Yvonne Brändle-Amolo
Kunst aus Blut für Feminismus und Gleichberechtigung: "Blut ist ein Tabuthema"

Yvonne Brändle-Amolo macht Kunst aus Blut, um für Feminismus und Gleichberechtigung einzustehen. Damit polarisiert sie: Bereits 33 Menschen spendeten, 5 brachen den Kontakt zu ihr ab.

Alex Rudolf (Text) und Severin Bigler (foto)
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7 Bilder
 Von insgesamt 33 Spendern erhielt sie Blut - weitere 80 stellten eine Spende in Aussicht.
 Dabei entstanden Werke, mit denen sich die Künstlerin gegen Sexismus und Fremdenfeindlichkeit aussprechen will.
 In der Bergdietiker Galerie Bachlechner findet die Vernissage statt.
 Mit Blut arbeitet Brändle-Amolo nicht zum ersten Mal. Dieses Werk entstand aus Blut von Mädchen, die zwangsbeschnitten wurden.
 Zwar fielen die Reaktionen zu diesen Bildern auch zwispältig aus - doch mit den Raktionen auf die neusten Werke sei es nicht zu vergleichen.
 In über einem Dutzend Mails wurde Brändle-Amolo kritisiert - mehrere Personen brachen den Kontakt zu ihr ab.

Severin Bigler

Das mit Blut gefüllte Reagenzglas ist zwischen Daumen und Zeigefinger eingeklemmt. Das aufgeklebte Etikett verrät den Namen «Nicole», hinter dem noch ein rosafarbenes Herz hingemalt wurde. Dieses Bild veröffentlichte die Künstlerin Yvonne Brändle-Amolo kürzlich auf ihrer Facebook-Seite und kommentierte, dass es sich dabei um die erste Blutspende für ihr neues Kunstprojekt handle. Auf einem zweiten Bild weiter oben sieht man erneut eine Hand, die ein blutgefülltes Reagenzglas hält. Diesmal ist es mit «Jürg» beschriftet. Amolos Kommentar dazu: «Auch feministische Männer sind herzlich willkommen.»

Nicht nur in den sozialen Medien, sondern auch in der Realität sorgte die Aktion der Präsidentin der SP Kreisgemeinde für Aufsehen. Während sie von den einen Gratulationen für die mutige Idee und kühne Umsetzung erhielt, kritisierten sie andere lautstark. Zwischenfazit: 33 Personen haben kleine Mengen ihres Lebenselixiers gespendet, rund 50 stellen eine Spende in Aussicht. Die Kehrseite: Fünf Personen brachen den Kontakt zu Brändle-Amolo ab.

Yvonne Brändle-Amolo

Die gebürtige Kenianerin verliebte sich Anfang 20 in einen Schweizer und zog zu ihm. Um die Schweizer und deren Kultur besser kennen zu lernen, begann sie zu jodeln, was in den Medien grosse Resonanz auslöste. Die heute 41-Jährige entwickelte sich als Künstlerin in den Bereichen Video und Objektkunst.

Ihre Voodoo-Skulpturen schafften den Weg bis nach Venedig an die Biennale, ihr Video-Projekt «Not Swiss Made» wurde an internationalen Festivals geehrt. Zudem stieg sie in die Politik ein. Neben ihrer Funktion als Präsidentin der SP-Kreisgemeinde ist sie seit Februar Präsidentin der SP-MigrantInnen des Kantons Zürich und kandidierte bereits für den National- und Kantonsrat.

Frau Brändle-Amolo, hätten Sie gedacht, dass Ihr ungewöhnlicher Aufruf zur Blutspende derart polarisiert?

Mir war von Beginn weg klar, dass Blut ein emotionales Thema ist. Bereits vor rund drei Jahren malte ich Bilder mit dem Blut von Frauen, die in Kenia zwangsbeschnitten wurden. Ziel war es, auf deren Notsituation hinzuweisen, sie aber auch in den Widerstand zu integrieren. Viele Betrachter der Werke reagierten verstört auf die Bilder, doch mit dem Feedback, das ich für diese Arbeit erhalte, ist es nicht vergleichbar.

Wie erklären Sie sich das?

Bei manchen Menschen ist Blut ein Tabuthema, das in der Öffentlichkeit kaum vorkommt. Einzig anlässlich der Monatsblutung der Frau kann darüber gesprochen werden, doch auch nicht wirklich offen. Dabei ist Blut etwas, das alle Menschen verbindet. Mein Blut und Ihres sieht gleich aus. Es lässt sich nicht sagen, wer von uns schwarz oder weiss ist, reicher oder schöner. Lässt man Ihres und mein Blut eine gewisse Zeit ungekühlt stehen, entwickelt es denselben, schlechten Geruch. Somit haben rassistische, sexistische, homo- oder xenophobe Kräfte keine Chance, wenn es ums Blut geht.

Sie sprechen von schlechtem Geruch. Wie wirkte sich die Arbeit mit dem – teilweise auch kranken – Blut auf Sie aus?

