Urdorf

Ladys läuft für die Jugendlichen in der Heimat

Die Kolumbianerin Ladys Huber Amaya mit ihren beiden Söhnen Andrés David und Nicolás in ihrer Urdorfer Wohnung. Ursprünglich wollte sie nur ein Jahr in Genf für das YMCA arbeiten, der Aufenthalt in der Schweiz dauert inzwischen seit 2007 an.

Die Kolumbianerin Ladys Huber Amaya mit ihren beiden Söhnen Andrés David und Nicolás in ihrer Urdorfer Wohnung. Ursprünglich wollte sie nur ein Jahr in Genf für das YMCA arbeiten, der Aufenthalt in der Schweiz dauert inzwischen seit 2007 an.

Ladys Huber Amaya arbeitete beim Projekt der YMCA in Kolumbien, das vom 2-Stunden-Lauf profitiert. Ihr Ziel: Benachteiligte Jugendliche in Kolumbien so gut wie möglich zu unterstützen.

Der fünfjährige Nicolás spielt mit einem Plastiktraktor, während der 5-monatige Andrés David in einer Wiege liegt und keinen Ton von sich gibt. Die Sonne scheint in das helle Wohnzimmer, vom Balkon blickt man direkt ins Grün hinter den Urdorfer Siedlungen im Heidenkeller. Dass solch eine Familienidylle nichts Selbstverständliches ist, dem ist sich Ladys Huber Amaya bewusst. Die 33-Jährige stammt aus Kolumbien, lebt aber inzwischen seit dem Jahr 2007 in der Schweiz. In ihrer Heimat arbeitete sie für das Horyzon-Programm des YMCA (Young Men’s Christian Association) für benachteiligte Jugendliche, welches in diesem Jahr mit den Spenden des Limmattaler 2-Stunden-Laufs in Urdorf bedacht wird.

«Die grössten Probleme in Kolumbien sind bewaffnete Gruppierungen sowie Armut», sagt Huber Amaya an ihrem Esstisch sitzend. Dass Jugendliche eine schlechte Ausbildung und somit keine Zukunftsperspektiven hätten, sei vornehmlich in ruralen Gegenden des Landes der Fall. Sie selber wuchs in Fusagasugá auf, einer 100 000-Einwohner-Stadt rund 60 Kilometer südwestlich von Bogota. «Ich bin mir bewusst, dass ich und meine beiden Brüder sehr privilegiert aufgewachsen sind.» Denn während ihrer Kindheit und Jugend kam sie selbst kaum in Kontakt mit den Problemen, gegen die sie später ankämpfen sollte. Sie studierte nach der Schule soziale Arbeit und begann als freiwillige Mitarbeiterin beim YMCA zu arbeiten, stieg die Karriereleiter zur Projektbetreuerin empor. Von Bogota aus veranstaltete sie Workshops für die Betreuer der sechs in den ländlichen Gebieten Kolumbiens verteilten YMCA-Stationen.

«Es geht um Perspektiven»

Bei diesen Projekten gehe es hauptsächlich darum, benachteiligten Jugendlichen Perspektiven für ihren weiteren Lebensverlauf aufzuzeigen, so Huber Amaya. So können Angebote der diversen lokalen YMCAs darin bestehen, die jungen Menschen im Umgang mit Gewalt zu schulen oder ihnen Berufsberatungen zu geben. «Aber auch kulturelle Anlässe und ein sicherer Ort, um sich untereinander zu treffen, ist Ziel dieser verschiedenen Zentren», sagt sie weiter. Dies sei für die Jugendlichen äusserst wichtig. Denn die organisierte Kriminalität habe das Land heute wie bereits vor 50 Jahren fest in ihrem Griff. «Es werden junge Männer und Frauen gezielt für die Teilnahme in bewaffneten Gruppierungen rekrutiert. Auf den ersten Blick ist dieser Schritt für viele attraktiv, weil ihnen Geld versprochen wird.» Erst mit der Zeit werde den Gang-Mitgliedern das Ausmass ihrer Entscheidung klar. Für einen Ausstieg sei es dann jedoch meist zu spät.

