Wohnungsnot
Kuriose Idee: Autobahn könnte zur Wohnzone werden

Wohnen auf der Autobahn, beispielsweise in Weiningen? Was nach einer verrückten Idee klingt, meint Claude Schelling ernst. Der Zürcher Architekt setzt sich schon lange mit der Frage auseinander, wie man angesichts des prognostizierten Bevölkerungswachstums bauen kann, ohne dafür neues Land zu beanspruchen.

Sandro Zimmerli
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Claude Schelling mit dem Walliseller Modell. Durch die beiden Tunnels im Vordergrund würde die Autobahn führen.zim

Claude Schelling mit dem Walliseller Modell. Durch die beiden Tunnels im Vordergrund würde die Autobahn führen.zim

Der Zürcher Architekt Claude Schelling hat eine Antwort auf die Wohnungsnot: Man überbaut Autobahnen und erstellt auf der dadurch gewonnenen Fläche Wohnungen.

Wie ein solches Projekt beschaffen sein könnte, zeigt ein Modell in Schellings Atelier in Zürich Wipkingen. Es wurde für einen 1200 Meter langen Autobahnabschnitt bei Wallisellen entworfen. Nach Schellings Plänen könnten dort rund 1550 Wohnungen für bis zu 5500 Personen sowie Gewerbeflächen, Büros oder gar ein Schulhaus entstehen. Die Autobahn würde direkt unter den Gebäuden verlaufen. Um das Quartier vor Lärm zu schützen, sind an den beiden Tunnel-enden fünfgeschossige Mehrzweckbauten geplant. Die Autos der Anwohner würden in einer Parkgarage direkt oberhalb der Autobahn verschwinden. Dies hätte zur Folge, dass die Wege innerhalb der Überbauung ausschliesslich Fussgängern und Velofahrern vorbehalten wären.

Idee wird nicht mit Begeisterung aufgenommen

«Ich habe nach geeigneten Autobahnabschnitten gesucht, um meine Idee zu konkretisieren», sagt Schelling. So sei er auf die Strecke zwischen Aubrugg und dem Glattzentrum gestossen. Die Überbauung hätte dort unter anderem den Effekt, die lärmgestörten Randbereiche beidseitig der Autobahn zu beruhigen, aufzuwerten und zu verbinden. «Allerdings wurde die Idee in Wallisellen nicht mit Begeisterung aufgenommen. Dort hat man Angst, dass das neue Quartier nie richtig zur Gemeinde dazugehören werde. Zudem befürchtet man, dass es nicht möglich sei, so viele Neuzuzüger aufzunehmen», so Schelling.

Auf Interesse sind Schellings Ideen hingegen beim Bundesamt für Strassen (Astra), beim Kanton sowie bei verschiedenen Gemeinden gestossen. «Sowohl mit dem Kanton als auch mit dem Astra bin ich wegen des Projektes in Wallisellen in Kontakt getreten. Vom Astra habe ich sogar einen Entwurf für eine Vereinbarung eines solchen Projektes erhalten, um daraus die Forderungen an einen solchen Tunnel zu erfassen», sagt Schelling. Diese positive Resonanz hat den Architekten beflügelt. Inzwischen hat er nach weiteren möglichen Standorten für seine Idee Ausschau gehalten. «Meine Projekte lassen sich auch auf andere Orte adaptieren, da es sich dabei um eine Art Baukastensystem handelt», so Schelling.

Rund 800 Wohnungen müssten entstehen

Bei seiner Suche ist er unter anderem auch im verkehrs- und lärmgeplagten Limmattal fündig geworden, unter anderem bei Weiningen vor dem Portal des Gubristtunnels. «Auch dort liesse sich eine Überbauung realisieren», hält der Architekt fest. Ein konkretes Projekt wie in Wallisellen gebe es zwar noch keines. Auch mit den Weininger Behörden sei er noch nicht in Kontakt getreten, wolle dies jedoch bald tun. «Eine erste Ideenskizze zeigt aber, dass man die Autobahn zwischen dem Gubristtunnel und dem Limmattalerkreuz auf einer Länge von rund 740 Metern überbauen könnte. Damit sich das Projekt rechnet, müssten rund 800 Wohnungen entstehen», so Schelling.

Die Finanzierung einer Überbauung der Autobahn beim Gubrist würde gleich funktionieren wie im konkreten Projekt in Wallisellen. «Die durch die Überbauung gewonnene Fläche würde wie die Autobahn im Besitz des Bundes bleiben. Die Idee bestünde darin, dass der Bund diese Fläche einem oder mehreren Investoren, beispielsweise Wohnbaugenossenschaften, für 100 Jahre unentgeltlich im Baurecht abgibt», so Schelling. Dies hätte für die Gemeinde den Vorteil, dass sie praktisch ohne Kosten zu einem Lärmschutz käme. «Im Gegensatz zur Überdeckung, die Weiningen fordert, käme die Gemeinde durch eine Überbauung der Autobahn wesentlich günstiger zu einem Lärmschutz. Zudem würde die neu gewonnene Fläche auch rege genutzt», hält Schelling fest.

Idee besteht bereits seit vielen Jahren

Wie teuer ein solches Vorhaben wäre, kann Schelling noch nicht sagen. «Der Bau würde wohl aber rund zehn Jahre dauern. Also etwa so lange wie der Bau der dritten Gubristtunnelröhre», sagt der Architekt. Laut der Kostenkalkulation beim Projekt in Wallisellen würde die Miete einer durchschnittlichen 4,5-Zimmer-Wohnung mit einer Nettowohnfläche von 106 Quadratmetern rund 2400 Franken inklusive Nebenkosten betragen.

Auf die Idee solcher Überbauungen ist Schelling schon vor vielen Jahren gekommen, als er in der Nähe einer Autobahn wohnte. «Autobahnen sind Dauerlärmquellen. Lärmschutzwände reduzieren den Lärm nur sehr wenig», so Schelling. Um den Lärm ganz zum Verschwinden zu bringen, helfe nur eine komplette Einhausung. Dies hätte den Vorteil, dass den Menschen viel Landschaftsraum erhalten bleibe, der ansonsten ebenfalls verbaut würde. «Viele träumen von der Ruhe auf dem Land. Je mehr Leute jedoch auf das Land ziehen, desto mehr Platz braucht man für neue Strassen», sagt Schelling.