SP-Postulat
Länger schlafen, um den öV zu entlasten? Mittelschulunterricht soll für mehr Platz im Bus später starten

Am kommenden Montag diskutiert der Kantonsrat über ein Postulat der SP, das Probleme von volle Zügen und müden Schülern lösen könnte: Durch späteren Schulbeginn soll der öffentliche Verkehr entlastet werden.

Patrick Gut
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Rund 13 Prozent der Personenkilometer im öV werden zu Bildungszwecken zurückgelegt.

Rund 13 Prozent der Personenkilometer im öV werden zu Bildungszwecken zurückgelegt.

Matthias Scharrer

Morgens zwischen 7 Uhr und 8.30 Uhr ist die Frage «Isch da no frei?» im öffentlichen Verkehr meist überflüssig. Sämtliche Sitzplätze sind besetzt. Vorrangiges Ziel: einen Stehplatz in der Nähe einer Haltestange ergattern.

In der ersten Schullektion zwischen 7.45 Uhr und 8.30 Uhr sind viele Mittelschüler bestenfalls halbwach. Vorrangiges Ziel: Mit offenen Augen schlafen und keinesfalls den Kopf auf die Tischplatte knallen lassen.

Diesen beiden Grundproblemen will ein Postulat zu Leibe rücken, das am kommenden Montag im Kantonsrat diskutiert wird. Renate Büchi (SP, Richterswil), Marcel Burlet (SP, Regensdorf) und Sabine Sieber (SP, Sternenberg) wollen durch einen späteren Schulbeginn den öffentlichen Verkehr entlasten. Gleichzeitig soll die Massnahme die schulischen Leistungen der Schüler steigern.

Leistungsloch am morgen

Rund 13 Prozent der Personenkilometer im öV werden zu Bildungszwecken zurückgelegt. Es liegt auf der Hand, dass Schüler vor allem am morgen gleichzeitig unterwegs sind wie der restliche Pendlerstrom.

«Die Spitze liesse sich brechen, wenn der Schulbeginn an den Gymnasien und Berufsschulen um eine Lektion verschoben würde», sagt Renate Büchi. Damit wäre nicht nur den Pendlern gedient, sondern auch den Schülern.

Studien belegen, dass junge Menschen in den späteren Morgenstunden leistungsfähiger sind. Verantwortlich dafür ist der Biorhythmus der Jugendlichen, der sich durch die hormonelle Umstellung in der Pubertät verändert.

FDP-Kantonsrätin Sabine Wettstein (Uster) kann der Idee nichts Positives abgewinnen. Das öV-Problem liesse sich eher durch dezentrale Mittelschulstandorte lösen und diese seien ja an den beiden Zürichseeufern in Planung.

Und schliesslich würden andere Jugendliche im selben Alter bereits in der Berufsausbildung stecken und müssten ebenfalls früh beginnen. Ein Verfechter des späteren Schulbeginns ist der Basler Chronobiologe Christian Cajochen.

In einem Interview mit der «NZZ» bezeichnete er Schlafmangel als Hauptgrund für Lern- und Konzentrationsprobleme bei Jugendlichen.

Ambivalent steht der Frage ein anderer Mediziner gegenüber: Oskar Jenni vom Kinderspital Zürich. Er ist Leiter der Abteilung Entwicklungspädiatrie. Er bestätigt, dass Jugendliche am frühen Morgen in ein Leistungsloch fallen würden.

Das sei unter Laborbedingungen sehr gut untersucht und belegt. «Was uns fehlt, ist die Feldforschung», sagt Jenni.

Skepsis bei Mittelschulen

Umfragen, etwa im Kanton Bern, hätten ergeben, dass bei Schülern, Lehrern und Eltern grosse Skepsis zu einem späteren Schulbeginn vorhanden sei (siehe Kasten).

Man befürchte, ausserschulische Aktivitäten – etwa in Sport- , Musik- und anderen Vereinen – würde in den späteren Abend verschoben. «Schon die negative Haltung, gegenüber einem späteren Schulbeginn könnte einen positiven Effekt zunichte machen», sagt Jenni.

Als lauwarm könnte man die Reaktion des Zürcher Verkehrsverbundes (ZVV) auf das Postulat bezeichnen. «Es kann durchaus sein, dass die Verschiebung des Schulbeginns auf einzelnen Linien und Kursen eine Entlastung brächte», sagt Mediensprecher Stefan Kaufmann. Es hänge allerdings davon ab, um wie viel der Schulbeginn verschoben würde.

Wäre der Schultag aber später zu Ende als heute, würden sich die Pendlerströme am Abend stärker vermischen. Einen grösseren Effekt verspricht sich auch der ZVV von den neuen dezentralen Mittelschulstandorten.

Christoph Wittmer, Rektor der Kantonsschule Enge und Präsident der Schulleiterkonferenz der Mittelschulen, hält den Vorschlag für prüfenswert, ist aber skeptisch.

In einer Umfrage an der Kantonsschule Wiedikon hätten sich die Schüler klar gegen einen späteren Schulbeginn ausgesprochen. Nicht nur wegen der Mitgliedschaft in Vereinen, sondern auch wegen der Hausaufgaben, die später erledigt werden müssten.

«Es stimmt zwar, dass die Schülerinnen und Schüler in der ersten Lektion teilweise müde sind, dasselbe gilt aber in Lektionen am späteren Nachmittag», sagt Wittmer. Komme hinzu, dass schon heute zahlreiche Klassen nicht jeden Tag mit der Lektion um 7.45 Uhr beginnen.

«Das Problem der Spitzen im öV kann man nicht auf dem Buckel der Kantischüler lösen», sagt Wittmer. Schliesslich würden diese ihre Tickets bezahlen wie alle anderen Kunden auch.