Schlieren
Limmat-Renaturierung: Schrebergärtner bangen um ihr Land

Wegen der Renaturierung der Limmat könnten im Betschenrohr rund 170 Familiengärten verschwinden. Die Mieter der Gärten sind besorgt.

Florian Niedermann
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Roland Mücke befürchtet, dass die Stadt den Vertrag mit dem Familiengartenverein bald auflöst. Er sagt: «Ich bin ja dafür, dass man der Natur ihre Räume zugesteht. Aber die Bedürfnisse des Menschen gelten doch auch etwas.» fni

Roland Mücke befürchtet, dass die Stadt den Vertrag mit dem Familiengartenverein bald auflöst. Er sagt: «Ich bin ja dafür, dass man der Natur ihre Räume zugesteht. Aber die Bedürfnisse des Menschen gelten doch auch etwas.» fni

Florian Niedermann

Ronald Mücke ist besorgt. Weil der Kanton Zürich das Limmatufer beim Schlieremer Betschenrohr wieder in einen natürlichen Zustand bringen will, muss dort ein grosser Teil der Schrebergärtner ihre Parzellen aufgeben. «So wie es derzeit aussieht, verlieren rund 170 unserer Mitglieder bald ihre Gärten», sagt Mücke, der den Familiengartenverein Betschenrohr präsidiert. Der Vorstand der Pächter will dafür kämpfen, dass frühzeitig Ersatzparzellen geschaffen werden. Möglichkeiten würden sich laut Mücke dafür zwar bald ergeben, doch hat er wenig Hoffnung, dass die Stadt Schlieren seinen Mitgliedern neues Land zur Verfügung stellt: «Ich werde das Gefühl nicht los, dass die Behörden uns eigentlich gar nicht mehr in der Stadt wollen», sagt er.

Für das Renaturierungsvorhaben des kantonalen Amts für Abfall, Wasser, Energie und Luft (AWEL) besteht derzeit zwar erst eine Vorstudie, wie beim Kanton auf Anfrage zu erfahren ist. Dem Schlieremer Stadtrat legte das Amt verschiedene Ausbauvarianten vor. Die Exekutive schrieb in einem Beschluss vom Juli 2013, dass sie die «Untervariante Erholung» bevorzuge. In einer Mail, die der Limmattaler Zeitung vorliegt, liess die städtische Abteilung Bau und Planung Mücke vergangenen Dezember wissen, dass er richtig erkenne, dass die bevorzugte Variante der Stadt «durchaus erhebliche Auswirkungen» auf die Fläche des Familiengarten-Areals haben werde. Als der 61-Jährige die Grenzen des Planungsgebiets dann von einem beiliegenden Plan auf eine parzellengetreue Karte des Familiengarten-Areals übertrug, stellte er fest, dass rund die Hälfte der über 300 Gärten betroffen wäre.

Zeitplan ist noch unklar

Darin, wie viel Zeit noch bleibt, bis die Betschenrohr-Pächter ihre Schollen räumen müssen, widersprechen sich die Aussagen von Behörden und Vereinsvorstand. Die zuständigen Schlieremer Bau- und Liegenschaftsvorstände, Markus Bärtschiger (SP) und Manuela Stiefel (FDP), schreiben in einer gemeinsamen Mitteilung lediglich, dass der Terminplan und das Projekt für die Renaturierung der Limmat noch «weit entfernt und ungenau» seien.

Auch das AWEL erklärt auf Anfrage, dass für die Revitalisierung der Limmat im Betschenrohr noch kein konkreter Zeitplan angegeben werden könne. In der Mail vom Dezember nennt die Abteilung Bau und Planung jedoch einen Realisierungshorizont von fünf bis zehn Jahren. Und an einer Sitzung mit der Liegenschaftsabteilung von Anfang Juni sei gar nur noch von fünf Jahren die Rede gewesen, sagt Mücke.

Für ihn wäre es daher höchste Zeit, über geeignete Ersatzstandorte für Familiengärten zu verhandeln. Möglichkeiten ergäben sich seiner Ansicht nach etwa im Zuge des Renaturierungsprojekts: Der Stadtrat hat 2013 beschlossen, das Grundwasserpumpwerk Betschenrohr, das mitten im rund 62 000 Quadratmeter grossen Familiengartengebiet liegt, zu ersetzen. Dies durch den Ausbau der Grundwasserfassung im benachbarten Zelgli, und zwar noch bevor der Kanton die Wiederherstellung des natürlichen Uferabschnitts angeht.

Kein Ersatzland in Aussicht

Das Land der bestehenden Anlage im Betschenrohr liegt nicht im Planungsbereich der Ufer-Renaturierung. Weil es nun frei wird, schlugen Mücke und seine Vorstandskollegen der Stadt vor, dort Ersatz für die wegfallenden Schrebergärten zu schaffen. Doch bisher erhielten sie darauf noch keine Reaktion, wie der Vereinspräsident sagt.

Stiefel und Bärtschiger schreiben, dass man wegen des frühen Planungsstandes noch keine offiziellen Gespräche mit dem Pächterverein geführt habe. Ihre weiteren Ausführungen stimmen Mücke aber wenig zuversichtlich: «Die Stadt Schlieren selbst hat kein Land für eine Ersatzabgabe an den Familiengartenverein», heisst es in der Mitteilung. Zwar gibt es im Gebiet Werd/Zelgli noch städtische Reservezonen-Parzellen, wo Familiengärten laut den beiden Stadträten «unter Umständen vielleicht» zulässig wären. Doch verweisen sie darauf, dass solche Fragen im Zusammenhang mit dem Stadtentwicklungskonzept II und der Revision der Bau- und Zonenordnung geklärt werden müssten.

Dass die Anliegen des Familiengartenvereins bei diesen städteplanerischen Prozessen berücksichtigt werden, glaubt Mücke indes nicht. Er erachtet es als wahrscheinlicher, dass der Vertrag mit dem Verein bald ganz aufgelöst wird.

«Immer weniger Schlieremer»

Grundsätzlich verlängert die Stadt die Pacht immer nur für fünf Jahre, die aktuelle läuft noch bis 2016. Doch Äusserungen von Bärtschiger und Stiefel in ihrem Statement zum Renaturierungsprojekt des AWEL lassen vermuten, dass Mücke nicht so falsch liegt, was die Haltung der Stadt gegenüber Familiengärten angeht. Die beiden Stadträte schreiben darin, dass die ehrenamtliche Tätigkeit im Vorstand solcher Vereine «immer problematischer werde», dass die «Pächter immer seltener aus Schlieren kommen» würden und «der Vandalismus in diesen Arealen zugenommen» habe. Und weiter kenne man «diese Gründe» im Übrigen auch von der Auflösung des Familiengartenareals Färberhüüsli.

Nimmt die Stadtregierung hier also auch die Rechtfertigung für die Auflösung der Schrebergärten im Betschenrohr quasi vorweg? Mücke sieht seine Befürchtungen durch diese Äusserungen jedenfalls bestätigt. Dennoch ist er enttäuscht, wie er sagt: «Ich bin ja dafür, dass man der Natur ihre Räume zugesteht und Flüsse wieder natürlich gestaltet. Aber die Bedürfnisse des Menschen gelten doch auch etwas.» Die Politik würde oft verkennen, welchen Wert eine Schrebergartenanlage für das Zusammenleben verschiedener Kulturen und die Erholung arbeitstätiger Menschen habe.