Es war keine einfache Ausgangslage für Werner Kriesi. Der Theologe, der 30 Jahre lang als Pfarrer tätig war und nach seiner Pensionierung in den Dienst der Sterbehilfeorganisation Exit trat, ist in der Öffentlichkeit schlagartig bekannt geworden, nachdem er Ende letzten Jahres alt Ständerat This Jenny in den Freitod begleitet hatte. Am Mittwochabend stellte sich Kriesi in der neuen reformierten Kirche in Urdorf den Fragen der Bevölkerung. Eingeladen zu einem Vortrag und einer Diskussion hatte ihn Pfarrer Ivan Walther, der sich bereits im Vorfeld der Diskussion kritisch zur Sterbehilfe durch Exit geäussert hatte (die Limmattaler Zeitung berichtete). Doch er sei offen für einen Dialog, so Walther.

In Urdorf sprach Kriesi über das menschliche Dilemma. Um dieses zu veranschaulichen, erzählte er zwei sehr persönliche Geschichten: diejenige seiner Mutter und diejenige einer Grossmutter. Seine Grossmutter fiel in hohem Alter ins Koma. Als der Arzt zu Hause vorbei kam, sagte er, man könne nicht mehr viel machen. Ein paar Tage später starb sie.

Kriesis Mutter, dreissig Jahre später, schied ganz anders aus dem Leben. Auch sie fiel nach einem dritten Hirnschlag ins Koma, doch dank der modernen Medizin erwachte sie drei Wochen später wieder. Sie war komplett gelähmt und konnte nicht sprechen, bekam jedoch alles mit. In diesem Zustand hat sie noch drei Jahre lang gelebt. Er sei sich sicher, sagte Kriesi zu seinem Urdorfer Publikum, dass seine Mutter diese Situation nicht wollte und dies wohl auch gesagt hätte, wenn sie denn noch hätte reden können.

Leben oder Sterben verlängern?

Diese Beispiele zeigten die Probleme auf, mit denen sich die Menschheit heute dank moderner Medizin konfrontiert sähen, sagte Kriesi: «Die Menschen waren noch nie in einer Situation wie heute.» Die Ärzte würden am Ende des Lebens eingreifen und Kranke am Leben erhalten. Dabei sei es fraglich, wann die Lebensverlängerung aufhöre und die Sterbeverlängerung anfange. Theologisch gesehen könne man aus seiner Sicht festhalten: «Gott hat uns die Verantwortung für unser Leben gegeben.» Zum Thema Selbstmord an und für sich äussere sich die Bibel nicht, sagte Kriesi. Damit waren einige Zuhörer nicht einverstanden. Das Gebot «Du sollst nicht töten» gelte auch für einen selbst, sagte ein Herr aus dem Publikum.

An dieser Stelle bat Pfarrer Walther Schwester Elisabeth Müggler, die im Publikum sass, nach vorne. Die Palliative-Care-Expertin gründete 2003 den Limmattaler Verein Wachen und Begleiten, der Schwerkranke und Sterbende begleitet. Müggler sprach sich sehr für den Prozess des Sterbens aus. Es gebe heute gute Schmerzmedizin, sagte sie. Und: Die Zeit, die einem am Schluss noch bleibe, sei auch eine Chance: «Es geht um das Thema Aushalten. Wir sollten mehr aushalten können.»

Als die Diskussion geöffnet wurde, meldeten sich diverse Personen aus dem Publikum zu Wort. Fast alle sprachen sich gegen eine aktive Sterbehilfe aus. Das Ganze sei eine Frage der Ethik, sagte ein Herr. Die Medizin forsche, aber die gesamte Verantwortung fürs Handeln bleibe an jeder einzelnen Person hängen.

Die Frage nach Gott

Ein anderer Zuhörer fand, mit Exit gebe man den Menschen ein Werkzeug in die Hand, mit dem diese gar nicht umgehen könnten. Ein älterer Mann zitierte Passagen aus der Bibel und sagte, Gott habe mit allen etwas vor. Kriesi wollte sich nicht auf eine Diskussion um ein Gottesbild einlassen, wie er sagte. Das führe zu nichts. Als gesunder Mensch sei er nicht in der Position, einem Kranken zu sagen, er solle weiterleben: «Es gibt einfach Leiden, die die menschliche Tragfähigkeit übersteigen.»