Urdorf

Lehrlingsbetreuer im Interview: «Ich habe oft die Faust im Sack gemacht»

Ivo Birchmeier bei der Arbeit.

Ivo Birchmeier bei der Arbeit.

Ivo Birchmeier betreut seit 2011 Lehrlinge in der Firma Brütsch/Rüegger in Urdorf. Ihm ist es wichtig, den Lernenden neben dem fachlichen Wissen auch menschliche Werte wie Teamgeist zu vermitteln.

Herr Birchmeier, woran erkennt man einen Lehrling, der unter Ihren Fittichen gelernt hat?

Ivo Birchmeier: Worauf ich bei meinen Lernenden grossen Wert lege, ist Ehrlichkeit. Es gibt nichts, was ich weniger ertrage, als wenn ich merke, dass mich ein Lehrling hintergangen hat. Etwa wenn er einen Fehler gemacht hat. Ein Lernender muss Fehler machen können, aber muss auch dazu stehen.

Welche Erwartungen an die Auszubildenden haben Sie im fachlichen Bereich?

Ich erwarte, dass meine Lernenden so arbeiten, wie ich ihnen das vorzeige. Das heisst nicht, dass sie manchmal nicht auch gute Ideen haben. Aber erst einmal sollen sie so arbeiten, wie es ihnen gezeigt wird. Wenn sie wissen, wie es geht, dann können sie anfangen mitzudiskutieren. Die Qualität der Arbeit muss am Ende einfach stimmen.

Und was dürfen die Auszubildenden von Ihnen als Lehrlingsbetreuer erwarten?

Einerseits geht es mir natürlich darum, den Lernenden das Fachwissen des Berufes beizubringen. Neben diesem fachlichen Teil erachte ich es als wichtig, dass man die Jugendlichen auch menschlich begleitet.

Wie äussert sich das?

Wir bekommen ja hautnah mit, wenn Jugendliche etwa zu Hause Probleme haben. Daneben kommen in diesem Alter auch erstmals Liebesbeziehungen und -probleme ins Spiel. In solchen Situationen ist man nicht nur Chef, sondern auch ein sozialer Partner, der stark eingebunden ist.

Der Lehrlingsbetreuer als Psychologe?

Ja, ansatzweise. Natürlich merkt man am Arbeitsplatz, dass es jemandem nicht gut geht. Bei jungen Menschen sind die Auswirkungen solcher Krisen extremer als bei Erwachsenen. Es gab schon oft Lernende, die mich deswegen um Rat gefragt haben.

Gerät man da als Ausbildner nicht in einen Rollenkonflikt?

Ich betreue schon seit 12 Jahren Lernende. Ich achtete immer darauf, dass ich von ihnen in erster Linie als Chef wahrgenommen werde. Das Verhältnis zwischen ihnen und mir darf nicht kollegial werden. Trotzdem sage ich ihnen von Anfang an, dass sie zu mir kommen können, wenn sie Probleme haben. Egal, um was es geht.

Dabei läuft man aber Gefahr, dass man selbst emotional involviert wird.

Ja, das gibt es schon auch. Ich hatte als Lernendenbetreuer zum Beispiel mit einem jungen Mann zu tun, der sich das Leben nahm. Als er bei uns anfing, zeigte er hervorragende Leistungen. Er rutschte dann aber in die Drogenszene ab. Von dem Moment an liess seine Arbeitsleistung brutal nach. Mein Kollege, der für ihn zuständig war, führte mehrere Gespräche mit ihm und seinen Eltern. Schliesslich kam es zur Auflösung des Lehrvertrags. Ein paar Wochen später kam der Anruf seines Vaters.

Macht man sich da Vorwürfe?

Nein, als Arbeitgeber konnten wir in diesem Fall nicht anders handeln. Aber in dem Moment ging mir das schon sehr unter die Haut.

Die landläufige Meinung besagt, dass Jugendliche heute «schlimmer» sind als früher.

