Sonntagsgespräch

Lehrer Isenring: «Es hat mich von Beginn an gepackt»

Der Oberengstringer Lehrer Paul Isenring

Der Oberengstringer Lehrer Paul Isenring

Skilager und Lehrersein hat für Paul Isenring von Anfang an zusammengehört. Auch nach 35 Skilagern sind seine Begeisterung für den Schnee und die Gemeinschaft mit Schülern und Lehrern noch spürbar.

Herr Isenring, wie viele Kilometer haben Sie wohl auf der Piste in all diesen Skilagern zurückgelegt?

Paul Isenring: Das ist eine gute Frage. Privat bin ich ein leidenschaftlicher Skifahrer, da sind es vielleicht 50 Kilometer am Tag. Mit den Schülern sind es 20 bis 30, je nach Gruppe. In den 35 Lagern, die ich gemacht haben, waren es also bestimmt 3000 Kilometer.

Das ist beachtlich. Was hat Sie motiviert, immer wieder ins Skilager mitzugehen?

Ich glaube das hat damit zu tun, dass ich im Bündnerland aufgewachsen bin. Ich habe schon sehr früh angefangen, Ski zu fahren und bin gerne draussen. Als ich 1975 nach Oberengstringen kam, wurde ich angefragt, ein Skilager zu begleiten, und es hat mich von Beginn an gepackt. Die Gemeinschaft im Lehrerteam gefällt mir sehr gut. Desgleichen ist es toll, auch die Schüler in einem ganz anderen Umfeld zu erleben. Ebenfalls gut finde ich, dass Kinder, die sonst nicht die Möglichkeit dazu haben, mal an die frische Luft kommen. Zusammen draussen an schönen Orten zu sein, im besten Fall unter tiefblauem Himmel bei strahlender Sonne, ist toll.

Sie sagen, es sei wichtig, dass Kinder draussen etwas unternehmen. Sehen das die Kinder genauso und kommen immer noch zahlreich ins Skilager?

Es ist ein Auf und Ab. Wir pendeln zwischen 20 und 50 Kindern bei etwas über 100 Schülern. Es ist spannend zu sehen, dass es immer wieder Klassen mit einer gewaltigen Dynamik gibt, die sagen: «Chömed, mir gönd alli.» Und dann gibt es wieder Jahre, in denen es weniger sind. Was mir auffällt, ist, dass die ganze Skifahrerei nicht mehr ganz günstig ist. Das Skilager kostet 400 Franken und die Ausrüstung muss auch vorhanden sein, ob gekauft oder gemietet.

Lassen sich gewisse Familien vom Preis abschrecken?

Ja, das kann ich mir gut vorstellen. Es ist nicht mehr wie vor 20 oder 30 Jahren. Das Skifahren hat nicht mehr den gleichen Stellenwert. Früher, da ist man ganz aufgeregt nach Hause gegangen, wenn ein Skirennen stattgefunden hat, und hat es sich unbedingt anschauen wollen. Heute ist das anders.

Schätzen die Kinder die Gemeinschaft im Skilager noch, oder beschäftigen sie sich lieber mit ihren Smartphones?

Wir haben viele Momente, in denen wir kein iPhone brauchen, in denen wir wirklich mit uns beschäftigt sind. Wenn wir draussen sind, fahren wir Ski. Gerade bei Anfängern ist es zu Beginn eine intensive Angelegenheit. Auch Abende verbringen wir gemeinsam. Aber natürlich nehmen die Kinder auch iPhones mit. Sie nehmen auch mal ganze DVD-Player mit, gar Computer haben sie schon «mitgeschleikt». Aber bestimmt sind sie im Skilager weniger abhängig von all den Geräten.

Wie haben sich der Umgang unterden Kindern und ihre Interessen über die Jahre verändert?

Was natürlich dazugekommen ist, ist das Interesse an technischen Geräten. Vor fünfzehn Jahren war dies nebensächlich. Aber wenn wir oben sind, dann ist es so, wie es ist: Man ist ander frischen Luft und hat den Plausch miteinander. So gesehen funktioniert die Jugend nach wie vor gleich.

