Dietikon
Kulturen im Austausch: Missverständnisse gehören zum Alltag

Ali El Hashash vom Institut für Interkulturelles Kommunikationsmanagement erklärt, warum die Annahme zur Masseneinwanderungsinitiative aus seiner Sicht nicht allzu gravierend ist. Seine Erkenntnisse hat er als Buch veröffentlicht.

Franziska Wagner
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Integrationsfest des Integrationsforums Dietikon versammelte im vergangenen Sommer viele Kulturen im Stadthaus. Foto: Kathrin Schneider

Integrationsfest des Integrationsforums Dietikon versammelte im vergangenen Sommer viele Kulturen im Stadthaus. Foto: Kathrin Schneider

Kathrin Schneider

Als ein breit lächelnder Mann in knallrotem Pullover die Tür des Instituts für Interkulturelles Kommunikationsmanagement (IKM) öffnet, verpuffen die Bilder des bärtigen Arabers, die beim Namen «Ali El Hashash» aufsteigen, augenblicklich. Und schon ist man mitten im interkulturellen Kommunikationsprozess, in dessen Verlauf Informationen, die das Gegenüber durch Worte, Gesten, Mimik und Lautstärke vermittelt, ständig neu bewertet werden und die eigene Reaktion beeinflussen.

Ali El Hashash hat die Herausforderungen interkultureller Kommunikation am eigenen Leib erfahren. Er wurde in Jordanien in einfache Verhältnisse hineingeboren und kam als 18-Jähriger nach Frankfurt am Main, um zu studieren.

Dadurch erlebte die Entwicklung seiner Persönlichkeit einen radikalen Bruch. Im Umgang mit seinen deutschen Gesprächspartnern erwies sich seine soziokulturelle Prägung als Hindernis.

Diese sei die «Brille», durch die man die Welt sieht, die dabei hilft, sich in ihr zu orientieren und sich in zwischenmenschlichen Beziehungen mitzuteilen, so El Hashash. Er konnte zwar deutsche Wörter zu einem sinnvollen Satz aneinanderreihen, jedoch war er unfähig, Bedeutungsinhalte zu vermitteln, wie ihm das im Arabischen möglich ist. Ebenfalls hatte er Mühe, die Bedeutung einfachster deutscher Floskeln zu entschlüsseln.

Interkulturelle Kommunikation Interkulturelle Kommunikation - Missverständnisse, Klärungen und Umgangsformen.Das Buch von Ali El Hashash erschien im Jahr 2013, enthält 79 Seiten mit Illustrationen und ist für 18 Franken erhältlich. Weitere Informationen und Bestellung unter www.irohn.com

Interkulturelle Kommunikation Interkulturelle Kommunikation - Missverständnisse, Klärungen und Umgangsformen.Das Buch von Ali El Hashash erschien im Jahr 2013, enthält 79 Seiten mit Illustrationen und ist für 18 Franken erhältlich. Weitere Informationen und Bestellung unter www.irohn.com

zvg

Alltag in der globalisierten Welt

Dieses Phänomen fasziniert ihn bis heute. Deshalb widmet er sich nach dem Studium der Soziologie, der politischen Ökonomie sowie Pädagogik und Psychologie seit 14 Jahren der interdisziplinären Grundlagenforschung zu menschlichen Beziehungen. Besonders interessieren ihn dabei Fragen im Zusammenhang mit Migration und Integration.

Das IKM bietet Seminare zur interkulturellen Kommunikation an, mit dem Ziel, «das Repertoire an Kompetenzen um die interkulturelle Dimension zu erweitern». Die Erkenntnisse aus diesen Seminaren hat er nun in einem Buch zusammengefasst.

Interkulturelle Begegnungen gehören in der globalisierten Welt zum Alltag. Daraus entstehende Missverständnisse in der Kommunikation sind normal. In seinen Seminaren lehrt Ali El Hashash unter anderem, wie Missverständnisse und Gefälle zwischen Kommunikationsteilnehmern ausgehalten werden können, und wie man sich trotz unterschiedlicher Meinungen verständigen kann.

Ali El Hashash hält das Ergebnis zur Abtreibungsfinanzierung als viel richtungsweisender als dasjenige zur Masseneinwanderung. fwa

Ali El Hashash hält das Ergebnis zur Abtreibungsfinanzierung als viel richtungsweisender als dasjenige zur Masseneinwanderung. fwa

Franziska Wagner

Das Ziel der Seminare ist nicht, Vorurteile abzubauen. Sondern sich ihrer bewusst zu werden und abschätzen zu können, inwiefern sie die Kommunikation stören. «Bevor wir diskutieren, müssen wir festlegen, wie wir diskutieren.» Ansonsten schlagen Missverständnisse rasch in Aggressionen und Unterstellungen um. Ali El Hashash ist es auch wichtig, Streitthemen wie Religion, die von den eigentlichen Kommunikationsproblemen ablenken, in seinen Seminaren beiseitezulassen.

So betont er zu Beginn jeweils, dass er selbst Atheist ist. Die Teilnehmer sind bunt gemischt: Männer und Frauen, Alt und Jung aus verschiedensten Kulturen treffen aufeinander. Zentral ist, dass sich die Teilnehmer wohlwollend und respektvoll gegenüberstehen.

Initiative ist nichts Definitives

Aus Ali El Hashashs Sicht ist auch die Aufregung um das Ja zur Masseneinwanderungsinitiative etwas übertrieben. Die Masseneinwanderungsinitiative ist eine Suche nach möglichen Lösungen für ein so empfundenes gesellschaftliches Problem. Wenn klar wird, dass diese Strategie nicht funktioniert, kann man diese Entscheide wieder verändern, sie sind nicht von grundsätzlicher Natur.

An der Grundhaltung der Gesellschaft ändert dieser Entscheid nichts. Viel bedeutender war seiner Meinung nach die Initiative «Abtreibungsfinanzierung ist Privatsache»: «Ich bin sehr froh, dass dieselben Wähler die Abtreibungsfinanzierung ablehnen. Diese ist aus meiner Sicht essenziell». Sie hätte nämlich einen Eingriff in das Grundrecht auf Freiheit und Selbstbestimmung bedeutet.

Dass das Institut seinen Hauptsitz in Dietikon hat, ist dem Zufall geschuldet – und der Liebe. Ali El Hashash ist ursprünglich wegen seiner Lebenspartnerin nach Dietikon gezogen und geblieben. Das Limmattal ist wegen seiner Vielfalt interessant für das IKM. Aussergewöhnlich viele Soziokulturen, Gesellschaftsschichten und soziale Zugehörigkeiten treffen aufeinander. Das Angebot des IKM ist ausgerichtet auf Institutionen und Unternehmen. So wenden sich etwa Verwaltungen und Spitäler, in denen viele Menschen mit Migrationshintergrund arbeiten, an das IKM.

Die Arbeit des IKM spricht sich herum und stösst zunehmend auf Interesse. So hat das IKM schon mit dem Integrationsforum und der Stadtverwaltung Dietikon, einer Baugenossenschaft in Urdorf und der Volkshochschule zusammengearbeitet. Mit Lehrern der Schule Wolfsmatt in Dietikon hat das IKM das Projekt «Seitenwechsel» entwickelt, bei dem ein Austausch zwischen Kindern aus verschiedenen Familien stattfindet.

Das IKM setzt auf Prävention statt auf Feuwerwehrfunktion: «Unsere Seminare braucht es erst recht, wenn das Gefühl vorherrscht, dass eigentlich alles in Ordnung ist». Erst so kann das Potenzial aus interkulturellen Begegnungen zur Entfaltung gebracht werden.