19. Jahrhundert
Landlose Tagelöhner haben es richtig schwer

Zur Zeit der Industrialisierung erlebte auch die Landwirtschaft einen starken Wandel: Ausländische Produkte drückten auf die Preise. Handel und Heimarbeit halfen den Landwirten durch die prekären Zeiten.

Florian Niedermann
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Viele Bauern waren auf Nebenverdienste angewiesen.

Viele Bauern waren auf Nebenverdienste angewiesen.

Ortsmuseum Urdorf

In den Achtzigerjahren des 19. Jahrhunderts hatten 800 Zürcher Landwirte Konkurs gemacht. Aus bäuerlichen Selbstversorgern wurden Betriebe, deren Erzeugnisse in erster Linie für den wachsenden Markt der industrialisierten Gesellschaft produziert wurden. Damit verdrängte auch die Viehwirtschaft zunehmend den Ackerbau.

Doch diese Entwicklung geschah nicht überall gleich schnell und zur gleichen Zeit. So weist etwa die Unterengstringer Neujahrsschrift 2010 darauf hin, dass die meisten Bauern der Gemeinde auch um die Jahrhundertwende noch Selbstversorger waren. Dennoch entschieden sich damals einzelne Familien, mit einem Pferdewagen ein bis zwei Mal wöchentlich hofeigenes Gemüse sowie Früchte an Privatkunden, Fabrik-Kantinen und Restaurants im Zürcher Industriequartier, in Wipkingen und in Altstetten zu liefern. «Der Verkaufserlös war das einzige Bargeld, das ihnen etwas Luft verschaffte, wenn aus irgendeinem Grund eine Missernte anstand», ist in der Neujahrsschrift zu lesen.

Wie in Unterengstringen durchlebten auch Bauernfamilien in anderen Gemeinden des Limmattals immer wieder prekäre wirtschaftliche Zeiten. Knechte und Mägde erhielten von ihren Arbeitgebern zumindest Kost und Logis. Richtig arm waren aber die landlosen Taglöhner, die vor allem in meteorologisch schlechten Jahren nur wenig Arbeit fanden. Aus ihren Reihen rekrutierte die Industrie viele Arbeitskräfte, weil sie ihnen bessere Arbeitsbedingungen bieten konnte.

Taschengeld aus Heimindustrie

Im Zuge der Industrialisierung lagerten die Bauern immer mehr gewerbliche Arbeiten, die sie zuvor selbst erledigt hatten, in spezialisierte Unternehmungen aus. In Urdorf begannen etwa «Tüchelborer» auf Auftrag die «Teuchel» — hölzerne Wasserleitungsrohre — auszubohren. Zuvor hatten Landwirte Wasserleitungen aus Holz stets selbst gefertigt. So geschah dies auch mit anderen Arbeitsbereichen: Das ländliche Gewerbe entwickelte sich.

Die Taglöhner und viele Bauern der Region betätigten sich als Nebenverdienst in der Heimindustrie und fertigten, wie etwa für Urdorf dokumentiert ist, Textilprodukte aus Hanf, Flachs, Baumwolle oder Seide. Taten sie dies teilweise noch bis Anfang des 19. Jahrhunderts als Eigenhandwerk, so entwickelte sich daraus später das protoindustrielle Verlagssystem mit Auftraggebern aus der Stadt.

Nicht nur die Ertragsschwankungen prägten die Landwirtschaft um 1914 noch immer stark. Trotz der zunehmenden Mechanisierung einzelner Arbeitsschritte auf den Höfen blieb die Arbeit auf den Feldern und in den Ställen eine Plackerei. Je nach Jahreszeit und anstehender Feldarbeit lange Arbeitstage prägten das Leben auf bäuerlichen Betrieben. Doch spielten dabei im Vergleich zu den Fabriken Zwang und Disziplin viel kleinere Rollen. Deshalb fiel vielen Arbeitern, die zuvor in der Landwirtschaft ihren Lebensunterhalt verdient hatten, der Wechsel in die Fabrikhallen schwer.