Zürich
Lebensgeschichte: «Für mich ist nichts übrig geblieben»

Ein spielsüchtiger Mann, ein eigenes Geschäft und Unerfahrenheit trieben Suzanna Ackermann in die Armut. Das Lachen is ihr jedoch noch immer nicht vergangen.

Katja Landolt
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Suzanna Ackermann (Name geändert) fürchtet sich am meisten davor, allein zu sterben. Walter Schwager (Symbolbild)

Suzanna Ackermann (Name geändert) fürchtet sich am meisten davor, allein zu sterben. Walter Schwager (Symbolbild)

Suzanna Ackermann (Name geändert) zieht an ihrer Zigarette, bläst den Rauch durch die Nase. «Ich habe immer für die anderen gearbeitet. Für mich ist nichts übrig geblieben», sagt sie und nippt an ihrem Kaffee. So betroffen diese Aussage auch macht; Lebensverdrossenheit ist keine zu spüren. Die 65-Jährige kann noch immer lachen. Und sie lacht viel, ein rauchiges, tiefes und ansteckendes Lachen. Erstaunlich, wenn man ihre Lebensgeschichte hört. Eine Geschichte, die 1946 an einem ganz anderen Ort auf der Welt begonnen hat.

Suzanna flieht von zu Hause , weg von ihrer prügelnden Mutter. Sie ist 15 Jahre alt, in zwei Wochen würde sie ihre Lehre abschliessen. Sie findet Unterschlupf bei Verwandten in der Stadt, heiratet einen Jungen, den sie nicht liebt, aber der sie geschwängert hat. Mit 19 wird sie Mutter, bekommt eine Tochter. Ihr Mann lässt sie im Stich, zieht herum, betrügt sie, schickt kein Geld. Suzanna muss selber Geld beschaffen, tingelt von Spital zu Altersheim und verkauft Weihnachtskarten. Mit 21 Jahren lässt sie sich scheiden, mit 23 reist sie mit einem Bekannten in die Schweiz ein. Ihre Tochter muss sie zurücklassen, es bricht ihr das Herz. «Aber ich musste weg von da.»

Suzanna Ackermann kommt in eine Zürcher Gemeinde, arbeitet in einem Restaurant. 15 Stunden am Tag für 350 Franken im Monat. Sie fühlt sich ausgenutzt, zieht weiter zum nächsten Restaurant. Dort lernt sie einen Schweizer kennen, Ueli. Ein scheuer Handwerker, der in jeder Znünipause vorbeikommt. Suzanna ist von Ueli angetan, er ist höflich, zuvorkommend. Die beiden nähern sich an, treffen sich regelmässig. Suzanna wird wieder schwanger.

21 Zentimeter lang ist der Fötus, ein Junge. Im vierten Monat verliert SuzannaAckermann ihr Baby. «Ich habe vieles vergessen, aber das niemals», sagt sie. Vielleicht waren die schwere Erkältung und das Fieber schuld, vielleicht hat sie zu viel gearbeitet. Ackermann arbeitet Tag und Nacht, um möglichst viel Geld für ihre Tochter in die Heimat zu schicken.

1972 heiratet Suzanna ihren Ueli, obwohl sie die Schwiegermutter davor warnt. «Sie hat mir gesagt, er sei kein guter Mann. Ich habe sie damals nicht verstanden. Was sie damit gemeint hat, wurde mir erst viel später klar.» Suzanna ist glücklich, nach der Heirat kann sie endlich ihre Tochter in die Schweiz holen. Die beiden Frischverheirateten arbeiten viel, machen sich mit einem Reinigungsinstitut selbstständig. Es kommt viel Geld rein – dass es aber nie auf den Konti landet, merkt Suzanna lange nicht. Erst als sie im Handschuhfach ihres Autos eine Krawatte und eine Deutsche Mark findet, wird sie misstrauisch. Sie stellt Ueli zur Rede. Er gesteht. «Er hat unser ganzes Geld in deutschen Casinos verspielt.»

