«Ich würde zum Probieren nur wenig von der Sauce nehmen. Sie ist sehr scharf», sagt Hayder Yasar Kus und reicht einen Löffel. Er hat recht. Dennoch passt sie ausgezeichnet zum Fladenbrot, das neben dem Teller mit dem gebratenen Gemüse auf dem kleinen Esstisch liegt. Wie das Brot ist auch die Sauce eine Eigenkreation. Dass der bald 30-Jährige etwas von seinem Handwerk versteht, sieht man bereits bei der Zubereitung des Essens. Das Gemüse ist in kürzester Zeit in gleich grosse, mundgerechte Stücke geschnitten. Die Pfanne schwenkt er, wie man es von einem Koch erwartet. Nichts geht daneben. Das Essen, das er den Gästen in der kleinen Zwei-Zimmerwohnung in der Asylunterkunft Tyslimatt in Urdorf auftischt, mundet.

Mit Kochen hat Hayder Yasar Kus einst seinen Lebensunterhalt bestritten. In einem italienischen Restaurant habe er gearbeitet. «Dort habe ich Pizza und Pasta zubereitet. Manchmal auch Meeresfrüchte», sagt er. Die würden ihm aber nicht so gut schmecken wie Teigwaren. Auch die hiesige Küche habe er schon kennen gelernt, unter anderem Rösti. Besonders gerne habe er aber Leberli gegessen. Als Beilage gab es Risotto.

Auch als Schweisser hat Yasar Kus schon gearbeitet. Gerne würde er auch jetzt wieder einer Erwerbstätigkeit nachgehen, sagt er. «Egal welcher, Hauptsache arbeiten.» Nur ist das derzeit schwer möglich. Seit einem Jahr und sieben Monaten ist der türkischstämmige Kurde mittlerweile in der Schweiz. Sein Asylverfahren läuft noch. Zwar ist das generelle Arbeitsverbot, das bis zu sechs Monate gilt, aufgehoben und er dürfte theoretisch arbeiten.

Doch die Hürden im Asylgesetz sind hoch. Schweizer haben den Vorrang, der Arbeitgeber muss ein Gesuch stellen und die Wirtschafts- und Arbeitsmarktlage muss die Anstellung erlauben. Im Kanton Zürich werden Bewilligungen ausserdem nur für gewisse Branchen wie Landwirtschaft oder Gastgewerbe erteilt. Ein Rechtsanspruch auf Erwerbstätigkeit besteht für Personen wie ihn, die über einen Ausweis N verfügen, nicht.

Grammatik bereitet Mühe

Und so bleiben die Tage lang, ganz ohne regelmässige Beschäftigung. Zu lange, findet Yasar Kus. Er sei es gewohnt gewesen, um 6 Uhr morgens aufzustehen und erst abends wieder nach Hause zu kommen. Das fehle ihm hier. «Ich kann nicht den ganzen Tag schlafen», sagt er. Etwas Abwechslung bringen immerhin die Deutschkurse der Betreuungsfirma ORS Service AG. Von ihr werden er und seine 29-jährige Frau Rouken Mammo, eine syrische Kurdin, die seit gut zwei Monaten in der Schweiz ist, im Auftrag der Stadt Dietikon betreut. In Urdorf wohnen sie, weil die Gemeinde der Stadt dort eine Wohnung in der Asylunterkunft Tyslimatt zur Verfügung gestellt hat. Zwei Mal in der Woche fährt Yasar Kus mit dem Bus nach Dietikon, wo Freiwillige Asylsuchenden Deutschunterricht erteilen.

Wenn es nach ihm gehe, könnten die Kurse noch häufiger stattfinden. Denn er erachtet es als wichtig, die Sprache zu lernen. Anders als seine Frau, die als Lehrerin tätig war und in ihrer Heimat Kinder in kurdischer Sprache unterrichtete, spricht er ein wenig Deutsch. «Doch es ist eine schwierige Sprache. Besonders die Grammatik bereitet mir Mühe», sagt Yasar Kus.

Sozialbetreuer ist auf Besuch

Als Übersetzer während des Gesprächs fungiert Rebar Muhamad, der als Sozialbetreuer bei der ORS zuständig ist für Yasar Kus und seine Frau. Alle zwei Wochen besucht er die beiden und bespricht mit ihnen ihren Alltag. Rund eine Stunde dauert ein solcher Besuch. «Ich erkundige mich jeweils, wie es ihnen geht und ob ich ihnen helfen kann», sagt er. Wenn sie Briefe erhalten haben, erkläre er ihnen bei Bedarf, was darin stehe. Er sei aber auch jederzeit telefonisch erreichbar. «Am häufigsten stellen Asylsuchende Fragen rund um einen Arztbesuch», sagt Muhamad.