Versuchen Sie den Kindern auch hier zu vermitteln, dass sie mehr nach draussen sollen?

Ja, sicher. Ich mache bewegte Schule mit den Kindern. Wir bewegen uns auch vor dem Unterricht und gehen, auch wenn es kalt ist, raus und machen ein Kontrastprogramm.

Ist Heimweh bei den Kindern ein grosses Thema?

Selten, aber das gibt es noch. Gerade kürzlich hatten wir einen Jungen, der während der ersten Tage immer wieder Tränen in den Augen hatte. Da habe ich den Vater spielen müssen und ihn aufgeheitert. Sozial haben wir natürlich die ganze Palette. Vom liebsten Kind über den Lauszapfen bis zum Kind, welches zu Hause Probleme hat. Auch Rauchen ist leider ein Thema.

Was tun Sie in einem solchen Fall?

Im besten Fall passiert nichts, da es mir immer noch lieber ist, wenn die Jugendlichen hier oben in den Bergen als zu Hause sind. Hier haben sie trotzdem eine gesündere Woche. Bei massiven Vergehen mussten wir auch schon Kinder heimschicken. Zum Glück kommt dies nur sehr selten vor.

Sind die Eltern, welche ihre Kinder ins Skilager schicken, besorgt um ihren Nachwuchs?

Nein, eher weniger. Für viele Kinder ist es eine gute Woche, wenn sie mal weg sind, gerade wenn es Spannungen zu Hause gibt. Und die Eltern sind dankbar, wenn es gut läuft. Ich erhalte diesbezüglich auch Dankeschöns als Rückmeldung.

Wie haben Sie das Leiterteam über all die Jahre erlebt?

Lange Jahre waren wir Lehrerteams aus Oberengstringen. Das waren sehr enge Beziehungen. Man hat zusammengesessen, hat auch mal gespielt – gemeiert –, gegessen, etwas getrunken. Die letzten Jahre hatten mein Kollege Christoph Barandun und ich die Hauptleitung inne, nebst Auswärtigen, die uns regelmässig begleitet haben. Sechs Mal ist bereits Eligio Traber, ein junger, ehemaliger Lehrling, mitgekommen. Er ist sehr kompetent im Umgang mit Jugendlichen und hat eine unglaubliche Geduld. Häufig ist auch meine Frau mitgekommen, auf die ich zählen kann. So haben wir immer ein Team mit einem festen Kern.

Gibt es bei Ihnen trotz der vielen Erfahrung Situationen, in denen Ihnen der Geduldsfaden reisst?

Ja, sicher. Wenn man müde ist und nachts um zwei läuft noch immer etwas, weil gewisse Leute eine Party veranstalten wollen, dann ist klar, dass man rausgeht und sagt: «Fertig!»

Feiern Sie da nicht mal mit?

Nein, das mache ich nicht. Das wäre ein falsches Zeichen. Wir haben Spass am Abend, gerade am Schlussabend im Partyraum dauert es auch mal etwas länger. In Situationen wie der eben genannten, greift man jedoch ein, da es immer andere gibt, die müde sind und schlafen wollen. Anderseits habe ich selbst drei Söhne und weiss, was es heisst, wenn die Jungen zusammensitzen, essen und trinken. Und ich bin selber auch jung gewesen mochte lange Nächte.

Also lassen Sie doch gewisse Freiheit walten?

Ich mache mir nichts vor. Auch wenn es ganz ruhig ist, heisst das nicht, dass alles in Butter ist. Entscheidend ist trotzdem – das ist mir ein Anliegen –, dass die Jungen immer fit genug sind, damit es am Tag klappt. Ich bin jedes Mal glücklich, wenn wir unfallfrei durchkommen.

Wie geht man mit Unfällen um?

