keine konkreten Auswertungen der Zahlen machen könne, so sei doch sichtbar, dass es im letzten Jahr einen starken Anstieg der Anfragen gegeben habe. Vorerst rechnet Romer auch noch nicht mit einer Entspannung der Situation. «Wir erwarten einen Anstieg der Fallzahlen, da mit weiteren Entlassungen aufgrund der Coronasituation gerechnet werden muss. Zudem geraten immer mehr Selbstständige in Not, da sie weniger Kunden und nur kleine finanzielle Reserven haben», sagt sie.

Der künftige Anstieg hänge aber auch davon ab, ob und wie lange vorgelagerte Leistungen wie beispielsweise Kurzarbeitsentschädigung, Corona-Erwerbsersatzentschädigung oder Kredite beansprucht werden können.

In anderen Gemeinden wie Dietikon kam es nicht zu einem derartigen Anstieg der Sozialhilfegesuche im Januar. Mit 46 Gesuchen blieb die Zahl in Dietikon sogar knapp unter dem letztjährigen Monatsdurchschnitt von 52 Gesuchen. «Wir konnten für das Jahr 2020 stabile Fallzahlen verzeichnen. Lediglich im März 2020 gab es ausserordentlich viele Gesuche», sagt der Dietiker Sozialvorstand Philipp Müller (FDP). Im Rahmen der Bekämpfung der wirtschaftlichen Nebenwirkungen der Pandemie seien seit dem letzten Frühjahr diverse Systeme wie die Kurzarbeit, Härtefallentschädigung, Coronakredite und Hilfeleistungen der Gemeinden eingeführt und ausgebaut worden. Die Erfahrung habe nun gezeigt, dass diese Systeme gut greifen und momentan viele Leute vor der Sozialhilfe bewahrt bleiben.

Arbeitslosigkeit führt zu mehr Sozialhilfegesuchen

Trotzdem ist die Situation längerfristig gesehen auch für Müller alarmierend. «Die Coronapandemie führt wohl in der Schweiz zur grössten Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg. Dies führt zu grösserer Arbeitslosigkeit und das wiederum schlägt sich später in der Sozialhilfe nieder.» Deshalb erwartet Müller, sobald die coronaspezifischen Unterstützungszahlungen und die Arbeitslosengelder wegfallen, einen grossen Anstieg an Sozialhilfegesuchen. Für das laufende Jahr rechnet der Dietiker FDP-Stadtrat bereits mit einem Mehraufwand von rund 15 Prozent in der Sozialhilfe, dies sei bereits so budgetiert worden. «Ich gehe davon aus, dass die Zahlen 2022 noch stärker steigen werden als 2021», sagt Müller.

Auch in Oberengstringen geht man davon aus, dass die Zahl der Sozialhilfegesuche in der kommenden Zeit ansteigen wird. «Wir rechnen in den kommenden zwei Jahren in der wirtschaftlichen Sozialhilfe mit einer Fallzunahme. Dies aufgrund der Entwicklung bei der Arbeitslosenquote und der Prognosen des Fachverbands Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe», sagt Philipp Baumann, Abteilungsleiter für Soziales und Gesundheit in Oberengstringen.

Durchschnittlich erhielt die Gemeinde Oberengstringen in den letzten zwei Jahren monatlich rund zehn Anträge auf Sozialhilfe. Die Anzahl der Gesuche im Dezember lag mit sechs Anträgen unter dem Durchschnitt. Im Januar waren es genau zehn Anträge.