Dietikon
«Lediglich eine Mutter der Glockenbefestigung lag noch am Boden»: Unbekannte klauen Glocken beim Ortsmuseum

Seit vergangenen Freitag fehlt von den beiden Glocken aus dem 19.Jahrhundert beim Ortsmuseum in Dietikon jede Spur. Es gibt wenig Hoffnung sie wieder zurückzuerhalten.

Gabriele Heigl
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 Der Glockenstuhl vor dem Eingang zum Ortsmuseum ist verwaist.
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Gestohlene Glocken im Ortsmuseum Dietikon
 Die beiden Fabrikglocken stammen von den früheren Dietiker Firmen Rotfarb (links) und der Weberei Syz. Die Dietiker Schulkinder liebten es, beim Besuch des Museums ihre Schwengel in Bewegung zu setzen.

Der Glockenstuhl vor dem Eingang zum Ortsmuseum ist verwaist.

Gabriele Heigl

Es war ein kleines Ritual: Wann immer Kinder das Gelände des Dietiker Ortsmuseums an der Schöneggstrasse besuchten, nutzten sie die Gelegenheit, die Glocken zu läuten. Die Schwengel der beiden Fabrikglocken, die an einem Glockenstuhl in der Nähe des Museumseingangs hingen, waren auch für Kinderhände gut erreichbar. Spätestens seit letztem Freitag ist es mit dem Läuten vorerst vorbei, denn Diebe haben die Glocken entwendet. Vielleicht werden sie aber nie mehr erklingen.

Michael Maier, Mitglied der Dietiker Kommission für Heimatkunde, bemerkte den Diebstahl zuerst. Am vergangenen Freitagvormittag war er zum Museum gekommen, um beim Transport der an die Kirche St. Agatha ausgeliehenen Kirchenschatzsammlung zu helfen. Er sah sofort, dass die Glocken verschwunden waren. «Lediglich eine Mutter von der Glockenbefestigung lag noch am Boden.» Spuren konnte er keine entdecken. Maier ist sich sicher: «Die Glocken waren am Sonntag vor einer Woche noch an ihrem Platz.» Regula Stauber, die Leiterin des Museums wie der Kommission für Heimatkunde, sowie ihre Kollegen waren zwar in der Zeit zwischen Sonntag, 17., und Freitag, 22. September, vor Ort. Aber keinem ist etwas aufgefallen. Heisst: Der genaue Zeitpunkt des Diebstahls ist nicht bekannt.

«Die Glocken sind wichtige Zeugnisse der Entwicklung Dietikons vom Bauerndorf zum Industriestandort.» Regula Stauber, Leiterin des Ortsmuseums

«Die Glocken sind wichtige Zeugnisse der Entwicklung Dietikons vom Bauerndorf zum Industriestandort.» Regula Stauber, Leiterin des Ortsmuseums

Gabriele Heigl

Bis in die 1950er Jahre läuteten die beiden 70 und 55 Zentimeter hohen Bronzeglocken zum Arbeitsbeginn und -ende in zwei Dietiker Fabriken. Die Grössere stammt von der ehemaligen Weberei Syz, die spätere Firma Durisol AG, die im heutigen Limmatfeld lag. Sie wurde 1892 in der Zürcher Glockengiesserei Keller gegossen. Die Kleinere gehörte der ehemaligen Firma Rotfarb, einer Garnfärberei an der Bergstrasse. An deren Stelle stehen heute die Reppischhallen. Sie wurde 1854 gegossen und trägt die Inschrift: «Hanhart-Solivo, gegossen von Jakob Keller a. Unterstrass 1854». Johannes Hanhart-Solivo war der Inhaber der Rotfarb.

Beide Glocken wurden dem Museum 1954 von den Firmen geschenkt. Zunächst fanden sie einen Platz im Museum. Der Glockenstuhl, der den Übergang vom Museumseingang zum Park markiert, entstand 1980 ursprünglich für die alte Marienglocke aus der Simultankirche, die 1926 abgebrochen worden war und an deren Stelle heute die St.-Agatha-Kirche steht. Als im Jahr 1995 beschlossen wurde, dass die Marienglocke künftig im Friedhof zum letzten Geleit läuten soll, nahmen die beiden Fabrikglocken deren Platz ein – bis letzte Woche.

Ob es Zeugen gibt, ist fraglich

«Die Glocken sind wichtige Zeugnisse der Entwicklung Dietikons vom Bauerndorf zum Industriestandort», meint Regula Stauber. Auch Michael Maier bedauert ihren Verlust: «Sie sind ein Stück Orts- und Firmengeschichte.» Beide hoffen jetzt, dass die Kantonspolizei die Diebe findet. Über den Stand des Verfahrens war gestern «aus ermittlungstechnischen Gründen» nichts zu erfahren. Die Polizei will sich weder über den Tatzeitpunkt, etwaige Spuren oder Zeugen äussern. Letztere zu finden, könnte sich als schwierig erweisen. Unmittelbare Nachbarn sind zwei Kinderkrippen, die nachts unbelebt sind. Andere Häuser sind relativ weit weg oder ihre Bewohner haben einen schlechten Einblick auf den Tatort.

Das Tor zum Gelände war nicht verschlossen, denn der Park des Museums ist öffentlich zugänglich. «Die Schrauben und Muttern der Glocken waren nicht verschweisst. Das würden wir heute sicher anders machen. Aber an einen Diebstahl haben wir nicht gedacht», so Stauber. Über die Motive der Täter möchte die Polizei nicht spekulieren. Fest steht aber, dass der Materialwert der Glocken für Altmetalldiebe interessant ist. Dann wäre die Wahrscheinlichkeit allerdings hoch, dass sie bereits ins Ausland verschoben wurden. Höhere Chancen für eine Rückkehr der Glocken bestünden, wenn es sich bei dem Diebstahl um einen schlechten Scherz gehandelt hat. Allerdings wäre das viel Arbeit mit den schweren und unhandlichen Glocken für ein bisschen «Spass».

So oder so – Regula Stauber hofft, dass die beiden zurück an ihren Platz kommen, damit Dietiker Kinderhände sie wieder zum Klingen bringen können.