Herr Zurkirchen, als Sie vor vier Jahren in Dietikon Ihren ersten Job in einem Gefängnis antraten, sprachen Sie von einem Traumjob. Was sagen Sie heute?

Roland Zurkirchen: Es ist immer noch ein Traumjob. Es ist eine sehr sinnstiftende Aufgabe, die einem zwar fordert, aber auch sehr viel gibt. Dass man äusserst selbstständig arbeiten kann und jeder Tag anders aussieht als der letzte, macht den Job auch heute noch spannend. Nun freue ich mich zwar auf das Neue, aber ich verlasse dieses Haus nicht ohne Wehmut.

Von aussen nimmt man ein Gefängnis vor allem dann wahr, wenn etwas schiefläuft. Dass alles funktioniert, wird einfach erwartet. Woher bekommen Sie Anerkennung für Ihre Arbeit?

In der Öffentlichkeit ist die Erwartung an den Justizvollzug tatsächlich vor allem, dass einfach alles sauber läuft. Was sonst noch alles dahintersteckt, wird weniger wahrgenommen. Was ich aber hier im Haus angetroffen habe, sind ganz viele Leute, die ihre Arbeit mit einer unglaublichen und beeindruckenden Kompetenz und Sorgfalt machen. Anerkennung holen wir uns denn auch von innen, im Team. Was uns belohnt, sind die Momente, in denen wir gemeinsam schwierige Situationen meistern, gemeinsam etwas erreichen. Wenn es uns gelingt, auch schwierige Insassen zu integrieren, dann gibt uns das viel. Denn das ist nicht einfach. Dass Aufseher teilweise vor allem als Schlüsselknecht angeschaut werden, ist für sie entsprechend frustrierend.

Ist diese Wahrnehmung nicht im Wandel? Heute spricht man ja beispielsweise nicht mehr von Wärtern, sondern von Betreuern.

Wir sind auf gutem Weg und es bewegt sich etwas, auf jeden Fall. Das hat auch damit zu tun, dass zumindest die seriösen Medien heute die Leistung des Justizvollzugs generell anerkennen und abbilden. Auf der anderen Seite zeigen aber auch wir uns heute offener in der Kommunikation.

In den letzten vier Jahren geschah sehr viel: «Carlos» im Gefängnis Limmattal, der erste Suizid und der Ausbruch der Aufseherin mit einem Häftling, der die ganze Schweiz beschäftigte. Sie haben sich eine turbulente Zeit ausgesucht.

Rückblickend waren es tatsächlich turbulente Jahre. Aber aussergewöhnliche Ereignisse bringen einem auch weiter. Und für die Bewältigung braucht es Leitung und Führung. Im Normalbetrieb funktioniert dieses Haus derart gut, dass es die Leitung weniger braucht. Man muss aber auch sagen, dass nicht alles, was gegen aussen turbulent wirkt, auch gegen innen so ist. Bei «Carlos» beispielsweise haben wir die Situation aufgefangen, ihn bei uns integriert. Wir haben einfach unsere Pflicht erfüllt. Aber wir kamen als sein Aufenthaltsort in den Fokus.

Und der Suizid?

Mit einem Suizid in sieben Jahren stehen wir nicht schlecht da. Suizid im Gefängnis ist leider eine Tragik, die man nie hundertprozentig besiegen wird, auch wenn man intensiv daran arbeitet. Das muss man in der einen oder anderen Form mittragen.

Wie war es für Sie, nach der filmreifen Flucht im letzten Jahr plötzlich so im Fokus der medialen Aufmerksamkeit zu stehen?

Dieses Ereignis hat uns sehr stark geprägt, aber vor allem gegen innen. Natürlich hat die Flucht auch gegen aussen hohe Wellen geworfen, war für die Bevölkerung faszinierend. Aber die eigentliche Krise fand im Team statt. Wir mussten uns sehr stark damit auseinandersetzen, was es heisst, auf diese Art verraten zu werden und daran arbeiten, unsere Stabilität zurückzubekommen.

Wie hat das Team die Krise gemeistert?