Für mich war dies kein Problem. Wegen meiner Ausbildung als medizinische Praxisassistentin habe ich schon viel Blut gesehen und kenne den sicheren Umgang damit. Zum Malen trug ich stets Handschuhe, wenn das Blut getrocknet ist, kann es zu keinen Gefahrensituationen mehr kommen – auch nicht mit HIV-infiziertem Blut.

Wie gingen Sie vor?

Ich musste experimentieren. Mit meinem eigenen Blut fing ich beim herzförmigen Holzstrunk an. Dessen Farbe wurde dann aber viel zu dunkel, was mir nicht gefiel. So mischte ich das Blut mit Farbe, doch das Resultat fiel zu brüchig aus. Dieses Problem behob ich, indem ich eine isolierende Lackmischung beifügte. So glänzt der Strunk und hat somit viel mehr Ähnlichkeit mit frischem, flüssigem Blut.

Ist ein mit Blut bemalter Holzstrunk das neue Zeichen des Feminismus?

Ich sehe darin nicht einen Holzstrunk, sondern ein Herz. Wieder etwas, das uns alle eint. Der feministische Gedanke kommt in anderen Werken dieser Serie wohl stärker zu Geltung. Beispielsweise bei den zwei lesbischen Schafen, die vor einer Kirche stehen, nachdem sie sich das Ja-Wort gegeben haben.

Oder bei den beiden weiblichen Engeln, die sich Wissen in Form von Büchern weitergeben, währenddem ein kleiner Teufel versucht, dies zu verhindern. Mit solchen Werken will ich sagen: Der Kampf für die Gleichberechtigung der Frau ist noch nicht vorüber. Ich thematisiere auch andere Minderheiten. Beispielsweise beim Werk, das ein Paar zeigt. Dieses sitzt in einem Boot und will verhindern, dass eine dritte Person, ein Flüchtling, aus dem Meer ins Boot steigen kann.

Vernissage ist am 13. Mai um 19 Uhr in der Galerie Bachlechner in Bergdietikon. Die Ausstellung dauert bis zum 29. Oktober. Am kommenden Dienstag, dem 2. Mai, wird Amolo-Brändle zudem in der St.Jakobskirche beim Zürcher Stauffacher um 19 Uhr den Aktionsmonat zum Thema Heimat eröffnen. Sie spricht darüber, wie sie sich via Jodeln integrierte.

Wie empfanden Sie den Kontakt mit den Spendern?

Das ist wohl das intimste Kunstwerk, das ich jemals gemacht habe. Von den 33 Spendern erfuhr ich derart viele intime Dinge. Darunter war Schönes wie eine Schwangerschaft, aber auch Trauriges wie Infektionen mit HIV oder ein Krebsleiden. Bei einigen im Bezirk Dietikon und in der Stadt Zürich holte ich das Blut persönlich ab, dabei entstanden intime Gespräche. Andere sandten es per Post etwa aus Moskau, den USA und Korea.

Sie wissen viel über Ihre Blutspender. Floss dies auch in die Werke ein?

Absolut. Das lesbische Paar vor der Kirche wurde mit Blut einer homosexuellen Politikerin bemalt, die Figur, die ins Boot will, mit Blut eines Asylsuchenden. Speziell gefreut hat mich, dass sich auch eine Nonne für eine Blutspende erwärmen konnte. Mit ihrem Blut bemalte ich dann die Kirche. Auch Menstruationsblut kam zum Einsatz. Wo genau, erfährt nur der künftige Besitzer der Skulpturen.

Nicht alle goutieren jedoch Ihr Kunstprojekt.

Dem ist so. Mich erreichten rund 14 Nachrichten von Menschen, die mich arg kritisierten. Es wurde moniert, dass ohnehin eine Blutknappheit in den Spitälern herrscht und ich mit meiner Aktion diesen Dienst konkurrenziere.

Was entgegneten Sie?

Viele Spender gaben mir vier Reagenzgläser à fünf Milliliter Blut, einige auch nur eines à 2,7 Milliliter. Mit einer solch kleinen Spende lässt sich kein Menschenleben retten. Einige meiner Spender wurden durch meine Aktion auch animiert, zusätzlich Blut in Spitälern zu spenden. Blut, das dem Blutspendezentrum sonst nicht zur Verfügung gestanden hätte. Von einer Konkurrenzsituation kann also nicht die Rede sein. Ich habe allen Kritikern geantwortet, teilweise entstand ein schöner Dialog.

Und dort, wo kein Dialog entstand?

Es gibt auch jene – teilweise gute Freunde von mir –, die nun keinen Kontakt mehr mit mir wollen. Es sind etwa fünf.

Kunst, die aufregt: Von der Stolperfalle zum Hakenkreuz

Nicht zum ersten Mal erhitzt ein Kunstwerk die Limmattaler Gemüter.

Prominent, gleich vis-à-vis der Haltestelle des 31er-Busses, war sie auf dem Grün inmitten der Schlieremer Ringstrasse aufgestellt. Die Rede ist von der Skulptur «Urknall» der Künstlerin und Kuratorin Ursula Hirsch. Die Holzkonstruktion, die im Frühling 2010 den öffentlichen Raum in Schlieren bereichern sollte, war jedoch weit mehr als eine Skulptur. Sie konnte auch als Sitzgelegenheit genutzt werden. Der Aufbau sei laut Künstlerin von einem Windrad inspiriert und sollte die Menschen, die darauf Platz nehmen, zum Nachdenken animieren.