Gerade bei dringlichen Angelegenheiten empfehle er ihnen, jemanden mitzunehmen, der beim Übersetzen helfe. Viele Asylsuchende würden sich zudem nach Beschäftigungsprogrammen erkundigen. Auch die Deutschkurse seien äusserst beliebt. «Diese Kurse haben auch eine wichtige soziale Komponente. Dort lernen die Besucher Menschen kennen, welche dieselben Erfahrungen gemacht haben», so Muhamad. Die Solidarität unter den Asylsuchenden sei gross.

Viel Kontakt zu den anderen Bewohnern in der Asylunterkunft haben Yasar Kus und seine Frau nicht. «Die meisten sind den Tag hindurch gar nicht da», sagt er. Die Kinder würden die Schule besuchen. Gelegentlich, meist sonntags, treffe man sich. In Betrieb ist die Asylunterkunft im Tyslimatt seit dem 1. Mai 2009. Sie befindet sich direkt neben dem Werkhof, unweit der Plätze des Tennisclubs Weihermatt und der Badi. Entstanden ist sie aus der Not heraus. 2008 war der Druck auf die Gemeinden zur Aufnahme von Asylsuchenden gestiegen. In Urdorf war der Platz jedoch knapp geworden.

Etliche Wohnungen, in der die Gemeinde Asylsuchende einquartiert hatte, wurden entweder renoviert oder abgebrochen. Es bestand Handlungsbedarf. Auf dem ehemaligen Gelände der Zivilschutzausbildungsanlage besitzt Urdorf Land. Deshalb fiel die Entscheidung, dort eine Asylunterkunft in einem Modulbau zu erstellen, auch relativ schnell.

Das Gebäude besteht aus zwölf Wohneinheiten, wobei eine als Büro und Waschraum genutzt wird. Sie bestehen aus jeweils zwei Räumen, einem gemeinsamen Schlafraum für vier Personen sowie einem multifunktionalen Wohn- und Essraum, in dem auch die Küche integriert ist.

Die Wohneinheit von Hayder Yasar Kus und Rouken Mammo ist einfach eingerichtet. Neben einem Tisch mit zwei Stühlen ist im Wohnbereich lediglich noch ein Fernseher an der Wand aufgehängt. Persönliche Einrichtungsgegenstände sieht man keine. Beide halten sich ohnehin gerne draussen auf. «Wir gehen oft spazieren», sagt Yasar Kus. Die Gegend gefalle ihnen und erinnere sie bisweilen an ihre Heimat. «Auch in den kurdischen Gebieten gibt es Berge.

Im Winter fällt dort oft Schnee und es wird kalt», sagt er. Überhaupt gefalle ihm die Schweiz, von der er lediglich gewusst habe, dass sie ein demokratisches Land ist, sehr gut. In Kreuzlingen, wo er eine Zeit lang im Bundesasylzentrum wohnte, habe es ihm der Bodensee besonders angetan. «Es ist wunderschön dort», sagt er. Zudem funktioniere alles in der Schweiz. Das mache ihm Eindruck. Vor allem eine Begebenheit versetzte ihn in Staunen. «Einen Blumenwagen, an dem man sich selber bedienen kann und dann das Geld in eine Kasse wirft, habe ich noch nie gesehen. Das wäre anderswo undenkbar», sagt er.

Wenige Kontakte

Auf ihren Spaziergängen machen die beiden oft Halt bei den Tennisplätzen und schauen den Spielern zu. Er habe früher selber Fussball und Volleyball gespielt, sagt Yasar Kus. «Auf einem Spaziergang haben wir auch eine ältere Frau angetroffen, mit der wir spontan ins Gespräch gekommen sind.» Seither schaue sie regelmässig bei ihnen vorbei und helfe beim Deutschlernen. Ansonsten hätten sie kaum Kontakt zu den Einwohnern. «Viele gehen auf Distanz und wir sprechen noch nicht so gut Deutsch, um uns mit ihnen zu unterhalten», sagt er. Immerhin sei nun seine Frau hier. «Die Trennung war schwierig. Telefonisch sind wir in Kontakt geblieben.» Auch seine Familie fehle ihm. Doch es sei nicht anders gegangen, er habe sie verlassen müssen. «In der Türkei sind wir Kurden Menschen zweiter Klasse», sagt er.

Wann sein Asylverfahren abgeschlossen sein wird, kann niemand sagen. Das Warten geht weiter, die Ungewissheit, ob sie bleiben dürfen, hält an. Sicher ist dafür etwas anderes. Sobald alle nötigen Unterlagen geprüft sind, will das Paar in Dietikon zivil heiraten. «Wir wurden von einem Mullah in einer kleinen Zeremonie getraut», sagt Yasar Kus. «Eine standesamtliche Hochzeit fehlt uns noch.»