Es hat uns noch näher zusammengebracht. Wir haben uns gegenseitig gestützt. Es war ein Schock für das Team und die erste Aussprache, die wir hatten, war schwierig, weil so viele Emotionen da waren.

War der Gedanke auch: Wenn das passieren konnte, worauf können wir uns denn noch verlassen?

Ganz genau. Die Konfrontation mit der Realität, dass so etwas bei uns geschehen kann, war traumatisch und hat intensive Arbeit ausgelöst. Es dauerte fast dreiviertel Jahre, bis wir beschlossen: Jetzt müssen wir dieses Thema abschliessen und das Ereignis in die Geschichte des Gefängnisses Limmattal transferieren. Denn dort gehört es hin. Mit einem Ritual haben wir das erreicht und mit einem gemeinsamen Event das Team wieder gestärkt. Daneben haben wir auch die Sicherheitslücke geschlossen. Das Ereignis hat also viel Aufwand und Belastung ausgelöst, aber keinen bleibenden Schaden hinterlassen. Der Insasse ist wieder verhaftet und wird seiner Strafe zugeführt, und wir haben neue Erkenntnisse gewonnen.

Wenn so etwas geschieht, macht man sich selber auch Vorwürfe, selbst wenn sie vielleicht nicht rational sind?

Natürlich. Schliesslich ist man als Gefängnisleiter hauptverantwortlich für die Sicherheit. Dazu kommt die menschliche Komponente. Man fragt sich: Habe ich etwas nicht gesehen, habe ich ein Gespräch nicht geführt, war ich zu wenig nah dran? Man geht auf jeden Fall mit sich selber ins Gericht. Aber letztlich sieht man nicht in den Menschen hinein und so gilt es, solche Ereignisse einfach zu akzeptieren.

Menschen wollen nach so einem Vorfall gern eine Versicherung, dass so etwas nie wieder geschehen könnte. Aber die totale Sicherheit kann man ihnen nicht geben. Wie gehen Sie damit um?

Man muss Druck aushalten können. Das Wissen, dass jederzeit etwas Unvorhergesehenes geschehen könnte. Hundertprozentige Sicherheit hätte man vielleicht, wenn man jemanden in einen Bunker schmeissen und die Türe nie mehr öffnen würde. Aber das wollen wir nicht. Wir müssen die Menschen mit Respekt behandeln. Das geht nur, wenn man bei der Sicherheit gewisse Kompromisse eingeht. Und so lange wir das tun, kann auch etwas geschehen. Dessen müssen wir uns bewusst sein und das müssen wir auch immer wieder kommunizieren: Es gibt keine hundertprozentige Sicherheit.

Die Leute sehnen sich trotzdem danach.

Das ist so. Man sehnt sich danach. Es kann sehr tragisch sein, wenn etwas geschieht, selbst wenn man sich eigentlich bewusst ist, dass diese Möglichkeit immer besteht.

Nebst all den anderen Turbulenzen übernahmen Sie 2014 auch noch neun Monate lang die Leitung des Gefängnisses in Affoltern, weil dort der Leiter suspendiert worden war. Kann man allein einer Aufgabe, die sonst zwei Personen machen, überhaupt gerecht werden?

Man kann ihr nur gerecht werden, wenn man eine sehr gute Stellvertretung hat, so wie ich es glücklicherweise immer hatte.

Mit all den Herausforderungen und Belastungen: Hatten Sie manchmal schlaflose Nächte oder konnten Sie den Job immer an der Gefängnistüre zurücklassen?

Ich glaube nicht, dass es sinnvoll ist, wenn man alles an der Gefängnistüre zurücklässt. Als Gefängnisdirektor ist man auch ein Mensch, der in einem sozialen Umfeld steht. Dieses merkt, wenn ich belastet bin, und so soll es auch sein: Wer Belastungen teilt, kann besser damit umgehen. Ich bin überzeugt, dass es gesünder ist, wenn man seine Arbeitspersönlichkeit nicht von sich abspaltet, sondern ganzheitlich damit umgeht.

Ihr Vorgänger sagte, er spreche nie mit seiner Familie über seine Arbeit.

