Mein Ding: Singen
Liliane Huber-Müller: «Ich bringe alle Unmusikalischen zum Singen und Klingen»

Bei ihr zählt jede Stimme. Die Dietikerin Liliane Huber-Müller gründete vor fünf Jahren den Chor für Unmusikalische. Die 62-Jährige hilft Zögernden, Vertrauen in ihre eigene Stimme zu gewinnen.

Christian Tschümperlin
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Liliane Huber-Müller dirigiert leidenschaftlich gerne.

Liliane Huber-Müller dirigiert leidenschaftlich gerne.

Christian Tschümperlin

Singen macht glücklich. Das ist Liliane Huber-Müller anzusehen. Und Singen ist ansteckend. Trotzdem zögern viele, einem Chor beizutreten. Der Grund: Sie glauben, sie seien unmusikalisch, sagt Huber-Müller. Deshalb gründete die 62-Jährige vor fünf Jahren den Chor für Unmusikalische. Die Dietikerin findet: «Hässliche Stimmen gibt es nicht, jede Stimme hat ihren eigenen Charakter.»

Huber-Müller spricht aus Erfahrung. Die patentierte Primarlehrerin beschäftigte sich intensiv mit Musik im Rahmen ihrer Ausbildung zur Blockflöten-Lehrerin am Konservatorium Zürich. An der Universität studierte sie Musiktheorie. Mit 40 erweiterte sie ihren Fokus auf «das einzige Instrument, das wir immer bei uns tragen, die Stimme». Sie absolvierte eine solistische Gesangsausbildung und eine Ausbildung zur Dirigentin. Dabei kam sie in Kontakt mit der chorischen Stimmbildung. Sie habe gelernt, wie man Sänger so fördern könne, dass diese sich auf die eigene Stimme verlassen könnten, sagt sie.

Chorfähig in die Oberstufe

Dieses Konzept setzte sie als Schulmusikerin und Kinderchor-Leiterin in Bergdietikon um. «Sämtliche Kinder kamen chorfähig in die Oberstufe», so Huber-Müller. Daraus habe sie den Schluss gezogen, dass dies auch mit Erwachsenen funktionieren könne. Sie kam mit der Volkshochschule Dietikon ins Gespräch und unterrichte dort bald die ersten Kurse in «Chorsingen für Unmusikalische». Das Ziel der Teilnehmer: Chorreife. Anfangs wurde Huber-Müller von Berufskollegen belächelt. «Schon ab dem dritten Abend hatten wir aber keine ‹Freifliegerstimmen› mehr im Kurs», sagt sie. Es folgten Auftritte an Gottesdiensten. Bald hiess es aus den Reihen des Kurses: «Wir wollen nicht mehr aufhöhren zu singen», sagt Huber-Müller. So sei die Initiative zur Gründung des Chores für Unmusikalische entstanden.

«Inzwischen tönt es längst nicht mehr so unmusikalisch», sagt sie. Daher komme an jeder Generalversammlung die Diskussion auf, ob man den Verein umbenennen solle. «Wir stimmen jedes Mal dafür, den Namen zu behalten», sagt sie. Der Vereinsname soll die Botschaft vermitteln: Jeder kann Singen. «Wenn jemand sagt, ich bin unmusikalisch, stürzt sich mittlerweile der ganze Chor auf ihn», sagt sie.

Huber-Müller hat schon fünf Chöre dirigiert und sang als Solistin neben der klassischen Literatur auch Gregorianik. Auch aktuell singt sie in einem Konzertchor, in dem es manchmal stimmtechnisch halsbrecherisch zu und hergehe. Aber der Chor für Unmusikalische ist ihr besonders ans Herz gewachsen. Dort Chordirigentin zu sein, ist für Huber-Müller längst mehr als ein Beruf, es ist ihre Berufung. «Ich bringe alle Unmusikalischen zum Singen und Klingen», sagt sie.

Das Geheimnis der Stimme

Beim 20-köpfigen Chor für Unmusikalische nimmt das Einsingen besonders viel Raum ein. Dazu gehören das Atem- und Zwerchfelltraining und diverse Klang- und Sprechübungen, bei denen die Sänger mit der Stimme rauf- und runtersingen oder sich im Chor auf einen Ton einnivellieren. Das Geheimnis einer guten Stimme beginne aber mit der Körperwahrnehmung, sagt sie.

Huber-Müller geht gerne in die Tiefe und ist dann kaum noch zu bremsen. Auf dem Klavier demonstriert sie, wie miteinander verwandte Töne zu schwingen beginnen, wenn eine Saite angeschlagen wird. Das Hämmerli müsse dazu abgehoben sein. «Alles Physik», sagt sie. Im Chor gäbe es in Musiktheorie aber nur einen Crashkurs. Wenn die Nachfrage da sei, halte sie separate Kurse in Musiktheorie ab und Kurse im Ab-Blatt-Singen. Irgendwann halte man ein Diplom in den Händen. «Aber die Ausbildung ist nie fertig», so Huber-Müller.