Limmattal

Kurde aus dem Limmattal: «Solange der Krieg anhält, werden wir demonstrieren»

Wehren sich für ihre Volksgenossen: Kurden in der Schweiz an einer Demonstration.

Auch Limmattaler nehmen an den Kurden-Demos teil, sie fordern striktere Massnahmen gegen die Türkei.

Der kurdische Alevit zieht die Schublade auf und schlägt eine liberale türkische Zeitung auf. Er zeigt auf ein Foto: «Diese Frau wurde verhaftet.» Der junge Vater redet überlegt, doch mit einem dringlichen Unterton. Seinen Namen will er nicht in der Zeitung lesen, zu gross sei die Gefahr, Probleme zu bekommen. Er fürchtet sich vor Erdogans Spitzeln.

Zu Beginn der Regierungszeit des türkische Präsidenten Recep Tayyip Erdogan flüchtete er aus der Türkei, weil er Erdogan-kritische Plakate aufgehängt hatte. «Die Wahl war, entweder 17 Jahre ins Gefängnis zu wandern oder wegzugehen. Ich wurde verhört und als Terrorist bezeichnet», sagt er.

Auch wenn er sich nun im Limmattal sicher fühle, so wisse er doch, dass auch hier der lange Arm Erdogans hinreiche. Seine Bekannten wurden beispielsweise am Zoll zur Türkei aufgehalten, da sie in der Schweiz überwacht wurden. Doch der alevitische Kurde will sich von diesen Geschichten nicht einschüchtern lassen: Wann immer es seine Arbeit zulässt, nimmt er an kurdischen Demos teil.

Der alevitische Kurde befürchtet, dass es durch den Einmarsch der Türken zu einem Genozid kommen könnte. «So wie vor hundert Jahren, als die Armenier umgebracht wurden. Da schaute die Europäische Gemeinschaft tatenlos zu», sagt er. Seine Urgrossmutter wurde damals ebenfalls getötet. Seine Sorge ist, dass sich diese Geschichte nun mit den Kurden wiederholt. Deshalb demonstriert er. Damit will er auch etwas tun gegen die Untätigkeit und die Unfähigkeit, etwas zu bewirken. Besonders angesichts der herrschenden Männer, die ihre Kräfte auf dem Rücken der zivilen Bevölkerung messen. «Solange der Krieg anhält, werden wir demonstrieren», sagt er.

Er sei froh für alles, was die Schweiz tue. «Ich fühle mich wohl hier», sagt er. Doch niemand traue sich, wirklich etwas zu sagen. Man müsste beispielsweise die Gelder der Türken einfrieren und ein Reiseverbot auflegen. Wenn statt der Aggressoren Unschuldige ins Gefängnis kommen und getötet werden, sei das ein humanitäres Problem, bei dem alle Menschen aufgefordert seien, Stellung zu beziehen. «Die Kämpfer haben den Kurden die Zukunft gestohlen», sagt er.

IS wird durch den Konflikt wieder gestärkt

«Für mich sind alle Menschen gleich. Ich bin kein Rassist», sagt ein weiterer kurdischer Familienvater. Er beteiligt sich ebenfalls an den Demonstrationen, an denen Tausende Kurden und Sympathisanten die türkischen Angriffe auf kurdische Städte in Nordsyrien verurteilen. Von gewalttätigen Protesten will er aber nichts wissen. Auch in seinem Restaurant seien immer wieder Türken zu Gast, damit habe er kein Problem. Dieses liege in der Politik viele Etagen höher. Zudem seien die Extremisten eine Gefahr für die Kurden und ganz Europa. «Ich bin auch Moslem. Aber der radikale Islam der Kämpfer ist ein Problem», sagt er. Dieser helfe Erdogan und dem IS. Die Terrororganisation werde durch den Konflikt gar wieder bestärkt.

«Der Krieg macht alles kaputt»

Viele Demonstrationen werden vom Demokratischen Kurdengesellschaftszentrum mitorganisiert. Zu diesem gehört auch Cahit Uçar. Er kommt aus Zürich und ist, kurz nachdem er seine Einschätzung zum Konflikt abgegeben hat, bereits wieder auf dem Weg an die nächste kurdische Kundgebung in Bern. Es seien diese Woche noch weitere Demos in Genf und Zürich geplant. «Wir möchten Solidarität verbreiten», sagt er.

In diesem Krieg gebe es schliesslich nur Verlierer. «Der Krieg macht alles kaputt, das Klima, das Umfeld, die Familien und Frauen», sagt er. Für die türkischen Streitkräfte seien alle Kurden Terroristen, deswegen seien auch viele Zivilisten umgebracht worden.
Er sei froh, dass die Schweiz den Krieg klar verurteile. «Doch alle Staaten sollten ein klareres Embargo gegen die Türkei verhängen, um Erdogan zu stoppen», sagt er. Bis dieser seine Attacken beendet, werden die Kurden weiter demonstrieren: für Solidarität, für den Frieden und gegen das Vergessen.

Der Präsident der Erdogannahen Organisation «Union Internationaler Demokraten», mit Sitz in Spreitenbach, befürwortet hingegen Erdogans Offensive im Norden Syriens: «Wir halten die Aktion zur Sicherung der Grenzen durch die Türkei für eine völkerrechtlich legale Massnahme.» Er unterstützt damit auch die Aussagen des türkischen Botschafters.

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