Als die Glastür im 1. Stock des Bürokomplexes in der Nähe vom Bahnhof Altstetten aufgeht, hört man die Musik. Umziehen, dehnen, sich begrüssen, schwierige Figuren noch einmal kurz für sich üben: Schon bevor das Training der Cheerdance-Gruppe «Eurodancers» beginnt, herrscht reges Treiben im Trainingsraum.

Rund zwei Wochen ist es her, seit die Schweizermeisterschaften im Cheerleading und Cheerdance in St. Gallen stattfanden. Zum 11. Mal gewannen die Eurodancers dort den Meistertitel. Keine zwei Wochen davor waren die Frauen noch in den USA an der Weltmeisterschaft. Auch dort waren sie mit zwei starken Plätzen in den Top Ten erfolgreich. In der Kategorie Double erreichten sie den 4. Platz und mit dem Team kamen sie auf Platz 10 der Weltrangliste.

Doch das ist kein Grund, sich eine Pause zu gönnen. Die nächsten Auftritte sind schon längst geplant und auch die in einem knappen Monat stattfindende Team-Europameisterschaft in Finnland ist nicht mehr weit entfernt. «Das Ziel dort ist ebenfalls ein Platz in den Top 10», erklärt die Schlieremer Trainerin Flora Maurer. Doch zunächst stehen am 10. Juni gleich zwei Events an, für die es zu trainieren gilt: Sowohl am Ironman in Rapperswil als auch am Zürcher E-Grand-Prix werden die Eurodancers auftreten.

Simultanität ist wichtig

Das Training beginnt mit Aufwärm- und Dehnübungen. 15 Frauen im Alter zwischen 18 und etwa 30 Jahren stehen in dem mit einer grossen Spiegelwand ausgestatteten Raum. Zum gesamten Team gehören etwa 25 Tänzerinnen. Die meisten tragen schwarze Leggins und ein Oberteil, einzelne tragen mit dem Teamnamen versehene Leggins. Alle sind nach vorne gerichtet und fokussieren sich auf Maurer. Die gebürtige Österreicherin hat die Gruppe 2008 gegründet und leitet sie seitdem auch. Sie hat ihr Team fest unter Kontrolle. Präzision der Figuren und Simultanität aller Tänzerinnen sind enorm wichtig. Und das will trainiert werden: «Dies sind unter anderem auch Punkte, die bei Wettkämpfen von der jeweiligen Jury bewertet werden», erklärt Stephanie Blunschi. Die 27-jährige Sportstudentin ist seit 2015 Teil der Eurodancers.

Immer wieder werden die Choreografie-Parts von Neuem begonnen. «Wir drehen uns noch nicht gleichzeitig los», erklärt Maurer und zeigt die Drehung geduldig noch einmal vor. Dann wird in kleineren Gruppen geübt. Die, die in dem Moment nicht tanzen, schauen zu und geben den Tanzenden Feedback. Nach einer Weile wird getauscht.

Die Tänzerinnen sind ernst und konzentriert bei der Sache. Anders als auf den Wettkampf-Fotos sieht man das auch in den Gesichtern. Das professionelle Lächeln, das sie bei Auftritten tragen, fehlt beim Training. Ob es schwierig sei, dieses während Wettkämpfen und Auftritten zu behalten? «Nein» entgegnen die Tänzerinnen durchs Band. Klar sei man bei den Auftritten nervös und angespannt, doch sie hätten so grossen Spass bei der Sache, da falle das Lächeln ziemlich leicht.

Die Körper sind gespannt, die Bewegungen sitzen langsam, die Übungen werden wiederholt, erst ohne, dann mit Musik. Bon Jovis «It’s my Life» dröhnt in einer Danceversion aus den Boxen. Die Choreografien werden je nach Auftritt oder Wettkampf im Team erarbeitet. «Wir hatten aber auch schon Choreografen, die mit uns Choreografien einstudiert haben», sagen Jacqueline Brix und Stephanie Blunschi. Brix ist seit zehn Jahren Teil der Eurodancers. Zum Team kam sie über ein Casting. Sie trainiert auch die Juniors, die 10 bis 15-Jährigen. «Wir suchen immer wieder motivierte Mädchen, die mitmachen», sagt sie. Verletzungsbedingt trainiert sie momentan nicht mit. «Die Knie», seufzt sie. Beim Training ist sie trotzdem dabei, so weiss sie, was läuft und kann das Team gut unterstützen.

Tolle Stimmung im Team

Das hier ein eingeschweisstes Team trainiert, merkt man schnell. «Das ist auch dank der vielen Reisen so», sagen die Tänzerinnen unabhängig voneinander. Das halte zusammen. «Wir sind aufeinander angewiesen als Team», sagen Brix und Blunschi. «Fast wie eine Familie», sagt auch die Dietikerin Julia Baumberger. Vor allem auf der Reise in die USA, bei der sie heuer zum ersten Mal dabei war, habe sie das gemerkt. Zum Cheerdance ist die 18-Jährige über eine Freundin gekommen. Nebenbei trainiert sie in Dietikon auch noch Rope Skipping. Die Sportarten würden sich super ergänzen, sagt sie lachend. Die Ausdauer, die sie beim Rope Skipping gelernt habe, komme ihr auch hier zugute. Die ebenfalls 18-jährige Yiqi Zhao war in diesem Jahr auch zum ersten Mal mit an der WM. Seit zwei Jahren trainiert sie Cheerdance. Davor hat sie lange geturnt, Ballett und Jazz getanzt. Bei «Zürich tanzt» sah sie einen Auftritt der Eurodancers und war sofort Feuer und Flamme. Es sei toll, das im Team so viele Leute mit gemeinsamen Interessen sind, sagt sie. Die drei Mal drei Stunden Training in der Woche jongliert sie gut an ihren anderen Verpflichtungen vorbei.

Die 27-jährige Melissa Batt ist seit acht Jahren Teil des Teams. Über einen Bericht in einer Zeitung erfuhr sie von den Eurodancers und meldete sich spontan an. Sie war mittlerweile schon bei fünf Schweizermeisterschaften dabei und in diesem Jahr zum vierten Mal mit auf der WM in den USA. «Man wird immer wieder gefordert, das gefällt mir besonders am Cheerdance.» Toll seien natürlich auch die Reisen an Wettkämpfe und Auftritte. Vor allem an den Wettkämpfen sei es toll, immer wieder die Teams aus den anderen Ländern zu treffen und so in Kontakt zu bleiben.

Weil die Sportart noch nicht so verbreitet ist in der Schweiz, müssen die Tänzerinnen oft erklären, was sie eigentlich genau machen. Das sei manchmal etwas anstrengend. «Oft werden wir gefragt, ob wir auch Pyramiden machen», sagen Brix und Blunsci. «Oder wir werden auf die Pompons reduziert.» Das sei etwas schade. Das die Cheerdancers weitaus mehr draufhaben, beweisen die stetigen nationalen und internationalen Erfolge mehr als genug.