Verein Kultur Krone Dietikon
Letzter Vorhang für die «Eulenspiegels»

Der Verein Kultur Krone Dietikon löst sich kommende Woche auf und sieht sich als ein kulturpolitischer Taktgeber.

Alex Rudolf (Text) und Severin Bigler (Foto)
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Stefan Baier denkt mit einem Schmunzeln an viele Aktionen des Vereins zurück: «Wir haben mit unseren kulturellen Aktionen etwas erschaffen, das politisch wirksam war. Wohl weil wir nicht politisch wirksam sein wollten.»

Stefan Baier denkt mit einem Schmunzeln an viele Aktionen des Vereins zurück: «Wir haben mit unseren kulturellen Aktionen etwas erschaffen, das politisch wirksam war. Wohl weil wir nicht politisch wirksam sein wollten.»

Zur Verfügung gestellt

Stefan Baier schlägt in regelmässigen Abständen auf die Tischplatte. Den dabei entstehenden Rhythmus unterbricht er nach wenigen Sekunden und wechselt auf einen langsameren, nimmt dafür ein Händeklatschen hinzu. So geht es nur einen kurzen Moment weiter und der 53-Jährige beginnt von eins auf drei zu zählen, um den sich wieder verändernden Takt zu verdeutlichen.

So beschreibt der Theaterpädagoge das Wesen des Vereins Kultur Krone Dietikon, der an der Mitgliederversammlung vom kommenden Dienstag seine Auflösung beschliessen wird. Seit Anbeginn der Zeit sei das kulturelle Schaffen einem Rhythmus gefolgt, der stets von wechselnden Protagonisten erzeugt wurde. «Wir waren nun 17 Jahre lang ein Takt in Dietikon und konnten das kulturelle Geschehen mitprägen. Nun ist es an der Zeit, den Stab zu übergeben und andere den Takt angeben zu lassen», so Baier.

«Jene, die bei Eulenspiels Auftritten nicht über sich selber lachen konnten, waren verloren.»

Stefan Baier , Präsident «Kultur Krone DietikoN»

Für Kulturschaffende war Dietikon vor 17 Jahren noch eine andere Stadt. Ihr Zentrum war das ehemalige Schellareal beim Dietiker Bahnhof, wo heute die Überbauung Trio steht. «Der Kultur wurde Raum gegeben. Dabei handelte es sich nicht nur um Veranstaltungsräume, sondern auch um Platz, wo sich Kultur entwickeln konnte», so Baier. Um den Dietiker Theaterleuten, den Musikern und den Literaten ebendiesen Raum nach der Schellareal-Schliessung erneut zur Verfügung zu stellen, formierte sich der Verein. Ins Auge fasste die Gruppe um das damalige Co-Präsidium Stefan Baier und Regula Cincera den historischen Stadtkern. Das eben von der Stadt erworbene Gebäudeensemble rund um den Kronenplatz sollte zum kulturellen Zentrum werden – neben der Zehntenscheune schwebte dem Verein auch die Nutzung des «Alten Bären» vor. Damit trafen die Verantwortlichen einen Nerv, denn nur zweienhalb Wochen nach seiner Gründung 2005 zählte er bereits über 100 Mitglieder.

Vorwurf der Erpressung

Beim Rückblick auf das Schaffen von «Kultur Krone Dietikon» zieht Baier den Vergleich zu Till Eulenspiegel, dem Protagonisten einer Vielzahl mittelalterlicher Narrengeschichten. «Mit unseren Aktionen, etwa der ‹Chrone Chilbi› oder unserem Auftritt am Dietiker Fasnachtsumzug trieben wir es bunt und riefen dem Stadtrat mittels närrischem Treiben die Kulturpolitik ins Gedächtnis», so Baier. Nicht nur der Exekutive werde dies sicherlich in Erinnerung bleiben.

Nicht immer kam der spielerisch-närrische Schalk bei den Entscheidungsträgern im Stadthaus gut an, um es mild auszudrücken. Im Vorfeld zum Planungskredit für das Kronenareal, welcher der Stadtrat dem Parlament 2009 vorlegte, war der Verein am aktivsten. Mit offenen Briefen und Infoveranstaltungen für Parlamentarier versuchten die Kulturschaffenden, die Sprechung des Geldes zu unterbinden.

