Herr Egger, wer längere Zeit im Gefängnis verbringt und dieses dann für immer verlässt, ist im Normalfall überglücklich. Geht es Ihnen ebenso?

Ernst Egger: Ich freue mich darauf, die Verantwortung ablegen zu dürfen, mich nicht mehr um das Organisatorische kümmern zu müssen. Die Arbeit mit den Insassen hingegen werde ich vermissen. Ich habe die Gespräche geschätzt, die täglichen Herausforderungen, das stetig neue Abwägen von Situationen, das Suchen von Lösungen.

Kann sich mit einem Insassen eine persönliche Beziehung entwickeln?

Beziehung kann man dem nicht sagen. Bei den Kontakten geht es um das Tagesgeschäft, um die alltäglichen Probleme, die die Häftlinge haben.

Wie viel Kontakt hat man als Gefängnisleiter mit den Insassen?

Im Normalfall mache ich hier im Untersuchungsgefängnis mindestens einmal in der Woche einen Rundgang. Wenn ich sonst im Gefängnis unterwegs bin, werde ich auch oft direkt angesprochen.

Wie reagieren Sie darauf?

Ich bin nicht der Feuerwehrmann, der Probleme löst. Es gibt klare Vorgaben, was geschieht, wenn ein Insasse ein Problem oder einen Wunsch hat. Er kann einen Hausbrief schreiben, der von meinen Leuten an der Front bearbeitet wird. Wenn dann jemand den Wunsch hat, direkt mit mir zu sprechen, stehe ich zur Verfügung.

Wie menschlich darf man als Gefängnisleiter sein, ohne sich angreifbar zu machen?

Damit hatte ich nie ein Problem. Ich finde, man darf sehr menschlich sein.

Sie haben den Gefängnisbetrieb im Limmattal aufgebaut, waren ab Ende 2009 schon zehn Monate vor den Insassen da. Kann einem ein Gefängnis ans Herz wachsen?

Ans Herz wachsen nicht. Aber einen gewissen Berufsstolz habe ich schon. Ich bin immer gern zur Arbeit gegangen.

Was hat Sie ursprünglich dazu bewegt, in einem Gefängnis zu arbeiten?

Der reine Zufall (lacht). Ich war lange Filialleiter in einem Pneuhaus und einer unserer Kunden hat in der alten Strafanstalt Regensdorf gearbeitet. Er hat mir geraten, mich dort zu bewerben – was ich eines Tages tatsächlich machte. Ich fing am 1. Februar 1988 als Aufseher an.

Wie gross war die Umstellung?

Ich war anfangs sehr skeptisch. Nach zwei Monaten beschloss ich, zu künden, denn es war mir viel zu langweilig.

Haben Sie sich mehr Action erhofft?

Nein, nein, nicht mehr Action! Aber ich kam mir vor wie der Schlüsselknecht, der nur einschloss und wieder aufschloss. Der Tagesablauf war hochstrukturiert und immer gleich. Doch dann wurde mir die Mitarbeit in einem interessanten Projekt angeboten: Es fanden gerade die ersten Gespräche zum Gruppenvollzug in einem geschlossenen System statt. Das Thema hat mich gereizt, ich blieb – und bin froh darüber. Heute ist der Gruppenvollzug Standard.

Sind Sie als Gefängnisleiter nicht der Typ für hochstrukturierte Tagesabläufe?

Doch, das bin ich schon. Hochstrukturiert, aber im Detail sehr nahe am Insassen. Die Gefängniswelt braucht sehr klare Strukturen, nur dann funktioniert es. Aber wenn es Probleme gibt, braucht man eine direkte Verhandlungsbasis. Ich habe, vor allem in den Anfangsjahren, ziemlich rigid gearbeitet. Man hat mich eher als Hardliner angesehen.

Sie selber sahen sich nicht so?

Doch, obwohl ich Sozialpädagoge bin, bin ich sicher ein Hardliner. Ohne klare Strukturen geht gar nichts. Das Personal arbeitet besser und die Insassen verhalten sich besser.

Wann sind Sie mehr Sozialpädagoge als Hardliner?

Direkt beim Insassen bin ich sehr sozial denkend. Ich kann viele Probleme, die die Insassen haben, absolut nachvollziehen. Dabei geht es jedoch um Alltagsprobleme, kaum je um die mutmassliche Tat. Darüber spreche ich praktisch nie. Wenn ich mit einem Insassen spreche, sehe ich den Menschen vor mir.

Gibt es Glück im Gefängnis?

Glück? Doch, ich denke schon. Im offenen Vollzug habe ich viele randständige Insassen erlebt, die sehr dankbar waren. Sie hatten ein Bett, drei Mahlzeiten am Tag, medizinische Versorgung. Sie haben ein Umfeld vorgefunden, das sie auch als Mensch wahrgenommen hat.

Und hier im Untersuchungsgefängnis?