Das ist bei mir anders. Ich betrachte den Justizvollzug als Teil der Gesellschaft. Wenn ich gar nichts gegen aussen kommuniziere, dann schotte ich diese Welt auch ab. Ich habe auch die Aufgabe, etwas zur Transparenz, die wir der Bevölkerung, dem Steuerzahler, schulden, beizutragen.

Wie offen sind Sie in der Arbeit mit den Gefängnisinsassen? Wie sehr dürfen und können Sie sich auf sie einlassen?

Man darf sich sehr wohl einlassen. In einem Haus von dieser Grössenordnung ist das sogar notwendig. Ich bin der Ansicht, dass man sich vor allem auch mit den aussergewöhnlichen Fällen – Stichwort «Carlos» – auseinandersetzen sollte, um zu wissen, welche Entscheide für die Mitarbeiter getroffen werden müssen. Dafür brauche ich eine gewisse Nähe, ich muss mit den Insassen sprechen.

Wie oft kam das vor?

Jeder Insasse hat das Recht, den Gefängnisleiter für ein Gespräch zu verlangen. Das geschieht vielleicht zwei bis drei Mal pro Monat. Diese Gespräche sind oft wichtig für das Klima im Haus. Das Haus ist dann ruhig und läuft normal, wenn keine unausgesprochenen Frustrationen da sind.

Welche Anliegen haben die Insassen?

Oft geht es um die persönliche Situation. Draussen geht das Leben weiter, es gibt Geburten, Todesfälle, Krankheiten. Das müssen die Insassen alles mit sich selber ausmachen. Sie schätzen es, wenn sich der Gefängnisdirektor Zeit nimmt, damit sie teilen können, was sie beschäftigt. Oft geht es mehr um das Gespräch als solches, als um den Inhalt. Wenn ich mit einem Insassen über den Tod seiner Mutter spreche, weil ich sehe, er hat Mühe, das zu verkraften, so ist das für ihn auch ein Stück Normalität.

Was war in den letzten Jahren Ihr grösster Erfolg?

In unserem Haus haben wir, vor allem im Umgang mit den Insassen, eine grosse Entwicklung durchgemacht. Heute gehen wir mit ihnen auf eine noch respektvollere und sehr menschliche Art um. Das hat einiges an Arbeit im Team gebraucht. Die Gesellschaft und somit auch der Justizvollzug haben sich in den letzten zehn Jahren stark verändert, die Integration dieser Ansprüche in die tägliche Arbeit ist anspruchsvoll und zeichnet zugleich den Erfolg aus.

Was waren die grössten Herausforderungen?

Nicht unbedingt die, die man gegen aussen wahrgenommen hat. Das waren Krisen, die es zu bewältigen gab. Krisen brauchen immer spezielle Aufmerksamkeit, aber sind für mich nicht die grössten Herausforderungen. Das Schwierigste ist, im laufenden Betrieb etwas zu verändern. Man kann sich das wie bei einer Lokomotive vorstellen, die fährt. Wenn man ein Rad ersetzen will, fährt man im Normalfall in die Garage, bockt die Loki dort auf und wechselt das Rad. Das ist aber im Gefängnisalltag nicht möglich, hier fährt die Loki permanent. Man muss das Rad während der Fahrt auswechseln. Das ist anspruchsvoll.

Werden Sie etwas vermissen am Gefängnis Limmattal?

Ich habe Beziehungen hier im Haus, Menschen sind mir nahe. Das macht den Abschied nicht nur einfach. Vermissen werde ich auch die Direktheit der Arbeit hier.

Für Sie steht immer der Mensch im Zentrum. Jetzt, wo Sie Direktor der Untersuchungsgefängnisse Zürich werden: Entfernen Sie sich da nicht weiter weg von den Menschen?

Die neue Aufgabe ist weniger nah am Mensch. Aber in Bezug auf die Auswirkung auf den Mensch werden sich die Möglichkeiten erweitern. Mich reizt vor allem, dass ich innerhalb des Kantons die gesamte Untersuchungshaft unter mir haben werde. So können wir Veränderungen, die dem Menschen zugutekommen, anders anpacken. Insofern bin ich weniger nah am Puls, aber der Mensch steht immer noch im Zentrum.