Birmensdorf

Kurzfilm über Babyklappen: Birmensdorfer setzt tragische Themen in Szene

Der Regisseur Samuel Flückiger drehte seinen vierten Kurzfilm über Babyfenster.

Der Regisseur Samuel Flückiger drehte seinen vierten Kurzfilm über Babyfenster.

Regisseur Samuel Flückiger verarbeitet Themen, die ihn nicht mehr loslassen. Der Kurzfilm des Birmensdorfers handelt von Babyklappen. Als Filmwissenschaftler und Soziologe faszinierten ihn die Beweggründe von Müttern, die ihre Kinder abgeben und die Erfahrungen der Kinder, die ein Stück weit identitätslos aufwuchsen.

Eine Frau umarmt ihre Mutter zum ersten Mal. Zuvor haben beide ein voneinander getrenntes Leben gelebt. Dies, weil die Mutter ihr Baby kurz nach der Geburt in einem Babyfenster abgab. Diese Umarmungsszene ist für den gebürtigen Birmensdorfer Samuel Flückiger, der berührendste Moment in seinem neusten Kurzfilm «Fensterlos».

Es ist das vierte Werk des 37-jährigen Regisseurs. «Ich kam durch einen Zeitungsartikel auf das Thema Babyklappen», sagt er. Als Filmwissenschaftler und Soziologe faszinierten ihn die Beweggründe von Müttern, die ihre Kinder abgeben und die Erfahrungen der Kinder, die ein Stück weit identitätslos aufwuchsen. «Babyfenster werden in der Schweiz durchwegs als etwas Gutes angesehen», sagt er. Bei solchen absoluten Meinungen werde er gleich hellhörig. So machte er sich mit dem Produzenten und Co-Autoren Joël Jent auf die Suche nach Geschichten um das Babyfenster. Gedreht wurde im Raum Einsiedeln. Entstanden ist ein Film über die Suche nach Zugehörigkeit, Fürsorge und die Frage nach dem Recht auf Identität.

Es ist eine tolle Zeit, um Filme zu drehen

Seine Wurzeln hat Flückiger in Birmensdorf. «Dort wohnt meine ganze Familie und Verwandtschaft», sagt er. Er ist längst weggezogen. Seinem Dialekt merkt man die Jahre in Basel an. Nach Weiterbildungen in Filmproduktion und Drehbuch in Los Angeles kam er wieder nach Zürich, wo er heute mit seiner Frau lebt. Das Xenix in Zürich empfindet der Regisseur als inspirierenden Ort. «Den Kinosaal kann man zu fairen Preisen mieten», sagt er. Es sei ein Zufluchtsort im überteuerten Zürich.

Samuel Flückiger

Samuel Flückiger

Geld ist im Filmbusiness ein Dauerthema: Einerseits würden viele gute Filmideen an der fehlenden Finanzierung scheitern, andererseits könne man auch mit kleinen Budgets bereits einen guten Film drehen. «Dies geht jedoch oft auf Kosten der Löhne der Schauspieler und anderen Beteiligten», sagt Flückiger. Doch auch wenn der Kampf um die Fördergelder zäh sei, so ist der Regisseur doch überzeugt: «Es ist eine tolle Zeit, um Filme zu drehen.» Egal ob das aufblühende Arthousekino oder Streamingdienste wie Netflix, alle bräuchten Geschichten, die sich vom Mainstream abheben. Eine Nachfrage, der Flückiger nur zu gerne entspricht. «Als ich den ersten Kurzfilm drehte, hat es mich definitiv gepackt», sagt er. Nach einem solchen Erlebnis könne man nicht mehr zurück. Seine Filme sollen politisches Handeln fördern.

Kurzfilm Fensterlos von Samuel Flückiger

Für «Fensterlos» konnte er namhafte Schweizer Schauspielerinnen wie Sarah Spale (Wilder) und Elvira Plüss (Tatort) verpflichten. «Ich bin sehr dankbar, blieben sie uns doch gerade in der manchmal harzigen und langen Vorproduktionsphase treu», sagt Flückiger. Der Kurzfilm hat während mehr als vier Jahren viele Überstunden von Flückiger gefordert. An Ferien und Freizeit war besonders in der Schlussphase des Projekts kaum mehr zu denken. «Ich bin froh, dass ich ein so verständnisvolles Umfeld habe», sagt Flückiger. Dieses habe ihm geholfen. Den schwierigen Momenten sind auch die Höhenflüge gefolgt. Beispielsweise die Aufführung von «Fensterlos» am Kurzfilmfestival in Madrid: «Das war einfach ein tolles Gefühl», sagt er.

In den Filmen von Flückiger geht es um mehr als um ein gutes Gefühl. Im Gegenteil, die Themen, die er anschneidet sind alles andere als Heile-Welt-Szenarios. Sterbehilfe, gewalttätige Kinder und Identitätssuche. Es sind Geschichten, mit denen Flückiger einmal Berührung kam und die ihn nicht mehr losliessen. «Ich will dann mehr darüber wissen und die Situation durch das Filmen besser verstehen», sagt er. Dass die Verarbeitung der Fragen mit der Verfilmung abgeschlossen sei, verneint Flückiger. «Ich hoffe, dass unser Film einen relevanten Beitrag zu einer Debatte leistet, die derzeit auf Sparflamme läuft», sagt er. Unterdessen widmet sich Flückiger seinem Brotjob. Er ist freischaffender Filmschneider und arbeitet an einem neuen Streifen. Dieser soll jedoch ein Spielfilm werden. «Denn der Aufwand für einen Kurzfilm ist beinahe gleich gross wie für einen Spielfilm», sagt Flückiger. Sein Ziel ist es nun, genügend Förderung zu erhalten, um die nächste Filmregie hauptberuflich ausüben zu können.

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