Schlieren
«Kunst ist so normal wie Kaffeetrinken»

Jérémie Crettol und Mischa Scherrer sind die neuen Gastkuratoren in der Kunstkammer. Für die beiden Kuratoren ist Kunst nicht unnahbar, sondern etwas, das durch die tägliche Arbeit ihrer Schöpfer entsteht.

Nicole Emmenegger
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Limmattaler Zeitung

In der Künstlerkneipe «Gasthaus Sonne» auf dem Schlieremer Gaswerkareal sind nicht nur die Gastgeber zugänglich, sondern auch die Kunst: Rund um das kleine Lokal, das nur während der Kunstkammer-Ausstellungen öffentlich ist, arbeiten Künstlerinnen und Künstler der Arbeitsgemeinschaft Zürcher Bildhauer (AZB) auf ihren Aussenplätzen.

Direkt neben den zusammengewürfelten Esstischen im Freien ragen die Hörner einer Steinskulptur von «Sonnen»-Wirt und AZB-Mitglied Jérémie Crettol (36) in die Luft. Zusammen mit Mischa Scherrer (40) – Fotograf aus Zürich und ebenfalls «Sonnen»-Wirt – wirkt Crettol dieses Jahr als Gastkurator der Kunstkammer, die nur ein paar Schritte vom «Gasthaus Sonne» entfernt ist. Im Würfel aus gelben Verschalungsbrettern organisieren wechselnde Kuratoren aus dem Kreis der AZB seit 2005 jedes Jahr eine Ausstellungsreihe.

Nah am Handwerk

Was die Gastgeber Crettol und Scherrer ihren Besuchern garantiert nicht vorsetzen werden: ehrfurchterregend präsentierte Kunst, die perfekt ausgeleuchtet auf Podesten steht, abgegrenzt durch rote Kordeln.

«Solche Ausstellungen finde ich grausam – viel zu museal», sagt Scherrer, der seine eigenen Fotografien noch nie in einer Galerie ausgestellt hat. Für die beiden Kuratoren ist Kunst «so normal wie Kaffeetrinken am Morgen» – nicht unnahbar, sondern etwas, das durch die tägliche Arbeit ihrer Schöpfer entsteht.

Dieses Handwerk wollen die Gastgeber den Besuchern der Kunstkammer zugänglich machen. Auf dem Flyer zur Ausstellungsreihe haben sie deshalb eine Karte des Gaswerk-Areals abgedruckt, auf der die Ateliers und Aussenplätze einiger AZB-Mitglieder eingezeichnet sind. «Die Besucher sollen die Gelegenheit haben, den Künstlern bei ihrer Arbeit zuzusehen und mit ihnen zu diskutieren», sagt Crettol.

Zu einem «Zoo», in dem die Bildhauer rund um die Uhr beobachtet werden können, soll die Aktion jedoch nicht ausarten. Aus diesem Grund sind die vier Kunstkammer-Ausstellungen nur an je drei Tagen geöffnet.

«Unter der Woche arbeiten die Künstler ungestört, und am Wochenende können sie sich nach Belieben dem Publikum zeigen», so Scherrer zur neuen Idee. Er hofft, dass Kunstschaffende und Besucher sich auch bei einem Kaffee oder bei einem feinen Essen im «Gasthaus Sonne» begegnen. Spontan wie diese Begegnungen entstehen auch die vier Ausstellungen in der Kunstkammer. Crettol und Scherrer, die erstmals als Kuratoren amten, fühlen sich eigentlich gar nicht als solche.

«Wir lassen den ausstellenden Künstlern extrem viele Freiräume», sagt Scherrer. Es liege ihm fern, in den Ateliers der Künstler passende Objekte für die Ausstellung herauszupicken. «Wir kennen die Leute gut und vertrauen ihnen. Sonst hätten wir sie nicht eingeladen», so Crettol. Er wolle sich «überraschen und verstören» lassen, ergänzt Scherrer.

Bühnenrequisiten als Kunst

Kurz darauf fährt ein Lastwagen bei der Kunstkammer vor, und der Burgdorfer Eisen- und Feuerplastiker Paul Wiedmer entsteigt im roten Arbeitsoverall. Zur Überraschung der beiden Kuratoren bringt er für die am Sonntag beginnende Ausstellung eine fünf Meter hohe, Feuer speiende Eisenplastik mit.

Man duzt und umarmt sich, diskutiert angeregt, wie die verschiedenen Skulpturen rund um den gelben Würfel arrangiert werden könnten: ein Wiedersehen unter Freunden.

Wiedmer hatte Jérémie Crettol letztes Jahr eingeladen, in seinem Skulpturengarten La Serpara nahe der italienischen Stadt Orvieto eine 8,5-Tonnen-Plastik zu fertigen. Im Gegenzug wollte Crettol Wiedmer die Gelegenheit geben, in Schlieren seine Eisen- und Feuerplastiken sowie die Fotoausstellung «Impressionen» mit Bildern aus dem italienischen Skulpturengarten zu zeigen.

«Das war der eigentliche Grund, weshalb ich zusammen mit Mischa den Job als Gastkurator der Kunstkammer angenommen habe», sagt Crettol. Auch Scherrer holt mit Luca Botta und Chregu Spielmann zwei langjährige Bekannte in die Kunstkammer – und beweist damit erneut ein unkompliziertes, offenes Kunstverständnis.

Die beiden Akrobaten des Broadway Variétés präsentieren ausgefallene Bühnenrequisiten wie ein Betonschiff mit Segeln aus Büstenhalter. Werke, die sie selber gar nicht als Kunst verstehen.