Urdorf an einem Sonntag im Februar 1968. Karl Jegges Bruder kommt aufgeregt nach Hause. Zwei «Spinner» sässen im Restaurant Krone. Sie wollten einen Fussballklub gründen! Karl Jegge, damals 24 Jahre alt, zögert nicht lange und begibt sich in die Krone. Die beiden «Spinner», die ihm dort begegnen, beschreibt er 50 Jahre später so: «Ein kleiner Dicker und ein grosser Schlanker.» Es sind Franz Ullrich und Hans Bernet. Einer Vertreter des Zigarrenfabrikanten Villiger, der andere kaufmännischer Angestellter. Und sie meinen es ernst mit einem Fussballklub in Urdorf. Nur wenige Tage später verlesen sie, ebenfalls im Saal der «Krone», die ersten Statuten und gründen mit Jegge und etwa zwanzig anderen den Verein tatsächlich.

Die Statuten hatten es in sich: «Darin stand, dass niemand im Verein lange Haare tragen darf», sagt Jegge. Während in Zürich bei den Globuskrawallen die 68er-Bewegung für gesellschaftlichen Umbruch kämpfte, verboten die Urdorfer also lange Haare. Dem Schweizer Fussballverband passte das nicht. Er strich die entsprechende Passage aus den Statuten.

Mit den nun korrekten Statuten startete der FC Urdorf in der 4. Liga. Jegge erzählt: «Wir hatten keinen Fussballplatz. Das war am Anfang das grösste Problem.» Sie mussten auf einer Wiese, auf der jetzt das Urdorfer Hallenbad steht, trainieren und alle Spiele auswärts bestreiten. Das erste ging im April 1968 in Basel haushoch verloren. Jegge: «Unsere Mannschaft war katastrophal schlecht. Der Torwart wusste nicht mal, dass er den Ball beim Abstoss über die Strafraumgrenze bringen musste.»

Doch wann das erste Spiel war und wer mitgespielt hat, ist umstritten. Schriftliche Aufzeichnungen gibt es keine mehr. Die Chronik des FC Urdorf gilt als verschollen. Roland Wüthrich, 11 Jahre jünger als Jegge, meldete sich kürzlich beim FC Urdorf. Er habe mit der C-Junioren-Mannschaft im April 1968 das erste Spiel bestritten. Doch am Spielresultat ändert das nichts: Auch in Wüthrichs Erzählung verliert Urdorf das erste Spiel sang- und klanglos.

Sie kennen sich nicht

Wüthrich und Jegge erinnern sich nicht aneinander. Jegge sagt, es habe gar keine Junioren gegeben. Wüthrich erzählt seine eigene Gründungs- geschichte: «Wir hatten auf der Wiese, auf der jetzt das Hallenbad steht, immer am Samstagnachmittag mit etwa 40 Buben Fussball gespielt.» Irgendwann seien die besagten Herren Ullrich und Bernet auf die Wiese gekommen und hätten sie eingeladen, in den neuen Fussballklub einzutreten, erzählt Wüthrich, der damals etwa 12 Jahre alt war. Dass lange Haare mit den ersten Statuten verboten wurden, kann Wüthrich bestätigen. Er sagt: «Das passt sehr gut zum damaligen Urdorf.»

Ob die Junioren jetzt den ersten Match gespielt haben oder nicht. Sicher ist: Nach wenigen Jahren und einiger Verstärkung durch den damaligen FC Stauffacher reichte es der ersten Mannschaft für den Aufstieg in die 3. Liga. Für Jegge persönlich hatte das negative Konsequenzen: Er wurde wegen persönlicher Differenzen mit dem damaligen Präsidenten aus der Mannschaft geworfen. Offizielle Begründung: Er sei zu schlecht.

Der nächste Meilenstein war der erste eigene Platz. 1972 fanden die Urdorfer das Chlösterli, wo noch heute gespielt wird. Die Bauernfamilie Scherrer stellte Land für ein Fussballfeld zur Verfügung. «Darauf standen aber unzählige Zwetschgenbäume. Wir mussten sie zuerst ausreissen und vermosten», sagt Jegge. «Es war Winter und bitterkalt.» Auch der sonstige Komfort war begrenzt: Die Fussballer mussten sich in einem Holzschopf umziehen.

«Wir mussten auf dem Chlösterli zuerst die Zwetschgenbäumeausreissen.»

Karl Jegge, Gründungsmitglied FC Urdorf

«Wir mussten auf dem Chlösterli zuerst die Zwetschgenbäumeausreissen.»

Eine Dusche gab es nicht. Ausserdem war die Beleuchtung nicht wirklich ideal. GC spendete vier Scheinwerfer. Doch die Urdorfer durften nur zwei aufstellen – gegen den Wald und auf keinen Fall gegen das Dorf. Und vor zehn Uhr durften sie sonntags nicht spielen. Jegge: «Die Kirche wollte nicht, dass wir ihnen die Leute wegnehmen.» Doch wenigstens war das Platzproblem nun gelöst.

Von Sponsor übers Ohr gehauen

Dafür lief es mit den Finanzen schlecht, erzählt Jegge: Es fanden sich keine Sponsoren für den kleinen Verein. Die Klubs aus Dietikon und Schlieren hatten mehr Ausstrahlung. Also lebte der FC Urdorf zum Grossteil von Zuschüssen der Mitglieder. Dann wurde er auch noch von einem vorgeblichen Sponsor über den Tisch gezogen. Für ein grosses Grümpelturnier brachte dieser eine slowenische Musikgruppe nach Urdorf. Und präsentierte dann die Spesenrechnung von rund 8000 Franken. Viel Geld, das der kleine Verein zähneknirschend bezahlte.

Zu einem Desaster wurde das Eröffnungsspiel auf dem Fussballfeld Weihermatt im Jahr 1974. Der FC Urdorf wollte laut Jegge mit einem Spiel zwischen dem FC Zürich und einem schwedischen Profiklub auf der Weihermatt Geld verdienen. Man rechnete mit 2000 Zuschauern. Doch es kamen nur rund 200 Leute, weil es den ganzen Tag in Strömen regnete. Die Urdorfer machten sogar Verlust. Jegge sagt: «Wir hatten dem FCZ eine Gewinnbeteiligung versprochen. Ich glaube, die warten noch heute auf ihr Geld». Der Regen machte ausserdem den brandneuen Platz auch gleich noch für längere Zeit unbespielbar.

Das grosse Highlight war für Jegge ein Cupspiel gegen den FC Dietikon. Das genaue Jahr ist nicht mehr herauszufinden. Vor rund 1000 Zuschauern zwangen die Urdorfer, damals in der 4. Liga, die Dietiker 2.-Ligisten bis ins Penaltyschiessen, wo sie dann doch verloren.

Der FC Urdorf spielt seit einem Jahr selber wieder in der 2. Liga, wenn auch auf den hinteren Rängen. Inklusive der grossen Nachwuchsabteilung stellt er heute, 50 Jahre nach der Gründung durch ein paar «Spinner», 18 Mannschaften beim Fussballverband Region Zürich.

Wenn man Jegge heute fragt, ob sie damals im Restaurant Krone gedacht hätten, dass der Verein 50 Jahre später noch existiert, verneint er energisch: «Es war für uns wegen des fehlenden Geldes immer ein Krampf. Wenn ich sehe, wie der Klub heute gesponsert wird, glaube ich das fast nicht.»