Krimi
Krimi mit Lokalbezug: Gasi-Areal in Schlieren als Schauplatz eines Mordes

Autor Steffen Lindig hat sich beim Velofahren in die Industriebrachen der Stadt verliebt. In seinem Roman-Erstling inszeniert er auf dem Gaswerk-Areal einen Mordfall aus ungewohnter Erzählperspektive.

Florian Niedermann
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fni

Alles begann mit einer Reportage. Steffen Lindig schrieb zwischen 2004 und 2007 als freier Mitarbeiter für die «WOZ». Eines Tages fasste er den Auftrag, einen Artikel über Schlieren zu verfassen. Also stieg er auf sein Velo und fuhr vom Hauptbahnhof Zürich der Limmat entlang, bis er schliesslich nach Schlieren gelangte. «Als ich so durch die Stadt gondelte, verliebte ich mich gleich in sie. Mich reizt der Kontrast zwischen Tradition und Moderne, zwischen Industriebrachen und Neubauten», sagt Lindig. Als er beschloss, einen Kriminalroman zu schreiben, sei für ihn klar gewesen, dass dieser auch in Schlieren spielen sollte.

Ein Wagnis, das belohnt wird

Das neu erschienene Buch «Mein Freund Rolli» handelt vom freischaffenden Journalisten Sebastian, der durch Zufall Lola kennen lernt, die als Telefonagentin Einbruch-Sicherheitssysteme vermarktet. Sie erzählt ihm von ihrer Idee, Einbrüche zu verüben, um den Einbruchsopfern kurze Zeit später auf eigene Rechnung Sicherheitssysteme zu verkaufen. Von Lolas Äusserem angezogen, willigt der ansonsten eher unentschlossene Sebastian ein, bei ihrem Plan die Rolle des Einbrechers zu übernehmen. Damit beginnt für die beiden Hauptcharaktere ein Abenteuer, das sie ihre eigenen Grenzen überwinden lässt und sie in Gefahr bringt, das aber letztlich glücklich ausgeht. Am Ende kommt es dennoch dazu, dass auf dem Gaswerk-Areal jemand getötet wird.

Erzählung aus der Sicht der Täter

Ein ungewöhnlicher Krimi: Es gibt keinen Kommissar. Stattdessen wird die Handlung aus der Sicht der Täter erzählt. Dadurch wird der Leser dazu eingeladen, sich mit ihnen zu identifizieren. Diese Wirkung habe er von Anfang an beabsichtigt, erklärt Lindig: «Sebastian und Lola wagen etwas, das ihnen wider Erwarten gelingt. Diese Belohnung wollte ich humoristisch und auch etwas autoritätsfeindlich vermitteln.»

Leser sollen selbst deuten können

Eine wichtige Rolle spielt in Lindigs Roman «Rolli», eine imaginäre Person, die das Handeln des Hauptcharakters als pathologischer Moralapostel und Kumpel kommentiert. Erst als es Sebastian gelingt, sich aus seiner inneren Erstarrung zu befreien, wird er auch Rolli los. Auf eine ernsthafte psychologische Interpretation dieses Elements will sich der Autor allerdings nicht einlassen: «Ich habe mich im Vorfeld nicht eingehend mit Schizophrenie auseinandergesetzt. Ich will damit die Leserschaft dazu verleiten, sich eigene Gedanken dazu zu machen», sagt er.

Recherche zu Einbrechern als Grundlage

Der Kriminalroman basiert auf vielen Elementen, die Lindig aus seiner eigenen Vergangenheit adaptiert hat. So sei ihm die Idee der Verkaufsstrategie von Einbruchs-Sicherheitssystemen gekommen, als er für einen Artikel zum Thema Einbrecher recherchierte, sagt der 70-Jährige. Das fundierte Wissen über das «Handwerk» und die Werkzeuge der Täter habe er sich über ein Interview verschafft, das er im Rahmen dieser Recherchen mit einem Berufseinbrecher führte. Im Verlauf des Gesprächs habe er festgestellt, dass sich hinter den Kleinkriminellen eigentlich verhinderte Kleinbürger verbergen, sagt Lindig: «Viele dieser Täter verüben Delikte, um sich bürgerliche Träume wie ein Einfamilienhaus oder Ferien auf Hawaii zu verwirklichen.»

Der Autor

Steffen Lindig wurde 1942 in Leipzig geboren. 1948 flüchtete seine Mutter mit ihm aus der sowjetischen Besatzungszone nach Hamburg. Nach einer Buchhändlerlehre reiste er umher und verbrachte längere Zeit in Paris, Nizza, Amsterdam, London, Barcelona, Tanger und Ibiza, wo er sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser hielt. Seit 1969 lebt Lindig in der Schweiz, zuerst in der Stadt Zürich, heute in Bubikon. 1980 veröffentlichte er ein erstes Buch über die Sozialdemokratie und die Arbeiter in Zürich von 1928 bis 1938. Er arbeitete daneben als Bibliothekar und später als freier Journalist für die «WOZ». Im Juni 2012 erschien sein erster Roman «Mein Freund Rolli».(fni)

Gerüst bildet eigene Lebenswelt

«Mein Freund Rolli» ist Lindigs erster Roman. Er habe erst beim Schreiben des Buches gelernt, wie man an einen Prosa-Text herangehen müsse. Es habe viel geholfen, dass er dabei persönliche Erfahrungen und Personen aus seinem Umfeld als Vorlage habe nutzen können, sagt der gebürtige Deutsche. «Diese Elemente bildeten das Gerüst, um das ich meinen Krimi gebaut habe.»

Steffen Lindig Mein Freund Rolli, Edition 8, 2012, 359 Seiten.