Schlieren
Lieber einsam als gemeinsam: Nur einer von sechs will in eine Alters-WG

Das Podium der CVP widmete sich dem Wohnen im Alter. Dabei ging es um Genossenschaften, günstige Mieten und Nachbarschaftshilfe.

Lydia Lippuner
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Wie wohnt man in der dritten und vierten Lebensphase? Am Podium der CVP diskutierten im Stürmeierhuus in Schlieren Jürg Brändli, Lisbeth Weibel, David Egger, Renate Büchi, Stefano Kunz und Heidemarie Busch über neue und alte Wohnformen im Alter.

Wie wohnt man in der dritten und vierten Lebensphase? Am Podium der CVP diskutierten im Stürmeierhuus in Schlieren Jürg Brändli, Lisbeth Weibel, David Egger, Renate Büchi, Stefano Kunz und Heidemarie Busch über neue und alte Wohnformen im Alter.

Severin Bigler

«Wie haben Sie es mit dem Wohnen im Alter?» Dieser Frage widmete sich das Podiumsgespräch der CVP am Donnerstagabend im Stürmeierhuus in Schlieren. Das Altersheim als Option wurde kaum in Betracht gezogen, es ging um Genossenschaftswohnungen, Nachbarschaftshilfe oder das oft thematisierte Konzept der Alters-WG.

Auf dem Podium sassen Jürg Brändli, Präsident der RegioSpitex Limmattal und Präsident zweier gemeinnütziger Institutionen sowie Lisbeth Weibel, Mitinitiantin der Siedlung «Hofächer» in Dietikon. Ebenfalls zu Gast waren Renate Büchi, Präsidentin der gemeinnützigen Baugenossenschaft Richterswil und die Schlieremer CVP-Politiker Stefano Kunz, Ressortvorsteher Bau und Planung und Heidemarie Busch von der Alterskommission Schlieren.

Der Abend wurde von David Egger, Chefredaktor der Limmattalerzeitung, moderiert.
Es dauerte kaum zehn Minuten, da waren die Podiumsteilnehmer bereits beim Thema Geld. «Wie viel kostet die günstigste Wohnung in der Genossenschaftssiedlung?», fragte Busch. Ihr sei es egal, ob Altersheim oder Genossenschaft, es sei einzig wichtig, dass die Wohnung bezahlbar ist. Die günstigste Zweizimmerwohnung sei knapp unter 1000 Franken gab Büchi zu Protokoll. Es ging ein Raunen durch die Reihen.

Weibel, deren Überbauung in Dietikon bereits seit vier Jahren besteht, sagte: «Mein Bruder und ich initiierten das Projekt, merkten aber, dass es unseren finanziellen Selbstmord bedeuten könnte, das Projekt selbst durchzuziehen.» So hätten sie nach Mitinvestoren gesucht und seien dabei auf die Baugenossenschaft des eidgenössischen Personals gestossen. «Diese waren begeistert.»

Kaum Zeit für Gespräche

Doch es ging nicht um Geld, auch Soziale Themen kamen aufs Tapet. Seit einigen Tagen ist die Spitex rund um die Uhr zu ihren Klienten unterwegs, doch auch sie müssen mit knappen Ressourcen kalkulieren: «Aufgrund der regulatorischen Vorgaben, auch vonseiten der Krankenkasse, bleibt fast keine Zeit für Gespräche insbesondere im pflegerischen Bereich», sagt Brändli.

Deshalb werde die Nachbarschaftshilfe umso wichtiger. Diese sei jedoch nicht selbstverständlich. In Dietikon sowie auch in Richterswil ist dafür eine Siedlungsassistenz angestellt, die dafür sorgen soll, dass die Menschen in der Siedlung zu der Hilfe kommen, die sie benötigen. «Als Erstes müssen die Leute sich kennenlernen, sei es mit Apéros oder kleinen Festen», sagte Weibel.

Überdies sei in der Siedlung die Waschküche extra ins Erdgeschoss gebaut, damit man dort auch einmal ein Schwatz halten könne. «Die Leute sind heute achtsam aufeinander, das funktioniert gut», sagte sie.

Auch Busch erlebte hautnah, dass Nachbarschaftshilfe in Schlieren ebenso nötig ist. Eines Abends habe ihr eine Spitexangestellte beispielsweise mitgeteilt, dass eine ältere Person oberhalb ihrer Wohnung weder Brot und noch Milch habe. «Natürlich habe ich es für sie eingekauft», so Busch.

Es fehlt an Land für Wohnungen

Soziales Wohnen braucht Platz. Die Häuser der Baugenossenschaft in Richterswil beispielsweise stehen auf einem rund 6000 Quadratmeter grossen Grundstück. Im Juni sollen die 81 Wohnungen bezugsbereit sein, doch bereits heute ist die Warteliste für die Mietwohnungen lange.

Auf die Frage, wo denn noch ein solch grosses Stück Land in Schlieren vorhanden sei, sagte Kunz, das könne er nicht alleine entscheiden. Doch soviel gab er preis: «Ein Drittel von ganz Schlieren gehört der Stadt Zürich, Gebiete, die wir abgeben könnten, liegen eher an der Peripherie.» Die Stadt sei jedoch durchaus bereit, Land zu günstigen Konditionen abzugeben.

Das sei beispielsweise bereits bei Überbauung an der Limmatalstrasse geschah.
«Wir werden immer älter. Das sehe ich zum Beispiel an mir und meiner Frau», begann ein Zuhörer. Nach allgemeinem Schmunzeln im Raum fuhr er fort: Ihm sei es dabei vor allem wichtig, dass das Spitexpersonal gut ausgebildet sei. Auch er gehörte zur Gruppe der Anwesenden, die noch rüstig unterwegs sind und es sich nicht vorstellen können, das eigene Heim zu verlassen.

Was denn nun die beste Wohnform im Alter ist, legte an diesem Abend niemand fest. Tatsache war, dass die Alters-WG – trotz medialem Interesse im Vorfeld – nicht seht beliebt war. Auf die Frage, wer wirklich in einer Alters-WG wohnen möchte, hob auf dem Podium nur Kunz die Hand.

Im Saal sah es ähnlich aus, von den rund 80 Zuhörern konnte sich nur ein knappes Dutzend Leute vorstellen, den Lebensabend in einer Wohnung mit anderen Menschen zu verbringen. Brändli erklärte, es sei wohl möglich, in einer Alters-WG zu wohnen – doch man müsse die Leute unbedingt bereits zuvor kennen. Sonst sei das nicht zukunftsträchtig. In diesem Punkt war Büchi aus Richterswil ganz auf seiner Seite. Sie sagte: «Das Alter ist sehr individuell, noch individueller als die Jugend.»

Der Tenor im Publikum gab ihr recht: «Ich möchte in der Wohnung wohnen bleiben», sagte ein 91-jähriger Zuhörer am Apéro nach der Veranstaltung. Auch ein 83-jähriger Zuhörer, der noch im eigenen Haus wohnt, bestätigte dies.

An der Veranstaltung waren auch verhältnismässig jüngere Senioren, die sich bereits Gedanken zum Wohnen im Alter machten. Eine 72-Jährige sagte: «Ich möchte solange wie möglich in meinen eigenen vier Wänden bleiben.» Wie das genau gehen solle, darüber hätten sie und ihr Partner bereits viel diskutiert. Doch sie seien dabei noch zu keinem definitiven Entscheid gekommen.