«Wir diskutieren etwas Erfreuliches als Problem», sagte Bundesrat Alain Berset letztes Jahr am Gesundheitsforum in Basel: «Die Lebenserwartung steigt.» Als Problem wollen auch der Dietiker Stadtrat Rolf Schaeren (CVP), Seniorenratspräsidentin Elsbeth Preisig und Gemeinderat Peter Wettler (SP) die älter werdende Gesellschaft nicht verstanden wissen. Schaeren bevorzugt ein anderes Wort: Eine Herausforderung sei es, nicht nur wachsenden Zahlen von Senioren gerecht zu werden, sondern auch deren neuen Bedürfnissen.

Der Finanzvorstand weiss, wieso die Stadt sich besser heute als morgen mit den brennendsten Fragen der Alterspolitik beschäftigt. Schon heute beträgt der Altersquotient in der Bezirkshauptstadt über 25 Prozent. Das heisst: Auf 100 Personen zwischen 20 und 64 Jahren kommen 25 über 65-Jährige. Bevölkerungswachstum und medizinischem Fortschritt sei Dank deutet heute auch nichts darauf hin, dass diese Zahl kurz vor einem Sinkflug steht — im Gegenteil.

Deshalb will die Stadt ihr Altersleitbild aus dem Jahr 1994 überarbeiten, um auf dessen Basis ein neues städtisches Alterskonzept zu formulieren. Zwar wisse noch niemand genau, was im Zuge dieser altersdemografischen Entwicklung dereinst auf die Stadt zukomme, so Schaeren. «Doch es ist allen bewusst, dass eine Veränderung im Gang ist, und wir dieser nicht einfach mit Nichtstun begegnen können.»

Senioren werden mobiler

Klar ist für Schaeren nur eines: Alterspolitik, das umfasst heute mehr als die Sicherstellung eines Heimplatzes in der Gemeinde. «Senioren sind heute mobiler und rüstiger denn je», sagt er. Hinzu kämen immer mehr Leute, die so lange wie möglich zu Hause bleiben wollen, fügt Preisig an. Diese grössere Selbstständigkeit hat jedoch auch Tücken: Mit der Pensionierung fallen Tagesstrukturen und Verpflichtungen weg; wer sich in diesem Lebensstadium nicht aktiv darum bemüht, riskiert seine Einbindung in soziale Netze.

Für Peter Wettler, der sich als Seniorenrats-Mitglied und Gemeinderat massgeblich an der Konzeption des neuen Leitbilds beteiligt, ist der sozialpsychologische Aspekt einer der wichtigsten. Ihm geht es weniger darum, «ob die Grünphasen am Fussgängerstreifen nun fünf Sekunden länger dauern oder nicht», als darum, auch alten Leuten in der Stadt Perspektiven zu bieten. Sein Motto: «Wir können dem Leben nicht mehr Tage geben, aber den Tagen mehr Leben.»

Heute gibt es in Dietikon zwar eine Vielzahl von Angeboten, die Senioren den Alltag im Alter erleichtern sollen, sei es durch praktische Hilfe oder durch Beschäftigung und Einbindung in die Gesellschaft. Ein Ziel der neuen Bestrebungen ist aber, diese noch stärker zusammenzubringen. Zurzeit kochen die Stadt und die verschiedenen Institutionen wie Seniorenrat, Spitex, Pro Senectute oder die Kirchen noch zu fest ihre eigenen Süppchen, findet Elsbeth Preisig. Sie würde eine Alterskommission, wie sie auch andere Limmattaler Gemeinden kennen, begrüssen. Zudem brauche es eine zentrale Stelle, an die sich Betagte mit allen möglichen Fragen wenden können.
Welche Fragen es denn sind, die den heutigen Senioren unter den Nägeln brennen, das gilt es nun erst einmal herauszufinden. Um es gleich von den Betroffenen selbst zu erfahren, plant die Stadt einen Workshop, an dem die Dietiker Seniorinnen und Senioren ihre Wünsche auf den Tisch legen können. Die Stadt will zuhören, wenn sie sich über Themen wie Wohnen, Stadtentwicklung, Gesundheit, Sicherheit, Begegnung und Freizeit unterhalten — und daraus Erkenntnisse für die neue Altersstrategie gewinnen.
So will man etwa herausfinden, welche Wohnangebote auf Anklang stossen würden. Denn das klassische Bild des Altersheims, in dem man die Tage bis zum Ableben zählt, ist längst überholt, darüber ist sich das Trio einig. Und bei immer mehr Leuten, die so lange wie möglich so selbstständig wie möglich leben wollen, müsse sich die Stadt auch mit neuen Wohnformen auseinandersetzen. «Es macht wenig Sinn, wenn eine Einzelperson ewig in ihrem Einfamilienhaus bleibt. Doch das soll nicht heissen, dass sie gleich ins Altersheim muss», sagt Wettler, dem gut durchmischte Quartiere mit Alters-WGs und Jungfamilien vorschweben. Dabei könne auch die Stadt Hand bieten, sagt Schaeren. «Eine Idee wäre, geeignete Liegenschaften für eine solche Nutzung zu erwerben.»

Ohne Freiwillige ginge nichts

Denn dass sich die Senioren auch gut untereinander helfen können, das beweisen Angebote, die es heute schon gibt. So würde in der Alterspolitik wenig rund laufen ohne die zahlreichen Freiwilligendienste, in denen sich auch Senioren selbst engagieren. Auch Angebote wie «Senioren helfen Senioren», bei dem Rentner diejenigen Dienste zur Verfügung stellen, die sie noch leisten mögen, sind bereits heute ein Erfolg. Elsbeth Preisig erklärt, wie wichtig solche Angebote auch für die Senioren, die sie anbieten, sind: «Es gibt vielen ein gutes Gefühl, der Gesellschaft etwas zurückzugeben.» Zudem bleibe man so aktiv und in Gesellschaft.

Ein weiteres Thema, das Dietikon noch beschäftigen wird, ist die Auswirkung des hohen Ausländeranteils auf die Alterspolitik. Weniger wegen möglichen Sprachbarrieren in der Pflege: «Das Personal im Alters- und Gesundheitszentrum vereint viele Sprachen unter sich», so Schaeren. Mehr beschäftigt ihn, dass schwer abschätzbar sei, in welchen Dimensionen die einst Zugewanderten die Pflegeinfrastruktur dereinst beanspruchen werden. Selbst bei denjenigen, die ihren Wunsch vom Lebensabend in der Heimat verabschiedet haben, sei nicht klar, ob sie sich lieber zuhause pflegen lassen, wie das in ihrer Kultur vielleicht Tradition hat. Und ob ihre Kinder dafür noch traditionsverhaftet genug sind.