Dietikon
Larysa Pfann blickt von Dietikon aus mit Ungewissheit auf die Krim

Der Alltag auf der Krim, Larysa Pfanns Heimat, ist seit der Annexion durch Russland von Ungewissheit bestimmt. Das Interesse der Öffentlichkeit am Schicksal der einst ukrainischen Halbinsel lässt allerdings bereits wieder nach.

Bettina Hamilton-Irvine
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Larysa Pfanns Familie lebt noch immer auf der Krim.

Larysa Pfanns Familie lebt noch immer auf der Krim.

Larysa Pfann

Manchmal komme sie sich vor wie in einem Theater, sagt Larysa Pfann. «Jemand hat eine Gruppe von Schauspielern engagiert, sie bezahlt und ihnen gesagt, was sie tun sollen. Dann gibt es eine tolle Vorstellung und die Leute jubeln und applaudieren.» Sie schüttelt den Kopf: «Genau das ist auf der Krim passiert.»

Nach der Annexion der Krim durch Russland lässt das Interesse vieler Medien am Schicksal der einst ukrainischen Halbinsel bereits wieder nach. Doch für Larysa Pfann ist das Ganze nicht bloss eine Geschichte aus den Medien. Für die 41-Jährige, die seit sechs Jahren in Dietikon lebt, aber auf der Krim geboren und aufgewachsen ist, geht es um ihre Heimat. Eine Heimat, die ihr langsam zu entgleiten droht. Eigentlich wollte sie diesen Frühling gemeinsam mit ihrem 18-jährigen Sohn und ihrem Mann, dem Dietiker Journalist und Musiker Thomas Pfann, ihre Familie besuchen, die in der Küstenstadt Jalta lebt. Daraus wird vorerst nichts, die Reise ist abgesagt. Zu ungewiss ist die Situation auf der Krim zurzeit. «Niemand weiss, was die Zukunft bringt», sagt sie. «Diese Ungewissheit ist manchmal schwer zu ertragen.»

Die Ungewissheit ist aber längst nicht das Einzige, das Larysa Pfann bedrückt. Im Moment sei es schwierig, einzuschätzen, welche Informationen über die Krim wirklich wahr und welche Propaganda seien, sagt sie. Klar sei, dass in ihrer Heimat unmöglich 95 Prozent der Bevölkerung einem Anschluss an Russland zugestimmt hätten, wie verkündet worden ist: «Das war eine Inszenierung, eine Farce, das war niemals im Leben eine rechtskräftige Abstimmung.» Ihr Mann, der einige Zeit in Russland und der Ukraine verbracht hat und sehr oft auf der Krim war, drückt es noch drastischer aus: «Fakt ist: Die Russen sind mit dem Gewehr gekommen und haben gesagt, so stimmt Ihr jetzt ab.»

«Viele kennen nur die Propaganda»

Larysa Pfann, deren ganze Familie – der Vater ist Russe, die Mutter Ukrainerin – noch auf der Krim lebt, erzählt von Leuten, die am Abstimmen gehindert worden seien. Davon, dass man problemlos mehrfach habe abstimmen können, weil es gar kein Stimmregister gab, von Leuten mit russischen Pässen, die abgestimmt hätten. Von der gleichen Frau, die sie, eine russische Fahne schwingend, in vier verschiedenen Fernsehbeiträgen in vier verschiedenen Städten in der Ukraine und auf der Krim gesehen habe – jedes Mal habe sie behauptet, sie würde dort wohnen. «Das Erste, das in einer solchen Krise stirbt, ist die Wahrheit», sagt Larysa Pfann.

Das Ehepaar Pfann, das sich vor acht Jahren auf der Krim kennen und lieben gelernt hat, versucht, sich über möglichst unabhängige Kanäle über die Situation in der Ukraine und auf der Krim zu informieren. Larysa Pfann liest regelmässig eine Website, die sich «Stop Fake» nennt und sich dem Kampf gegen Falschinformationen während der Krim-Krise verschrieben hat. Dort findet sich eine kaum enden wollende Liste von Artikeln, die über diverse Medien verbreitete Informationen widerlegen.

Zurzeit müsse man jede Information kritisch hinterfragen, egal, von welcher Seite sie komme, sagt Larysa Pfann. Für viele ältere Bewohner auf der Krim, die nicht wissen, wie mit dem Internet umgehen, ist das jedoch schwierig. Denn das ukrainische Fernsehen wurde auf der Krim schon vor einiger Zeit abgestellt. «Viele kennen nur die russische Propaganda im Fernsehen und in den Zeitungen», sagt Larysa Pfann.

Doch für viele Menschen auf der Krim stehe im Moment das Politische gar nicht im Vordergrund. «Sie müssen weiterleben, sie müssen sich mit der Situation abfinden», sagt Larysa Pfann. Demonstrationen gäbe es keine mehr: «Viele Menschen haben die Hoffnung verloren. Wieso sollen sie kämpfen, wenn es nichts mehr bringt?» Schwierig sei es aber für ihre Familie zurzeit auch, ganz grundlegende, praktische Alltagsinformationen zu bekommen. Der ganze Vollzug des Wechsels sei nicht organisiert. «Was geschieht mit den Banken, mit dem Geld, den Renten, den Kinderzulagen, welche Gesetze gelten? Ich frage meine Familie fast jeden Tag, wie es weitergeht. Aber sie wissen nichts.»

Ausländer im eigenen Land

In den Läden sind die Produkte bereits mit zwei verschiedenen Preisen angeschrieben, die Zeit wurde am Wochenende auf Moskau-Zeit umgeschaltet. Wie Nachrichtenagenturen am Montag berichteten, gab das russische Aussenministerium zudem bekannt, dass Ausländer künftig ein russisches Visum für die Krim brauchen. Was mit den Pässen geschehe, sei aber nach wie vor unklar, sagt Larysa Pfann. Zwar heisse es, man könne den ukrainischen Pass behalten, müsse dann aber eine Aufenthaltsbewilligung beantragen. Ihre Schwester habe versucht, einen russischen Pass zu bekommen: «Denn sonst bist du plötzlich ein Ausländer im eigenen Land.» Funktioniert habe es noch nicht: Es habe überall lange Schlangen und niemand könne Auskunft geben. Zudem gebe es zurzeit öfter Stromausfälle, weil niemand wisse, wer nun für den Strom zuständig sei.

Trotzdem: Ihre Familie bleibt auf der Krim. Vorerst. Zurzeit sei es erstaunlich ruhig dort, sagt Larysa Pfann. Aber es komme ihr vor wie die Ruhe vor dem Sturm.