Syrien-Konflikt
Kurde aus Schlieren: «Mein Bruder musste fliehen, sie wollten ihn entführen»

Der Kurde Ghamkin Saleh aus Schlieren bangt um seine Familie in Syrien. Die Terrormiliz «Islamischer Staat» steht vor den Toren seiner Heimatstadt Qamischli, die unweit von Kobane entfernt ist.

Senada Haralcic
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Ghamkin Saleh ist besorgt um seine Familie in Syrien, die unweit der Kriegsregion Kobane lebt. Ghamkin Saleh informiert sich ständig über das Geschehen in Kobane.
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Kurde aus Schlieren bangt um seine Familie in Syrien
«Wir sind nicht der Meinung, dass man aus der Schweiz in den Krieg ziehen muss», sagt Azad Shekho vom Kurdischen Kulturzentrum.
Ghamkin Saleh (links) und seine kurdischen Freunde an einer Demonstration in Zürich.
Ghamkin Saleh geht regelmässig an die Demonstrationen der Kurden in Zürich.
Ghamkin Saleh ist besorgt um seine Familie in Syrien, die unweit der Kriegsregion Kobane lebt. Für Ghamkin Saleh bieten die Demos in Zürich einen Ort um sich mit anderen Kurden über ihr gemeinsames Schicksal auszutauschen.

Ghamkin Saleh ist besorgt um seine Familie in Syrien, die unweit der Kriegsregion Kobane lebt. Ghamkin Saleh informiert sich ständig über das Geschehen in Kobane.

Senada Haralcic

Der Schlieremer Ghamkin Saleh sitzt in seinem Laden «Coiffeur Saleh» beim Central in Zürich. Mit der Zeitung in der Hand schaut er besorgt auf den Fernseher, der an einer Wand hinter der Kasse montiert ist. Der arabische Sender berichtet gerade über die Kämpfe zwischen der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) und den Kurden in der nordsyrischen Grenzstadt Kobane. Saleh, dessen Familie unweit von dieser Krisenregion lebt, fühlt sich hilflos. «Oft weiss ich gar nicht, wie es meiner Familie geht», sagt der Besitzer der Coiffeur-Kette.

Der IS auf dem Vormarsch

Die Telefonleitungen sind in Syrien schon längst ausser Betrieb. Erreichen kann er seine Verwandten nur, weil sie mit einer türkischen SIM-Karte hin und wieder Netz empfangen. Denn Salehs Familie lebt in Qamischli, einer nordsyrischen Stadt, die nahe der türkischen Grenze liegt. «Sie steigen aufs Hausdach, damit eine Verbindung hergestellt werden kann», so der 45-Jährige. Die Lage in seiner Heimatstadt sei kritisch. Diese ist etwa 380 Kilometer von der derzeit von IS-Soldaten und Kurden umkämpften Stadt Kobane entfernt. «Ich habe gehört, dass die IS-Kämpfer an manchen Tagen nur noch 20 bis 50 Kilometer von meiner Heimatstadt entfernt sind», so der Kurde.

Der Zustand ändert sich ständig. Mal heisse es in den Nachrichten, dass sich die IS-Kämpfer zurückziehen würden und dann verschärfe sich die Situation plötzlich wieder. Was der Kurde von seiner Familie weiss, ist, dass viele Zivilisten aus den Krisengebieten nach Qamischli flüchten. Auch Saleh ist vor über 20 Jahren als politischer Flüchtling in die Schweiz gekommen. Die Bilder von den vertriebenen Menschen, die plötzlich nichts mehr haben, rufen in ihm schmerzhafte Erinnerungen hervor. «Wenn du deine Heimat verlassen musst, ist es, als ob du einem Baum seine Wurzeln wegnimmst. Einfach ein grausames Gefühl», sagt der Schlieremer mit zittriger Stimme. «Egal wohin du dann gehst, erst einmal fühlst du dich wie ein Nichts.»

So erging es auch Salehs Bruder vor wenigen Monaten, als er aus Syrien in die Türkei geflohen ist. «Sie haben meinen Bruder mehrere Male versucht zu entführen», sagt Saleh. Sein Bruder konnte sich aber immer retten.

In letzter Sekunde entkommen

«Beim letzten Versuch ist er aus dem Auto der Entführer ausgebrochen und so entkommen. Nach diesem Vorfall floh er sofort mit einem Teil der Familie in die Türkei.» Wer die Entführer sind, weiss niemand mit Sicherheit. Aber Saleh vermutet, dass es IS-Anhänger waren. Mehr Worte will der Schlieremer darüber nicht verlieren. Zu gross ist die Angst, dass seine Familie immer noch in Gefahr ist.

Auch von anderen Kurden kennt Saleh solche Geschichten. In seinem Coiffeur-Salon beim Central tauscht er sich regelmässig mit seinen kurdischen Mitarbeitern und der Kundschaft aus. «Die Kurden in der Schweiz haben ein schlechtes Gewissen, weil sie nicht helfen können. Am liebsten würden sie dort hinfliegen und gegen den IS kämpfen.» Auch Saleh spielte schon mit diesem Gedanken. «Dabei hasse ich Gewalt und Waffen. Aber was soll ein Mensch tun, wenn seine Heimat und Familie derart brutal attackiert werden», sagt er nachdenklich.

Was ihn schliesslich von der Reise abhielt, war die Tatsache, dass die Krisengebiete und Qamischli vom IS umzingelt sind. «Es ist schwierig, dorthin zu kommen. Zudem brauchen die Kurden meines Wissens nach keine weiteren Kämpfer, sondern Waffen», so Saleh. Und Waffen in die eingekesselten Regionen zu bringen, ist schwierig (siehe Box). «Deshalb fordern wir Kurden, dass die internationalen Mächte den Druck auf Nachbarländer – wie etwa die Türkei – weiterhin erhöhen.» Die Kurden hätten grosse Angst, dass sie die Welt im Stich lässt.

Und die Hilferufe der Kurden in der Schweiz sind mittlerweile in wöchentlichen Abständen in der Zürcher Innenstadt zu hören. Ihre Demonstrationen, die es seit Jahren regelmässig gibt, haben aufgrund der jüngsten Geschehnisse in den vergangenen Wochen zugenommen. «Ich nehme auch an den Demos teil, weiss aber nicht, ob das wirklich etwas bringt», so der 45-Jährige. Er geht aus anderen Gründen an die Kundgebungen. «Ich will mit den anderen meine Emotionen teilen. Wir marschieren friedlich und tauschen uns über unser gemeinsames Schicksal aus. Das spendet Trost.» Die Demos und auch die mediale Berichterstattung über die Geschehnisse in seiner Heimat seien für ihn die einzigen Mittel, um sich von diesem Gefühl der Hilflosigkeit ein bisschen zu befreien. Saleh: «Und die einzigen Mittel, die Hoffnung spenden.»