Pandemie

Kurze Fristen, riesige Arbeit, hohe Zusatzkosten: Limmattaler Kitas verzweifeln an Coronaformularen

Systemrelevante Arbeit: Viele Kitas waren während des Lockdowns geöffnet, nun soll der Bund die versprochenen Entschädigungen zahlen.

Systemrelevante Arbeit: Viele Kitas waren während des Lockdowns geöffnet, nun soll der Bund die versprochenen Entschädigungen zahlen.

Limmattaler Betreuungsangebote fordern die versprochene Entschädigung ein. Dabei müssen sie aber einige Hürden überwinden.

Bundesrat, Politiker und Eltern betonten es in den letzten Monaten immer wieder: Kitas sind systemrelevant. Umso empörter ist Daniel Schwenter, Geschäftsleiter des Kinderbetreuungsunternehmens Huetiberg in Urdorf, nun über die Auflagen des Bundes, um an die versprochene Entschädigung zu kommen. «Wir erhielten eine E-Mail, dass wir viele zusätzliche Dokumente nachreichen müssen. Falls wir das nicht innert zehn Tagen tun, würde uns die ganze Unterstützung gestrichen», sagt Schwenter.

Um diese Vorgabe einhalten zu können, habe er nun einige Mitarbeiter aus den Sommerferien holen müssen. Denn um eine korrekte Abrechnung zu erstellen, müssen die Mitarbeitenden für jedes Kind eine individuelle Liste der Betreuungszeit erfassen. «Da diese ständig änderte, ist das eine riesige Arbeit und generiert grosse administrative Zusatzkosten», sagt er.

Während des Lockdowns waren alle elf Kinderkrippen des Unternehmens Huetiberg geöffnet. Doch die Anzahl der Kinder schwankte täglich: «Wir wussten nie, ob nun 0 oder 30 Kinder dastehen», sagt Schwenter. Das führte dazu, dass nur Mitarbeitende, die als Risikopatienten galten, Kurzarbeit bezogen, die anderen mussten meist zur Arbeit er­scheinen und die Kinder den ganzen Tag beschäftigen.

«Wir hatten so viel höhere Fixkosten»

Auch bei der Menüplanung mussten die Betreuerinnen von vielen Kindern ausgehen, selbst wenn nur wenige ­wirklich erschienen. Denn viele Eltern entschieden spontan, ob sie ihre Kinder in die Kita schicken oder nicht. Nun ­ziehe der Bund aber pro nicht erschienenes Kind acht Franken vom Entschädigungsbetrag ab. «Das ist auf hundert Kinder gerechnet ein hoher Betrag und belastet uns, da wir nie richtig ­planen konnten und so viel höhere ­Fixkosten hatten», so der Kita-Leiter.

Lohnbonus fällt wegen des Aufwands ins Wasser

Das zuständige Zürcher Amt für Jugend und Berufsberatung bestätigt, dass gemäss den Richtlinien des Bundesamts für Sozialversicherungen pro Kind und Tag pauschal acht Franken für Mahlzeiten und Sachkosten wie Windeln abgezogen werden müssen. Dies unabhängig davon, ob die Kinder den ganzen oder nur den halben Tag ohne Mittagessen anwesend gewesen wären. Da das Amt bis am 16.September über alle Gesuche entscheiden muss, sei keine längere Nachfrist als die zehn Tage möglich gewesen. Die provisorische Zentralstelle zur Abwicklung der Ausfallentschädigung sei jedoch bei Fragen zur Verfügung gestanden. Die häufigsten Fragen seien zudem auf der Website der Bildungsdirektion beantwortet worden.

Nebst den finanziellen Sorgen sei die Kinderbetreuung in der Coronakrise auch emotional belastend gewesen, sagt Schwenter. Social Distancing war nicht möglich, da Kleinkinder naturgemäss nicht aus Distanz betreut werden können. «Das setzte die Betreuerinnen einem zusätzlichen Risiko aus und machte ihnen besonders am Anfang Angst», so Schwenter. Diesen Zusatzstress wollte er ursprünglich mit einem Lohnbonus wertschätzen. Doch das ist nun auf Grund der Kürzungen des Bundes sowie des administrativen Zusatzaufwandes nicht möglich. Schwenter steht rund 100 Angestellten vor, sie betreuen pro Tag zwischen 300 und 400 Kinder.

Während des Lockdowns boten die Mitarbeitenden den Kindern ein Tagesprogramm an, da die Schulen geschlossen waren. «Wir verrechneten den Eltern jedoch während des Lockdowns keine Zusatzkosten für die längere Betreuung», sagt Schwenter. Im Gegenteil: Eltern, die durch die Coronakrise in finanzielle Schwierigkeiten kamen, konnten vom internen Fonds profitieren und das Kind trotzdem in der Kita abgeben. «Viele Eltern kamen nach einigen Tagen mit ihren Kindern zu uns und sagten, es sei unmöglich, zu Hau-se mit einem Kind zu arbeiten», so Schwenter. Sogar Schulkinder wurden während des Shutdowns in der Kita untergebracht. Die Eltern hätten den Einsatz der Kitamitarbeitenden sehr geschätzt, so Schwenter.

Umso mehr stösst es ihm nun sauer auf, dass der Bund den Kitas das Leben so kompliziert mache. «Zuerst sagten alle Danke und nun müssen wir sogar noch draufzahlen, um den Eltern die Zeit, in der die Kinder nicht in der Kita waren, zurückzuerstatten», sagt er. Die Fixkosten seien dieselben geblieben, die Vermieter seien ihnen nicht entgegengekommen und eine Hilfestellung des zuständigen Amtes hätten sie nicht erhalten. Unter solchen Umständen könne man nicht davon reden, dass jeder einen Teil am Ganzen übernehme, um die Krise zu bewältigen. Wertschätzung für die ­systemrelevante Arbeit empfinde er dabei keine.

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