Weiningen
Lieber Biber, wie werden wir dich vermissen

Zum Gedenken an den possierlichen Nager von den Limmatauen, der Opfer eines Autounfalls mit Fahrerflucht geworden ist. Wir fragen uns: Was trieb dich auf, lieber Biber, auf die Strasse?

Michael Rüegg
Merken
Drucken
Teilen
Früher wirkte er mutmasslichlebendiger: Der tote Biber. zvg

Früher wirkte er mutmasslichlebendiger: Der tote Biber. zvg

Wir kannten uns nicht. Wir haben uns nie gesehen. Unsere Wege haben sich nie gekreuzt. Nie sassen wir gemeinsam auf der Wiese und haben uns Geschichten erzählt und alte Heldenlieder gesungen. Ich wusste bloss, dass es dich gibt und dass du irgendwo am Wasser wohnst – was ich auch gerne täte, bloss sind am Wasser die Mieten immer so hoch.

Ja, ich wusste, dass es dich gibt. Und dieses Wissen gab mir Halt und Kraft. Als wir gestern auf der Redaktion von deinem Tod hörten, hatten wir noch für eine Sekunde gehofft, nicht du, sondern jener kanadische Sänger gleichen Namens sei in Weiningen Opfer eines Verkehrsunfalls geworden. Aber die Hoffnung erlosch, als wir dein Bild sahen. Wie du auf dem Boden liegst, alle viere ausgestreckt wie ein Ikea-Bettvorleger.

Diesen Frühling haben wir Menschen deine Spuren zum ersten Mal entdeckt. Du warst der erste deiner Art in 20 Jahren. Eine kleine Sensation! Unser Kollege begab sich höchstpersönlich auf die Suche nach dir. Er fand abgenagte Büsche und angekaute Bäume. Da wussten wir, du warst echt.

Obwohl du ein Wildtier warst, hast du uns nie Böses gewollt. Du hast keine Schafherden gerissen wie die Wölfe im Obergoms. Und du hast auch keine Mülltonnen durchwühlt wie die Problembären im Bündnerland.

Nein, du wolltest einfach selbstbestimmt in unserer Mitte leben. Wolltest deine Bauwerke errichten, mit deinem Schwanz durch die Limmat paddeln. Wolltest einfach Biber sein und Biber gelassen werden. Jetzt bist du aus ebendieser Mitte gerissen worden. Ein feiger Autofahrer – allenfalls auch eine Autofahrerin – hat dich überrollt. «Padum» – ich höre das Geräusch in meinem Kopf, das Geräusch, als der Reifen dich erfasst. Ich stelle mir vor, wie du am Strassenrand liegst und die Lebensgeister langsam aus deinem Körper weichen. Und dieser Gedanke, lieber Biber, macht mich unglaublich traurig.

Natürlich fragen wir uns: Wie konnte das geschehen? Was trieb dich auf die Fahrweidstrasse? War es Neugier? Brauchtest du Holz von der anderen Strassenseite? Oder warst du es langsam leid, einsam zu sein? Wir wussten, du warst ohne Partner. Oder Partnerin. Du hast deine Tage allein bestritten, sassest allein beim Frühstück und bist ohne bessere Hälfte dein Revier abgeschritten. Vielleicht hat deine Sehnsucht nach einer Biberin dich verzweifeln lassen. Bist du deshalb vors Auto gerannt?

Oder war es gar Mord, wie einige von uns glauben? Biberreviere gibt es nicht wie Sand am Meer. Vielleicht hat dich ein rabiater Jungbiber aus dem Aargau auf der Suche nach einem eigenen Revier in die Falle gelockt. War es letzten Endes ein Mord im Bibermilieu? Auf diese Frage wird auch die Obduktion durch den Kanton Zürich kaum eine Antwort liefern.

Früher hat man deine Artgenossen gejagt: ihres Fells wegen. Und wegen des Bibergeils, das eine deiner Drüsen produziert. Es soll die Lust steigern. Von diesem Aberglauben haben wir uns glücklicherweise verabschiedet. Und verabschieden, lieber Biber, müssen wir uns jetzt auch von dir. Wir werden dich immer in Erinnerung behalten. Oder zumindest so lange, bis ein neuer Biber kommt, der im Halbdunkel vor jemandes Stossstange rennt.