Schlimmer würde ich nicht sagen. Aber sie sind anders. Das moderne Zeitalter mit Handys, Computern und so weiter hat das Leben der Jugendlichen gleichzeitig vereinfacht und verkompliziert.

Wie meinen Sie das?

Überall gibt es Zerstreuungsmöglichkeiten, vielen gelingt es deshalb kaum mehr, sich auf etwas zu konzentrieren.

Geht es tatsächlich nur um die mediale Ablenkung?

Dazu kommt, dass heute sehr viel von einem Lernenden erwartet wird. Manchmal habe ich schon den Eindruck, dass unsere Gesellschaft die Jugendlichen überfordert.

Inwiefern?

Zum Beispiel in Erziehungsfragen. Ich wuchs in einem Elternhaus auf, in dem die Mutter Hausfrau war. Das ist heute fast eine Seltenheit geworden. Dadurch müssen die Jungen schon früh sehr selbstständig sein. Diese Selbstständigkeit kann gute, aber auch schlechte Auswirkungen auf einen jugendlichen Menschen haben. Etwa in Bezug auf die Akzeptanz von Autorität. Wer es sich gewohnt ist, auf sich selbst gestellt zu sein, der hört unter Umständen weniger gerne auf andere.

Wird der Lehrlingsbetreuer so zu einem Elternersatz?

So drastisch würde ich das nicht ausdrücken. Aber wir versuchen, ihnen bestimmte Werte und Haltungen zu vermitteln. So etwa, dass man sich im Team vertrauen können muss. Es braucht Vertrauen, um sich eingestehen zu können, dass man nicht alles selbstständig lernen muss. Nur dann traut man sich nachzufragen, wenn man etwas nicht verstanden hat. Wir wollen, dass sie wissen, dass wir sie mit ihren Stärken und Schwächen akzeptieren. So kann man ihnen sicher ein Stück weit den Druck von den Schultern nehmen.

Parallel zur Lehre besuchen die Auszubildenden die Berufsschule. Arbeiten Sie mit den Lehrern zusammen?

Ich persönlich habe nicht mit den Lehrern zu tun. Das ist Sache unserer Lernendenbeauftragten in der Personalabteilung. Wenn es ein Problem in der Schule gibt, dann sind sie die Anlaufstelle und nicht wir.

Wünschen Sie sich mehr Zusammenarbeit mit den Lehrern?

Es wäre sicher kein Nachteil. Ich bekomme oft mit, dass die Motivation meiner Lernenden, zur Schule zu gehen, nicht immer gross ist. Ich höre aber jeweils nur ihre Seite. Deshalb wäre es gut, wenn wir in engerem Kontakt zur Schule stehen würden.

Heute kommen viele Leute über den Weg einer höheren Schule zur Praxis. Ist dieser Bildungsweg besser als eine Lehre?

Nein, das würde ich so nicht sagen. Die Abgänger solcher Hochschulen sind Theoretiker. Je nach Branche ist das auch sinnvoll, etwa bei kaufmännischen Berufen wie hier bei Brütsch/Rüegger. Aber in handwerklichen Berufen merkt man da einen gewaltigen Unterschied. Einer, der von der Praxis her kommt, ist sich auch daran gewohnt, mit seinen Händen zu arbeiten. Das fehlt den Theoretikern oft, und sie betrachten die praktische Arbeit auch eher als Pflicht denn als Kür.

Wie erfährt man als Lehrlingsbetreuer Bestätigung?

Der Erfolg unserer Lernenden. Von vielen erfährt man nach der Lehre Dankbarkeit. Manche sagen dann: «Danke, dass du mich während der Lehre so geplagt hast.» Das ist schön.

Welche Erinnerung haben Sie an Ihre eigene Lehrzeit und die Lehrbegleitung?

Im Nachhinein habe ich sehr schöne Erinnerungen an meine Lehrzeit. Ich würde meinen Beruf wieder wählen und ihn auch wieder in der Firma erlernen wollen, wo ich meine Ausbildungszeit verbracht habe. Aber während der Lehre habe ich natürlich auch oft die Faust im Sack gemacht.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1