Der Grund: In der Zehntenscheune wäre nach Plänen der Stadt nur ein Geschoss für die Kultur und im «Alten Bären» keine stadteigene Nutzung vorgesehen gewesen. Die Aussage der Vereinsspitze, dass man bei einem Ja des Parlaments das Referendum ergreife und so an der Urne über das Geschäft abstimmen lassen wolle, irritierte die damalige Hochbauvorsteherin Gertrud Disler. In einem Artikel in der Limmattaler Zeitung nannte sie das Verhalten erpresserisch. So sei es schwierig, auf konstruktiver Basis diskutieren zu können, erklärte die SP-Politikerin weiter.

Rückblickend findet Baier auch für diese Zeit, in der es heiss zu und hergegangen sei, ein Schmunzeln. «Denn dieser Vorwurf war haltlos, da es sich bei einem Referendum um ein demokratisches Mittel handelt.» Wieder zieht er einen Vergleich zu Eulenspiegel. «Jene, die bei seinen Auftritten nicht über sich selber lachen konnten, waren verloren.» Werfe ein Politiker einer Gruppierung, die Gebrauch von ihren Rechten macht, Erpressung vor, dann müsse dieser Politiker wohl über die Bücher gehen.

Zudem habe man das Ziel nicht verfehlt. Denn an der Generalversammlung des Vereins im Vorfeld zur Gemeinderatsdebatte 2009, in welcher der Kredit dann überraschend deutlich mit nur einer Gegenstimme angenommen wurde, sei eine hervorragende Diskussion entstanden: «Eine, in welcher die Basisdemokratie hochgehalten wurde. Das machte uns stolz.» Weil der Stadtrat die Erstellung eines Kulturkonzepts unter Mitarbeit des Vereins versprach, erachtete «Kultur Krone Dietikon» die Erfolgschancen an der Urne als zu gering und sah vom Referendum ab.

Kapitel ist abgeschlossen

Was die Kulturschaffenden bereits Jahre zuvor befürchtet hatten, wurde 2014 dann schliesslich zu einer Gewissheit. Obwohl dem Stadtrat bekannt war, dass gewisse Parlamentarier Unterschriften für eine Volksinitiative gegen den Verkauf des «Alten Bären» an Private sammelten, veräusserte er die Liegenschaft aus dem 17. Jahrhundert. Etwa zeitgleich sistierte der Verein seine Aktivitäten.

Dabei ist in der angrenzenden Zehntenscheune noch immer ein Lokal für die Dietiker Kultur geplant. Hält es Baier nicht für notwendig, dieses Projekt gegen der Kultur weniger freundlich Gesinnte zu verteidigen? «Nein», sagt er. Das Kapitel Kronenareal ist für ihn abgeschlossen. «So wird in der Scheune wohl, wenn alles gut geht, ein Veranstaltungsort entstehen. Das ist jedoch nicht das, wofür wir uns einsetzten.» Solche Lokalitäten seien zwar ein schönes «Nice-to-have». «Doch setzten wir uns für einen Ort ein, an dem die Kultur entstehen und nicht nur aufgeführt werden kann.»

Hat der Verein dieses Ziel denn nun aufgegeben? Mitnichten. So ist sich Baier sicher, dass man nicht einen, sondern gleich mehrere Stäbe weitergibt. «Einerseits an die enthusiastischen Kulturschaffenden aus Dietikon, aber auch an den noch jungen Verein Gleis 21.» Dieser will gemeinsam mit der Stadt im Gebäude des ehemaligen Brockenhauses zwischen Nötzliwiese und Bahnhof ein Kulturzentrum ins Leben rufen.

Und wie fällt das Fazit aus, welches Baier am Dienstag vor den Vereinsmitgliedern an der letzten von gesamthaft über 100 Sitzungen ziehen wird? Eher trocken: «Wir haben mit unseren künstlerischen und kulturellen Aktionen etwas erschaffen, das politisch wirksam war. Wohl weil wir nicht