Die Zahlungsdisziplin der Schlieremer und Urdorfer Bevölkerung erreicht ein Rekordtief. Erstmals seit der Zusammenlegung der Betreibungsämter der beiden Gemeinden vor drei Jahren wurden 2012 über 10 000 Betreibungen eingeleitet, 7849 davon in Schlieren, 2152 in Urdorf. In den beiden Jahren davor stagnierte die Anzahl Betreibungen bei rund 9300 Zahlungsbefehlen.

Bevölkerungswachstum und Krise

Der Hauptgrund für diesen Anstieg sieht Stadtammann Urs Huber im Anstieg der Bevölkerung. «Mehr Einwohner bedeuten mehr Betreibungen», sagt er. Doch auch die Spätfolgen der Finanzkrise im Jahr 2008 könnten mitspielen: «In den Folgejahren verloren viele Angestellte ihren Job und mussten oft Stellen annehmen, die schlechter entlöhnt wurden», so Huber.

Zwar betreffen Betreibungen fast alle Bevölkerungskreise, eine Hauptklientel des Betreibungsamtes sind jedoch Working Poor – Menschen, die zwar voll arbeiteten, aber trotzdem nicht genug verdienen, um die Lebenskosten aufzubringen, wie Huber sagt. «Auch wenn die Bevölkerungsstruktur in Schlieren derzeit in einem starken Wandel begriffen ist, so ist diese Gruppe dennoch stark vertreten.» Auch deshalb müsse die Stadt wohl so viele Zahlungsbefehle verschicken.

Moralischer Wandel feststellbar

Die einzige Bevölkerungsgruppe, die kaum betrieben werden muss, sind die Senioren. Dafür hat Huber eine Erklärung: Seit er 1993 angefangen habe, auf dem Betreibungsamt zu arbeiten, könne er einen deutlichen moralischen Wandel feststellen. Im Zusammenhang mit Betreibungen sei die Hemmschwelle auf jeden Fall gesunken, sagt er: «Vor 20 Jahren mussten wir mit Schuldnern oft lange Diskussionen führen. Eine Betreibung wurde als Schmach und Scheitern empfunden», so Huber. Heute nähmen die Betroffenen einen Zahlungsbefehl meist sehr gelassen hin. «Viele junge Leute kommen vorbei, unterzeichnen die Betreibungsprotokolle wortlos und ziehen wieder von dannen», sagt er.

Der grösste Teil der Zahlungsbefehle, die im vergangenen Jahr verschickt wurden, betraf nicht beglichene Krankenkassenprämien. «Die Prämien und Steuern gehören zu jenen Rechnungen, von deren Bezahlung viele als Erstes absehen», sagt Stadtammann Huber. Sie täten dies aus der Überzeugung, dass man eine Zeit lang auch ohne gedeckte Krankenversicherung auskommen könne. Es folgen Betreibungen aufgrund nicht bezahlter Mobiltelefonrechnungen und ausstehender Kleinkredite.

Aufwand der Verwaltung wächst

Der Entwicklungstrend der vergangenen Jahre wird sich auch in Zukunft fortsetzen, vermutet Huber: «Ich warte seit 20 Jahren darauf, dass die Betreibungsquote rückläufig wird. Aber auch längerfristig ist eher mit einem Anstieg zu rechnen.» Folgen hat diese Entwicklung auch für die Schlieremer Verwaltung. Betreibungen seien mit grossem personellen Aufwand verbunden, sagt Huber: «Das Betreibungs- und Stadtammannamt muss deshalb stetig wachsen. Wir benötigen immer mehr Personal und beanspruchen dadurch auch mehr Platz im Stadthaus.»

Die Stadt hat dabei kaum Möglichkeiten, auf die Zahlungsdisziplin der Einwohner Einfluss zu nehmen. Im Betreibungsamt lägen zwar Informationsunterlagen von Schuldenberatungen auf, sagt Huber. Aber: «Unser Beratungsdienst wird kaum je in Anspruch genommen.» Auch nach den Unterlagen bestehe kaum Nachfrage.