Das Schönste, was Füsse tun können, ist tanzen – so lautet jedenfalls eine nicht unbekannte Zeile eines 1980er-Hits. Aber auch der ganze Körper kann in Bewegung gebracht werden und eine Geschichte erzählen. So geschehen am Wochenende in Schlieren, als die Choreografin und Tänzerin Andrea Boll einige Orte der Stadt am Samstag und am Sonntag in eine Performance-Bühne verwandelte. Es handelte sich um die letzte Etappe ihres dreiteiligen Tanztour-Projekts «downhill – downriver – downtown», das laut Boll die «Condition humaine» blosslegen und ergründen will.

Der Weg ist das Ziel, so lautete das Motto. Schon im Sommer tanzten Boll und vier weitere Mitstreiter auf den Schlieremer Berg, über Felder und Wiesen (downhill), um für einen zweiten Streich bei grösster Hitze in der Limmat (downriver) die Tanz-Performance weiterzuführen. Immer vor den Augen meist erstaunter Mitmenschen und interessiertem Publikum, und immer als Versuch, im Einklang mit der Umgebung zu handeln, zu tanzen und zu erfahren. Und immer mit der Bewilligung der Stadt, versteht sich.

Downtown Schlieren

Es hatte etwas von einem Musical, als auf dem Parkplatz bei der Ringstrasse in Schlieren die fünf Tanzkünstler wie aus dem Nichts loslegten – als würde hier eine neue, zweite Realität entstehen. Boll und ihre Tänzer – für die Performance in lila Leggins klar zu erkennen, boten rund um die geparkten Autos eine geschmeidige, bisweilen auch wilde Vorstellung, die nicht selten auch eine gewisse Akrobatik verlangte. Ausgangslage der Performance sind zwei Menschen, Frau und Mann, beide bezeichnet als «Homo Erectus», die ihre Ur-Instinkte in dieser neuen Welt zu erkunden versuchen – aber auch von ihr beeinflusst werden.

So ging es weiter über die Engstringerbrücke und Passanten wie Autofahrer reagierten überrascht, wie die Truppe sich tanzend, kriechend oder hüpfend fortbewegte. Inmitten einer neuen Siedlung bei der Rütistrasse dann eine erste «Rast». Eine Beton-Kulisse, die ebenfalls einige Inputs für die Performance erbringen konnte. Einige anwesende Teenager – sonst bestimmt die Coolness in Person – reagierten ungläubig und fasziniert. Die Bewegungen der Tanzenden waren teilweise aggressiv, wenn nicht sogar sexuell aufgeladen.

Virtuos in der Halle

Immer näher ging es zum Ursprung des Projekts, der Halle.li auf dem Geistlich-Areal. Auf dem Weg dahin, beim Überqueren der Strasse, fiel ein junger Autofahrer auf, der den Tanzenden zurief: «Was macht ihr Schweizer da?!» Bezeichnend war, dass er minutenlang mit seinem Wagen an der Kreuzung stand und am Ende seine Welt nicht mehr verstand. Von solchen Kommentaren liess sich Boll nicht beirren und führte das Publikum schliesslich auf das Geistlich-Areal, auf dem die ganze Bandbreite ihres Könnens nochmals dargeboten wurde.

Alle fünf Tänzer benutzten das Fabrikgelände für virtuose Einfälle und Zwischenspiele, stiegen Leitern hoch oder balancierten auf einer Mauer. In der Halle.li folgte der intime Schlussakt in Bolls Tanzatelier, bevor Chefkoch Alexander Gershberg von «Vegan Sundays» dem Publikum zum Abschluss Köstlichkeiten servierte.