Die Ackermanns verlieren ihr grosses Haus mit Umschwung, müssen in ein kleines Häuschen auf dem Land ziehen. Suzanna aber will sich nicht aufgeben, will die Matura nachholen und Sportlehrerin werden. Sie wird aber wieder schwanger, geniert sich, mit dem dicken Bauch in die Schule zu gehen, bricht ab. Als Suzanna ihr Baby bekommt, ist sie allein, abgebrannt, völlig auf sich gestellt. Ueli ist in dieser Nacht arbeiten – glaubt Suzanna. Aber Ueli arbeitet schon lange nicht mehr. Er hat ihr verschwiegen, dass das Reinigungsunternehmen sämtliche Kunden verloren hat. Es gibt kein Geld mehr. «Ich hatte keine Kleidchen, nicht einmal eine Windel für mein Baby. Ich hatte kein Geld», sagt Suzanna. Als Ueli sie und seinen Sohn am Tag nach der Geburt besucht, bringt er ihr noch nicht einmal ein Blümlein. Das trägt sie ihm auf ewig nach.

Zwei Wochen nach der Geburt arbeitet Suzanna wieder. Sie fängt an zu nähen, verkauft ihre Sachen auf dem Markt. Was ihr Mann treibt, kümmert sie nicht mehr. Sie lässt sich scheiden. «Ich habe ums Überleben gekämpft, für meine Kinder und mich.» Das Geschäft blüht auf, was Suzanna anfasst, wird zu Gold. Die Geldsorgen scheinen vergessen, Suzanna lebt auf grossem Fuss, geniesst ihr Leben.

Ein Unfall lässt den Traum platzen, macht alles kaputt. Suzanna ist arbeitsunfähig. Eine Versicherung, die den Erwerbsausfall zahlt, hat sie nicht. Sie muss bei der Gemeinde nach einem Vorschuss fragen. «Ich hatte keine Ahnung von Krankenkasse, AHV und Versicherungen. Wo ich herkomme, wird das alles anders geregelt», sagt sie fast entschuldigend. «Ich habe alles, was mit Finanzen zu tun hat, meinem Mann überlassen. Er war der Mann, das war seine Aufgabe.»

Zu den Lücken im Versicherungsschutz kommen jene in Pensionskasse und AHV. Suzanna hat wegen ihrer Selbstständigkeit zu spät angefangen, Pensionskassengelder einzuzahlen. Als sie sich wegen ihres Unfalls mit 61 Jahren frühpensionieren lässt, lässt sie sich ihr gesamtes Pensionskassengeld ausbezahlen: 31000 Franken. «Das hat gerade für den Mietzins gereicht», sagt sie.

Jetzt lebt sie von 1442 Franken AHV- Rente, 1580 Franken Ergänzungsleistungen und 202 Franken kantonaler Beihilfe. Total sind das 3224 Franken. Das ist wenig Geld. Suzanna sucht sich derzeit eine neue, billigere Wohnung. Aber das ist nicht einfach, günstiger Wohnraum ist im Limmattal rar. Und eigentlich möchte sie aus der Gemeinde, in der sie jetzt wohnt, nicht weg. Hier fühlt sie sich zu Hause.

Was ist es für ein Gefühl , arm zu sein? «Ein blödes. Du schaust etwas an, kannst es dir aber nicht leisten.» Schlimm sei auch, dass sie nicht mehr in die Ferien könne. «Die Sonne, die Wärme, das fehlt mir», sagt Suzanna Ackermann. Manchmal fahre sie noch auf den Markt, um sich ein paar Franken zur Rente hinzuzuverdienen. Aber oft macht ihr Körper das nicht mit, mehrere Unfälle und ein Aortariss haben ihr schwer zugesetzt. Sie kann nicht mehr schwere Dinge heben, hat Schmerzen. Aber sie geniesse die Markt-Atmosphäre, das Treffen alter Bekannter. Ein rarer Moment: Freunde sind ihr nicht viele geblieben. Seit Ueli, mit dem sie trotz Scheidung weiter zusammengelebt hat, gestorben ist, ist sie allein.

«Ich habe schreckliche Angst da-
vor, allein zu sterben», sagt Suzanna Ackermann plötzlich. Die Vorstellung, tot in der Wohnung zu liegen und zu verwesen; davor graut ihr. Sie nimmt einen Schluck Kaffee, zündet sich noch eine Zigarette an. «Ich glaube, es würde niemand merken, dass ich nicht mehr lebe.»