Während höchstens zwei Jahren erhalten Arbeitslose Geld von der Arbeitslosenversicherung. Danach folgt die Aussteuerung und damit häufig das Abrutschen in die Sozialhilfe. Menschen in dieser Situation haben es noch schwieriger, jemals wieder Arbeit zu finden. Gerade für die Stadt Dietikon ist damit ein grosses finanzielles Risiko verbunden, da sie nicht nur die höchste Sozialhilfequote, sondern auch die höchste Arbeitslosenquote im Kanton aufweist.

Psychologie von Vorteil

Um auf lange Sicht die Kosten für die Sozialhilfe abzudämpfen, intensiviert die Stadt die Bemühungen, Sozialhilfebezüger wieder zurück ins Arbeitsleben zu bringen. Was früher verschiedene Stellen und Sozialarbeiter gemacht hatten, wurde nun in der neuen Fachstelle Arbeitsintegration zusammengeführt. Ihre Büros befinden sich in den Räumlichkeiten der Sozialabteilung, die seit 2012 an der Neumattstrasse untergebracht ist. Der Leiter der Fachstelle, Attila Stanelle, nahm seine Arbeit im Juni 2015 auf – und musste als Erstes gleich weitere Personen anstellen. Seit Januar besteht die Fachstelle nun aus vier Personen, die insgesamt ein 300-Prozent-Pensum ausfüllen.

Die Mitarbeiterinnen der Fachstelle sind nicht etwa Sozialarbeiterinnen, sondern sie kommen aus dem Personalwesen: So arbeiteten zwei der Frauen zuvor bei renommierten Personalunternehmen, eine weitere war bereits im Bereich der Arbeitsintegration tätig und ist auch in Psychologie ausgebildet. Ein Vorteil, da mit der Länge der Arbeitslosigkeit die Wahrscheinlichkeit steigt, dass die betroffene Person in eine Depression gerät – vor allem, wenn sie eigentlich gerne arbeiten würde.

Mit einem persönlichen Integrationsplan für jeden ihrer Klienten geht die Fachstelle nach klaren Strukturen vor. Dieser Plan enthält unter anderem Ziele und Zwischenziele für die Wiederintegration in den Arbeitsmarkt. «Unsere Aufgabe ist es, die Menschen wieder zu motivieren. Wir müssen ihnen Perspektiven aufzeigen», so Fachstellenleiter Attila Stanelle. «Ich sage jeweils, wir breiten den roten Teppich aus, aber darüberschreiten müssen die Leute selber.»

Zuverlässigkeit wird getestet

Je nachdem, wie lange eine Person schon arbeitslos ist, kann ein sogenannter Arbeitsmarkttest sinnvoll sein: Mit einer befristeten Stelle im geschützten Arbeitsmarkt – also Beschäftigungsmöglichkeiten spezifisch für Sozialhilfebezüger – können die Menschen zeigen, dass sie pünktlich, zuverlässig und fähig sind. Für solche Tests arbeitet die Fachstelle auch mit Firmen zusammen. So können sich Sozialhilfebezüger, von denen viele keine hohe Ausbildung haben, beispielsweise bei Hilfsjobs in der Spitalküche unter Beweis stellen. «Das kann dann auch zu einer Festanstellung führen», sagt Stanelle. Aber auch Höherqualifizierte hat die Fachstelle Arbeitsintegration bereits betreut: Vereinzelt arbeiten ehemalige Sozialhilfebezüger heute in der Finanz- oder der Medizinaltechnikbranche.

Für Klienten, die zwar einen solchen Berufswunsch haben, aber nicht die nötigen Voraussetzungen mitbringen, hat die Fachstelle ebenfalls eine Strategie: «Wenn jemand Pilot werden will, versuchen wir herauszufinden, was ihn daran fasziniert. So können wir ein realistisches Jobprofil finden, das ihn auch begeistern kann», sagt Stanelle. Dafür ist sein Team auch auf das Berufsinformationszentrum in Urdorf angewiesen.

Auch mit der Regionalen Arbeitsvermittlung (RAV), die im gleichen Gebäude untergebracht ist, arbeitet die Fachstelle zusammen. So können RAV-Berater für ihre Klienten schon ein halbes Jahr vor der Aussteuerung eine Beratung bei Stanelles Team buchen. Um ihre Ziele zu erreichen, ist es für die Klienten auch mal nötig, zuerst einen sogenannten Brotjob zu übernehmen. «Ab da sind die Personen dann auf sich gestellt», sagt Stanelle. Manche Klienten müssen am Anfang ihres Integrationsprozesses erst mal fit getrimmt werden für den heutigen Arbeitsmarkt. Dazu führt die Fachstelle Kurse durch, in denen die Klienten zum Beispiel Sozialkompetenz und Umgangsformen lernen.

Eine Erfolgsquote kann Attila Stanelle noch keine ausweisen, da die Fachstelle noch kein ganzes Jahr in vollem Betrieb ist. Grundsätzlich liege der Fokus auf jungen Sozialhilfebezügern. Wenn sie eine Stelle finden, wird damit ein jahrelanger und teurer Sozialhilfebezug verhindert. «Aber wir haben auch schon Sozialhilfebezüger, die älter als 60 Jahre sind, wieder erfolgreich in den Arbeitsmarkt zurückgeführt», sagt Stanelle. Auch mit alleinerziehenden Müttern hat die Fachstelle viel zu tun.

Um Erfolg zu haben und die Dietiker Sozialkosten zu senken, ist die Fachstelle auch auf die Kooperation der Arbeitgeber angewiesen, die bereit sind, fähige Sozialhilfebezüger anzustellen, die dadurch dann keine mehr sind. Ob die jeweilige Person zur Stelle passt, können die Personalexperten der Fachstelle relativ gut voraussagen.
Auch die Kooperation der Sozialhilfebezüger ist natürlich ein Thema: Weigert sich jemand, seine Mitwirkungspflicht zu erfüllen, wird dies dem zuständigen Sozialarbeiter mitgeteilt, was zu Sanktionen führen kann.

Wie Liliane Blurtschi, Leiterin der Dietiker Sozialabteilung, auf Anfrage sagt, verursacht die neue Fachstelle keine zusätzlichen Kosten, da sie diverse alte Projekte ersetzt respektive in der Fachstelle zusammenführt. So ist Dietikon bereits aus dem regionalen Projekt «Check-In» ausgetreten, hat den Vertrag für das regionale Projekt «Autark» gekündigt und die eigenen städtischen Projekte «Jetzt» und «Travo» beendet respektive in die Fachstelle überführt. Sobald der Vertrag für das Projekt «Autark» ganz ausläuft, wird die Fachstelle ihr Pensum nochmals ein wenig erhöhen können.

Türkisch: nicht in der Beratung

Fachstellenleiter Attila Stanelle ist zweisprachig als Sohn einer Türkin und eines Deutschen in München aufgewachsen. Trotzdem verbietet er es sich, mit türkischen Klienten Türkisch zu sprechen. «Die Klienten versuchen das natürlich. Ich sage Ihnen dann immer, dass sie das nicht weiterbringt», so Stanelle. Der studierte Volkswirt hatte zuvor unter anderem in der Auto- und der Pharmabranche gearbeitet.