Ab und zu gibt es Insassen, die sich bedanken, wenn sie gehen. Das sind zwar Peanuts, aber das empfinde ich als eine Art Glücksgefühl: Zu wissen, wir haben gut gearbeitet. Denn viele Insassen sehen nur das Negative: dass wir sie einsperren, nichts bewilligen, zu streng sind, dass das Essen nicht gut sei.

Als Gefängnisleiter kann man kaum auf Lob hoffen – entweder betreibt man Kuscheljustiz oder man ist unmenschlich. Hat Sie das nie belastet?

Nein. Das hat mich nie belastet, weil ich weiss, was hier drin täglich vor sich geht. Was draussen geredet wird, interessiert mich wenig. Deshalb habe ich auch in meinem ganzen Vereinsleben kaum je über den Strafvollzug geredet. Auch meine Familie weiss sehr wenig über meinen Arbeitsalltag.

Sie haben mit Ihrer Familie nicht über Ihre Arbeit gesprochen?

Nein. Ich bin jemand, der Arbeitsplatz und Privatleben ganz klar trennen kann und ich trage den einen Bereich nicht in den anderen hinein.

Und Ihr Umfeld bohrt nie nach?

Doch, selbstverständlich. In meiner Familie war das ein grosses Problem, da sie gerne mehr über meinen Berufsalltag gewusst hätten. Doch ich wollte sie damit nicht belasten. Der Vollzugsalltag ist schliesslich oft kein Honigschlecken.

Wurden Sie auch bedroht?

Natürlich, ich kenne Bedrohungen zur Genüge. Ich weiss nicht, wie viele Bedrohungen von Insassen ich in den vergangenen 26 Jahren erlebt habe.

Hatten Sie nie Angst?

Nein, Angst hatte ich nie. Respekt, ja.

Hat Sie das in Ihrem Privatleben nicht auch isoliert, dass Sie nie über Ihre Arbeit sprachen?

Ich habe privat keinen grossen Kollegenkreis. Das hat auch damit zu tun, dass ich mich im Normalfall eher zurückgezogen habe, wenn das Thema Gefängnis angesprochen wurde.

War das vor allem zu Ihrem Schutz?

Ja. Zudem weiss ich, dass ich die Leute nicht von dem überzeugen kann, was ich erzähle. Draussen glaubt es mir niemand, wenn ich erzähle, wie schwierig es für einen Insassen ist, ein Jahr lang in einer Zelle zu hocken. Die meisten Leute können sich den Gefängnisalltag nicht vorstellen. Sie wissen oft gar nicht, wie wertvoll Freiheit ist.

Haben Sie auch mal eine Nacht in einer Zelle verbracht?

Selbstverständlich. In meiner Zeit als Aufseher hatte ich jede dritte Woche Nachtdienst. Wir schliefen in einer Zelle, die genau gleich war wie diejenigen der Insassen. Der einzige Unterschied war, dass wir die Tür aufmachen konnten.

Was war der grösste Erfolg in Ihrem Berufsleben?

Jeder Tag, an dem ich abends nach einem guten Tag zufrieden nach Hause ging, weil nichts Gravierendes passiert ist, ist ein Erfolg. Oder wenn unsere 30 Mitarbeiter zufrieden sind und ich vielleicht einmal ein Danke bekomme.

Sie müssen sich an wenig freuen.

An sehr wenig. Aber ich habe alle Erfolge, ob klein oder gross, immer als Teamerfolg verbucht, auch wenn ich mich manchmal als Einzelperson gefühlt habe. Als Gefängnisleiter muss man stets gegen oben der Direktion und Amtsleitung sowie nach unten jedem einzelnen Mitarbeiter Rechnung tragen.

War der Job manchmal einsam?

Sehr, ja. Es ist ein einsamer Job.

Was war die grösste Herausforderung?

Dass ich mich vom Aufseher zum Gefängnisleiter aufgearbeitet habe. Darauf bin ich schon stolz.

Das Gefängnisgebäude wurde oft kritisiert, beispielsweise, weil die Fenster gegen die Strasse hin führen. Hat Sie das nicht belastet?

Die Sicherheit ist absolut top. Aber die Defizite am Bau haben mich sehr belastet. Es hätte vieles besser gemacht werden können, wenn jemand, der an der Front arbeitet, in die Planung mit einbezogen worden wäre. Es wäre mir viel lieber gewesen, die Zellen wären auf den Innenhof ausgerichtet gewesen und das Gefängnis wäre auf einem statt auf fünf Stockwerken geplant worden.

Haben Sie sich daran gewöhnt?

Ja, das mussten wir ja. Es gibt aber immer noch Details, die mich stören, zum Beispiel, dass die Insassen nur kaltes Wasser haben.

Worauf freuen Sie sich als Pensionär?

Die Verantwortung weitergeben zu können und vorwärtszuschauen. Ich freue mich auf die Freiheit und darauf, mehr Zeit für mich und die Familie zu haben. Und ich lerne jetzt sogar noch Polnisch, mit 65 Jahren.