Im Jahr 2007 erhielt Huber Amaya eine auf ein Jahr befristete Stelle im Genfer YMCA-Hauptsitz. Während ihres Aufenthalts in der Welschschweiz wurde sie von einem ihrer beiden Brüder aus der Heimat besucht — gemeinsam wollten sie die Schweiz bereisen und das Land kennenlernen. In Urdorf fanden sie eine Übernachtungsmöglichkeit bei einer durch das Cevi (die Schweizer Organisation des YMCA) bekannten Familie. Hier lernte Ladys ihren künftigen Ehemann kennen. «Im Anschluss ging ich zurück nach Genf, nach Ablauf der einjährigen Anstellung gar nach Bogota», so Huber Amaya. Doch die beiden blieben in ständigem Kontakt und verliebten sich. Bereits einige Monate später kam sie zurück in die Schweiz und blieb hier.

Hilfe mit Durchsickerungseffekt

Dass die Spenden des diesjährigen 2-Stunden-Laufs zugunsten des Horyzon-Projekts in Kolumbien investiert werden, macht Huber Amaya besonders glücklich. Für den Fall, dass am 6. September — wie bei der letzten Ausgabe vor zwei Jahren — wieder rund 50 000 Franken zusammenkommen, wie vielen Kindern und Jugendlichen könnte mit diesem Geldbetrag geholfen werden? Huber Amaya verweist darauf, dass die Anzahl direkt Begünstigter sehr schwierig zu beziffern ist.

«Die Horyzon-Standorte erreichen rund 6700 Jugendliche direkt mit ihren Programmen», sagt sie. Diese hätten jedoch auch einen Durchsickerungseffekt. So würden die jungen Leute dazu angehalten, ihren Freunden und Familien das Gelernte weiterzugeben. «Die Multiplikation dieser Hilfe zur Selbsthilfe kann man nicht genau beziffern.» Schätzungen der Organisation gehen jedoch davon aus, dass mit den Aktivitäten jährlich bis zu 26 000 Menschen erreicht werden.

Erste Ermüdungserscheinungen

Mit den Effekten der Schweizer Entwicklungshilfe in Kolumbien setzte sich Huber Amaya auch im Rahmen ihres Nachdiplomstudiums am Genfer Institut für Entwicklungsstudien auseinander. In ihrer Masterarbeit aus dem Jahr 2011 stellte sie fest, dass die Programme aus der Schweiz — einerseits vonseiten des Bundes, aber auch privat organisierte Programme wie das Horyzon — sehr wohl zur Friedensbildung in Kolumbien beitragen, sagt sie. «Dieser Prozess geht verschiedenen Studien zufolge aber mindestens noch 15 bis 20 Jahre», so Huber Amaya. Spender weisen dabei zunehmend Ermüdungserscheinungen auf, weil handfeste Resultate manchmal erst nach Jahren vorliegen. Dies sei eine der grössten Gefahren für die Finanzierung der Projekte in ihrer Heimat. «Abnehmende Spenden haben logischerweise geringere Leistungen in den einzelnen Projekten zur Folge», resümiert Huber Amaya.

Nicolás hämmert den Plastiktraktor nun gegen den Parkettboden und lässt den Geräuschpegel in die Höhe schnellen. «Lindo, que haces?», ruft die Kolumbianerin in seine Richtung. Derzeit ist sie mit der Erziehung der beiden Söhne voll ausgelastet. Für das YMCA übernimmt sie von Zuhause aus Aufgaben, wie den Versand von Job-Newslettern oder Übersetzungen. Feststeht, dass Huber Amaya am 6. September um 14 Uhr beim Schulhaus Weihermatt bereit sein wird, während zweier Stunden so viel Geld wie möglich für perspektivenlose Jugendliche in ihrer Heimat zu generieren.

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