Das mit Blut gefüllte Reagenzglas ist zwischen Daumen und Zeigefinger eingeklemmt. Das aufgeklebte Etikett verrät den Namen «Nicole», hinter dem noch ein rosafarbenes Herz hingemalt wurde. Dieses Bild veröffentlichte die Künstlerin Yvonne Brändle-Amolo kürzlich auf ihrer Facebook-Seite und kommentierte, dass es sich dabei um die erste Blutspende für ihr neues Kunstprojekt handle. Auf einem zweiten Bild weiter oben sieht man erneut eine Hand, die ein blutgefülltes Reagenzglas hält. Diesmal ist es mit «Jürg» beschriftet. Amolos Kommentar dazu: «Auch feministische Männer sind herzlich willkommen.»

Nicht nur in den sozialen Medien, sondern auch in der Realität sorgte die Aktion der Präsidentin der SP Kreisgemeinde für Aufsehen. Während sie von den einen Gratulationen für die mutige Idee und kühne Umsetzung erhielt, kritisierten sie andere lautstark. Zwischenfazit: 33 Personen haben kleine Mengen ihres Lebenselixiers gespendet, rund 50 stellen eine Spende in Aussicht. Die Kehrseite: Fünf Personen brachen den Kontakt zu Brändle-Amolo ab.

Frau Brändle-Amolo, hätten Sie gedacht, dass Ihr ungewöhnlicher Aufruf zur Blutspende derart polarisiert?

Mir war von Beginn weg klar, dass Blut ein emotionales Thema ist. Bereits vor rund drei Jahren malte ich Bilder mit dem Blut von Frauen, die in Kenia zwangsbeschnitten wurden. Ziel war es, auf deren Notsituation hinzuweisen, sie aber auch in den Widerstand zu integrieren. Viele Betrachter der Werke reagierten verstört auf die Bilder, doch mit dem Feedback, das ich für diese Arbeit erhalte, ist es nicht vergleichbar.

Wie erklären Sie sich das?

Bei manchen Menschen ist Blut ein Tabuthema, das in der Öffentlichkeit kaum vorkommt. Einzig anlässlich der Monatsblutung der Frau kann darüber gesprochen werden, doch auch nicht wirklich offen. Dabei ist Blut etwas, das alle Menschen verbindet. Mein Blut und Ihres sieht gleich aus. Es lässt sich nicht sagen, wer von uns schwarz oder weiss ist, reicher oder schöner. Lässt man Ihres und mein Blut eine gewisse Zeit ungekühlt stehen, entwickelt es denselben, schlechten Geruch. Somit haben rassistische, sexistische, homo- oder xenophobe Kräfte keine Chance, wenn es ums Blut geht.

Sie sprechen von schlechtem Geruch. Wie wirkte sich die Arbeit mit dem – teilweise auch kranken – Blut auf Sie aus?

Für mich war dies kein Problem. Wegen meiner Ausbildung als medizinische Praxisassistentin habe ich schon viel Blut gesehen und kenne den sicheren Umgang damit. Zum Malen trug ich stets Handschuhe, wenn das Blut getrocknet ist, kann es zu keinen Gefahrensituationen mehr kommen – auch nicht mit HIV-infiziertem Blut.

Wie gingen Sie vor?

Ich musste experimentieren. Mit meinem eigenen Blut fing ich beim herzförmigen Holzstrunk an. Dessen Farbe wurde dann aber viel zu dunkel, was mir nicht gefiel. So mischte ich das Blut mit Farbe, doch das Resultat fiel zu brüchig aus. Dieses Problem behob ich, indem ich eine isolierende Lackmischung beifügte. So glänzt der Strunk und hat somit viel mehr Ähnlichkeit mit frischem, flüssigem Blut.

Ist ein mit Blut bemalter Holzstrunk das neue Zeichen des Feminismus?

Ich sehe darin nicht einen Holzstrunk, sondern ein Herz. Wieder etwas, das uns alle eint. Der feministische Gedanke kommt in anderen Werken dieser Serie wohl stärker zu Geltung. Beispielsweise bei den zwei lesbischen Schafen, die vor einer Kirche stehen, nachdem sie sich das Ja-Wort gegeben haben.

Oder bei den beiden weiblichen Engeln, die sich Wissen in Form von Büchern weitergeben, währenddem ein kleiner Teufel versucht, dies zu verhindern. Mit solchen Werken will ich sagen: Der Kampf für die Gleichberechtigung der Frau ist noch nicht vorüber. Ich thematisiere auch andere Minderheiten. Beispielsweise beim Werk, das ein Paar zeigt. Dieses sitzt in einem Boot und will verhindern, dass eine dritte Person, ein Flüchtling, aus dem Meer ins Boot steigen kann.

Wie empfanden Sie den Kontakt mit den Spendern?

Das ist wohl das intimste Kunstwerk, das ich jemals gemacht habe. Von den 33 Spendern erfuhr ich derart viele intime Dinge. Darunter war Schönes wie eine Schwangerschaft, aber auch Trauriges wie Infektionen mit HIV oder ein Krebsleiden. Bei einigen im Bezirk Dietikon und in der Stadt Zürich holte ich das Blut persönlich ab, dabei entstanden intime Gespräche. Andere sandten es per Post etwa aus Moskau, den USA und Korea.

Sie wissen viel über Ihre Blutspender. Floss dies auch in die Werke ein?

Absolut. Das lesbische Paar vor der Kirche wurde mit Blut einer homosexuellen Politikerin bemalt, die Figur, die ins Boot will, mit Blut eines Asylsuchenden. Speziell gefreut hat mich, dass sich auch eine Nonne für eine Blutspende erwärmen konnte. Mit ihrem Blut bemalte ich dann die Kirche. Auch Menstruationsblut kam zum Einsatz. Wo genau, erfährt nur der künftige Besitzer der Skulpturen.

Nicht alle goutieren jedoch Ihr Kunstprojekt.

Dem ist so. Mich erreichten rund 14 Nachrichten von Menschen, die mich arg kritisierten. Es wurde moniert, dass ohnehin eine Blutknappheit in den Spitälern herrscht und ich mit meiner Aktion diesen Dienst konkurrenziere.

Was entgegneten Sie?

Viele Spender gaben mir vier Reagenzgläser à fünf Milliliter Blut, einige auch nur eines à 2,7 Milliliter. Mit einer solch kleinen Spende lässt sich kein Menschenleben retten. Einige meiner Spender wurden durch meine Aktion auch animiert, zusätzlich Blut in Spitälern zu spenden. Blut, das dem Blutspendezentrum sonst nicht zur Verfügung gestanden hätte. Von einer Konkurrenzsituation kann also nicht die Rede sein. Ich habe allen Kritikern geantwortet, teilweise entstand ein schöner Dialog.

Und dort, wo kein Dialog entstand?

Es gibt auch jene – teilweise gute Freunde von mir –, die nun keinen Kontakt mehr mit mir wollen. Es sind etwa fünf.