Limmattal
Liebes Limmattal, bitte bleib nicht so, wie du bist

Früher als Ruhrpott der Schweiz verschrien, ist das Limmattal heute eine Region, die stark wächst. Trotzdem soll sich die Gegend im Westen Zürichs weiter verändern. Nach der Verstädterung braucht es nun wieder mehr quartierähnliche Strukturen.

Bettina Hamilton-Irvine
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Die Visualisierung zeigt, wie sich die Limmattalbahn künftig präsentieren könnte.

Die Visualisierung zeigt, wie sich die Limmattalbahn künftig präsentieren könnte.

«Bleib so, wie du bist!» Wer das seinem Gegenüber wünscht, meint es im Normalfall gut. Ich schätze deine Charaktereigenschaften, deine Persönlichkeit, meint man wohl damit: Du bist gut, so, wie du bist.

Trotzdem sollte man niemandem, dem man wohlgesinnt ist, im Ernst wünschen, dass er genau so bleibt, wie er jetzt gerade ist. Dass dies weder erstrebenswert noch möglich ist, wusste schon Büne Huber, der Sänger der Berner Band Patent Ochsner. In seinem Lied «Jänner» begegnet er dem Wunsch «Bliib so wie de bisch» mit einem «I bi scho morn nümm gliich wie hüt». Noch schöner sagt es der deutsche Lyriker und Liedermacher Wolf Biermann: «Nur wer sich ändert, bleibt sich treu.»

Deshalb wünsche ich auch dem Limmattal – so sehr ich es mag, oder eben gerade deshalb – zum Jahreswechsel nicht, dass es so bleibt, wie es ist. Denn Veränderung ist nicht nur unvermeidlich, die Dynamik tut dem Limmattal auch gut. Sie sorgt dafür, dass unsere Gegend je länger, desto mehr nicht mehr als Ruhrpott der Schweiz angeschaut wird, wie früher einmal, sondern als begehrenswerter Flecken Erde, als Ort, an dem man wohnen will.

«Ganz Zürich drängt nach Westen», sagt der Politgeograf Michael Hermann. Auch wenn das manchmal etwas beunruhigend wirkt, brauchen wir uns vor dieser Entwicklung nicht zu fürchten. Denn laut Hermann hat das Limmattal bisher erst die erste Stufe der Verstädterung erreicht, die noch nicht besonders attraktiv ist: Die Gegend ist schon dicht besiedelt, verkehrsreich, kaum mehr dörflich. Die zweite Stufe, die wieder mehr Liebliches, mehr Anziehendes, mehr Qualität bringt, steht uns noch bevor. Dann sollen im Zuge der Urbanisierung wieder kleinräumigere, quartierähnliche Strukturen entstehen: Läden, Gewerbe, Gastronomie, Fussgängerzonen. Darauf können wir uns freuen.

Wichtiger Entwicklungsmotor: Limmattalbahn

Ein integraler Teil dieser Entwicklung ist die Limmattalbahn. Als städtisches Tram wird sie die Achse der neuen Limmattalstadt stärken, wird Menschen von ihren Wohnungen zu Cafés, Läden, Büros und zur S-Bahn bringen und dafür sorgen, dass mehr Leute zu Fuss und mit der Bahn unterwegs sind, statt mit dem Auto unsere Strassen zu verstopfen. Auch darauf können wir uns freuen.

Entscheidend ist zudem, dass die Stadtentwicklung – das gilt auch für die Dörfer – behutsam und umsichtig geplant wird. Dass die neuen Quartiere nicht nur hingestellt und sich selber überlassen werden, sondern so gestaltet werden, dass sie sich mit Leben füllen können. Dass in den Erdgeschossen Läden sind, öffentliche Nutzungen, die zu Treffpunkten werden. Dass es Spielplätze gibt, Flaniermeilen, Dorfplätze, Grünzonen, Einkaufsmöglichkeiten, Kindergärten und Schulen. Auch darauf können wir uns freuen.

Deshalb sollten wir die Veränderung nicht bekämpfen, uns gegen das Neue nicht sträuben. Sondern den Entwicklungsprozess, der sowieso unaufhaltsam ist, mitgestalten. Einen Weg zurück gibt es nicht mehr, der einzige Weg führt nach vorne in die Zukunft. Blockieren wir ihn nicht, indem wir ängstlich versuchen, zu bewahren, was bereits im Wandel ist. Sondern beschreiten wir den Weg mit Zuversicht und Elan, damit er an einen lebenswerten Ort führen wird.

Dazu braucht es nicht nur viele Menschen, die sich engagieren. Sondern auch viele, die an die positive Entwicklung glauben. Damit das Limmattal - nächstes Jahr und in den kommenden Jahren - nicht bleibt, wie es ist. Sondern noch besser wird.

Blockieren wir den Weg in die Zukunft nicht, sondern beschreiten ihn mit Zuversicht.