Ich habe wenige Unfälle erlebt. Wir haben auch schon Lager gehabt, von denen wir ohne Zwischenfälle heimgekommen sind. Und dann, in den Snowboardzeiten, haben wir eine Phase mit Knochenrissen gehabt, gerade im Handgelenkbereich. Auch einen Helikoptereinsatz habe ich mal erlebt, als einer den Oberarm gebrochen hat. Das hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Aber auf der anderen Seite ist es natürlich auch beruhigend, wenn man sieht, dass im Falle eines Falles alles zügig und schnell geht.

Welches sind dagegen die schönen Momente, die persönlichen Highlights?

Ein Highlight sind die Momente draussen, an einem wunderschönen Tag mit super Schnee. Man fährt, jumpt, ist draussen und findet es einfach grossartig. Dann gibt es auch Abende, beispielsweise, wenn wir eine Hausolympiade machen, in denen eine gute Stimmung aufkommt. Da ist Spannung und Intensität da. Auch die Kinder freuen sich immer wieder auf diese Rituale, diese Abende, die wir jedes Jahr veranstalten.

Wie haben Sie eigentlich Skifahren gelernt?

Im Bündnerland ist das fast ein automatischer Prozess – ich bin in Ilanz aufgewachsen. Ich sehe es noch, als wäre es heute, wie ich meine ersten Ski angehabt habe, als ich ungefähr vier Jahre alt war. Da war man mit Kollegen draussen und ist an Hängen hinuntergerutscht. Man ist immer etwas höher geklettert und hat sich vieles selbst beigebracht, bis man richtig rumfräste und Rennen machte.

Wie haben Sie Ihr erstes Skilager in Erinnerung?

Das war spät. Mit etwa 20 Jahren habe ich ein Skilager einer welschen Schule mitgeleitet. Dort habe ich gemerkt, dass ich gut mit Jugendlichen umgehen kann. Bereits dort hatten wir ein gutes Team, und so habe ich positive Eindrücke mitnehmen können. Das war mitunter die Motivation, dass ich definitiv Lehrer geworden bin, dass ich mir gesagt habe: «Jawohl, Seklehrer, das ist es.»

Also haben das Skilager und der Lehrerberuf bei Ihnen von Anfang an zusammengehört?

Ja, jetzt, wo Sie fragen, macht es auch bei mir klick. Dieses Skilager war tatsächlich ein ganz wichtiger Punkt, als es darum ging, Lehrer zu werden.

Wo sehen Sie den grössten Unterschied zwischen Skilagern damals und heute?

Ausrüstungsmässig sehe ich den grössten Unterschied. Was wir damals hatten, ist doch bescheidener gewesen. Wenn einer eine Bindung mit Fersenautomat hatte, konnte man bereits auffallen. Heute kommen natürlich alle mit Top-Brettern, Top-Ski und Top-Anzügen. Aber sonst – Skilager ist Skilager, Schnee ist Schnee und Team ist Team.

Haben Sie nach all den Jahren einen Lieblingskilagerort?

Wir sind längere Zeit in Zuoz gewesen, wo die Stadt Zürich damals ein Haus besass. Die Landschaft im Oberengadin ist etwas vom Schönsten. Dann war ich ein paar Mal in der Lenzerheide – auch ein lässiges Skigebiet, wo wir viele gute Momente hatten. Und jetzt sind wir schon etliche Jahre in der Melchsee-Frutt, zuoberst oben auf dem Bonistock. Landschaftlich ist das gewaltig. Wir haben vom ersten bis zum letzten Moment Sonne. Dort oben, mit Rundumpanorama, fühlt man sich wie ein König.

Und solche Momente motivieren Sie noch für viele weitere Jahre, mit ins Skilager zu gehen?

Ja. Mein Wunsch ist es, so Gott will, dass ich bis zu meiner Pensionierung in dreieinhalb Jahren mit ins Skilager kann. Das ist mir ein Anliegen, dies durchzuziehen. Auch da man hört, dass immer weniger Schulen Skilager anbieten. Ich wünsche mir, dass es bei mir zu einem guten Ende kommt und auch, dass es
an unserer Schule danach noch lange weitergeht.

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