Doch wer das Objekt von oben betrachtete, sah rasch etwas, das an eine der wohl dunkelsten Zeiten der Menschheitsgeschichte erinnert: ein Hakenkreuz. Die Reaktionen liessen nicht lange auf sich warten. In Leserbriefen wurde debattiert. Die einen wollten den «Urknall» aus Schlierens Mitte verbannen, andere verwiesen darauf, dass die Swastika ein jahrtausendealtes Symbol ist, das von den Nazis missbraucht wurde. Der Aufruhr legte sich jedoch schnell. Heute ist der «Urknall» verschwunden.

Stolperfalle für diesen Ort

Die Kunstreihe «Skulptur in Schlieren», im Rahmen derer auch Hirschs «Urknall» gezeigt wurde, war hin und wieder Stein des Anstosses. Für unterschiedlich lange Zeit stellt die Stadt Schlieren den öffentlichen Raum zur Verfügung, um Werke von Künstlern der Arbeitsgemeinschaft Zürcher Bildhauer (AZB) zu zeigen. Das Werk «Für diesen Ort» von Piero Maspoli sorgte ebenfalls für eine Kontroverse. Der Künstler schuf zwei aufeinanderliegende Steinplatten, die vor der Unterführung Zürcherstrasse ebenfalls im Zentrum gelegt wurden. Die Sorgen der Bürger waren hier nicht moralischer Natur, sondern galten der Sicherheit.

So sei die Skulptur derart flach und unscheinbar grau, dass man leicht darüberstolpern könne, hiess es damals. Noch steht das Werk an seinem Platz – zumindest, bis die Umbauarbeiten am Zentrumsplatz beginnen. Von Maspoli stammte übrigens auch die namenlose Skulptur, die 2008 auf dem Stadtplatz installiert wurde. Sie bestand aus vier Frachtcontainern, die gekippt und leicht auseinanderfallend gemeinsam einen Turm darstellten. Bereits die damalige Kuratorin der Kunstkammer, Kathrin Frauenfelder, stellte in ihrem Essay über das Werk fest, dass es irritieren wird. «Die Schrägstellung der Container wirkt nicht nur ungewohnt, sie beeinflusst unser Wohlbefinden.»

Auch ein Werk von Jürg Altherr, der ebenfalls Mitglied der AZB ist, wurde bereits öffentlich kritisiert. Im Jahr 2010 verlieh er dem Gemeinschaftsgrab des Friedhofs Albisrieden gemeinsam mit Landschaftsgärtnern ein neues Gesicht. Das Resultat: mehrere senkrecht in den Himmel ragende rostige Eisenstangen. Weil Besucher des Friedhofs und Anwohner protestierten, organisierten die Verantwortlichen einen Rundgang, damit Altherr sein Werk erklären könnte. Auf die Bemerkung eines Teilnehmers, über solche Projekte solle künftig abgestimmt werden, antwortete Altherr: «Für ein Kunstwerk muss eine Person die Verantwortung übernehmen. Kunst hat noch nie demokratisch funktioniert.»

Uster mag das «Ungetüm»

Bereits ein Jahr später dürfte Altherr in dieser Haltung im Rahmen einer Gemeindeversammlung in Wald bestärkt worden sein. Sein Projekt einer 18 Meter hohen Skulptur, die auf dem Areal der ehemaligen Weberei Hueb hätte erstellt werden sollen, stiess auf keine Freude. In Voten aus der Bevölkerung war die Rede von einem «Ungetüm», und schliesslich schickten es die Stimmberechtigten bachab. Die 300 000 Franken teure Skulptur schenkte der Besitzer im 2013 der Stadt Uster, die nun einen Platz dafür gefunden hat und bestrebt ist, das Werk aufzustellen.

«Schliesslich ist man stolz und dankbar, im Besitz eines Werks eines der bedeutendsten Plastiker der Gegenwart zu sein», liess sich der Ustermer Kulturbeauftragte Christian Zwinggi in diesem Februar von der «NZZ» zitieren.
Ein Skandal mit Limmattaler Beteiligung fand gar den Weg bis nach England. Erst Anfang Jahr stand der Bergdietiker Schauspieler Matthias Brücker auf der Schauspielhaus-Bühne in der Inszenierung von «Die 120 Tage von Sodom». Darin mimten die Mitglieder des umstrittenen Theaters Hora, dessen Ensemble aus Menschen mit geistiger Beeinträchtigung besteht, die Opfer von Sadismus. Für die britische Zeitung «Daily Mail» handelte es sich dabei um eine der geschmacklosesten Produktionen aller Zeiten. In der Schweiz stiess das Theaterstück jedoch vorwiegend auf positives Echo.

 «Urknall».
6 Bilder
 Piero Maspoli.
 «Für diesen Ort».
 Jürg Altherr.
 Matthias Brücker.
 Ursula Hirsch.

«Urknall».

Sidonia Küpfer