Wer ein eigenes Unternehmen gründet, arbeitet oft über Monate in den eigenen vier Wänden, um sich das Geld für ein eigenes Büro zu sparen. Dabei kann einem schnell die Decke auf den Kopf fallen. Dies musste auch Informatiker Sylvain Rayé aus Wyden AG feststellen, der sich gerade seine eigene IT-Firma aufbaut. Den grössten Teil der Woche habe er zu Hause verbracht, sagt er: «Das lag mir überhaupt nicht. Der zwischenmenschliche Austausch ist mir sehr wichtig», sagt Rayé. So suchte er vergangenen Oktober nach einem Arbeitsplatz in einem Büro irgendwo zwischen seinem Wohnort und Zürich, wo er die meisten Geschäftskontakte pflegt.

Fündig wurde er schliesslich in Schlieren im «Coworking Limmattal» – einem Gemeinschaftsarbeitsplatz, der von der Web- und Filmagentur Redsmoke in deren Räumlichkeiten betrieben wird: Für 350 Franken pro Monat steht ihm im Bürogebäude an der Rütistrasse 14 einer von insgesamt acht Arbeitsplätzen samt Internetanschluss, Gemeinschaftsküche und Sitzungszimmern zur Mitbenützung zur Verfügung. Der Vorteil gegenüber anderen Grossraumbüros: Rayé muss keinen längerfristigen Vertrag unterzeichnen und kann das Mietverhältnis innerhalb eines Monats auflösen.

Städtisches Phänomen adaptiert

So genannte Coworking-Spaces sind in der Stadt Zürich, wo die Mieten für Büroräumlichkeiten sehr hoch sind, bereits zu einem verbreiteten Phänomen geworden (siehe Ausgabe vom 30. März). Ob sich dieses Konzept auch in der Agglomeration bewähren würde, hätten er und seine Partner noch nicht gewusst, als sie am 1. Mai 2013 das «Coworking Limmattal» gründeten, sagt Sandro Barbieri von Redsmoke: «Aber nach wenigen Wochen hatten wir bereits einen ersten Mieter – einen Finanzunternehmer aus Manhattan, der sich in Zürich selbstständig machen wollte. Dann folgte eine auf den anderen.» Nach einem Jahr Betrieb kann Barbieri zufrieden sein: Die Hälfte der verfügbaren Arbeitsplätze ist bereits belegt – aufmerksam wurden die Mieter über eine Website, auf denen Schweizer Coworking-Spaces verzeichnet sind.

IT-Jungunternehmer Rayé arbeitet heute unter dem Dach von Redsmoke Tisch an Tisch mit Designern und einem Finanz-Jungunternehmer. Auch die im selben Gebäude ansässigen Start-up-Firmen des von der Stadt Schlieren mitgegründeten Vereins «Start Smart Schlieren» (die Limmattaler Zeitung berichtete) mieten sich stundenweise in die Sitzungszimmer ein. Dazwischen sitzt man zusammen am Mittagstisch und tauscht sich in Kaffeepausen über die Herausforderungen einer Firmengründung aus. Aus solchen Gesprächen entstanden bereits erste gemeinsame Projekte, wie Rayé sagt: «Sandro Barbieri bietet Web-Shop-Lösungen für grössere Betriebe an. Da ich ähnliche Dienstleistungen für kleinere Betriebe entwickle, haben wir einzelne Projekte zusammen umgesetzt.» Dabei hätten beide vom Know-how des Anderen profitieren können, so Rayé.

Aus der Not eine Tugend gemacht

Mit der Gründung des «Coworking Limmattal» machten der in Schlieren aufgewachsene Barbieri und seine Partner aus der Not eine Tugend: Nachdem sie ihre Web- und Filmunternehmung, wie viele ihrer heutigen Untermieter, zunächst in der eigenen Stube aufgebaut hatten, hielten sie nach einem repräsentablen Firmensitz Ausschau.

Nach längerer Suche fanden die Jungunternehmer an der Rütistrasse die ehemaligen Büros von MTV zur Miete ausgeschrieben. Diese sind mit rund 400 Quadratmeter Fläche eigentlich zu gross, doch mit einer hochwertigen Infrastruktur ausgestattet. Um das kleine Budget der Firma von einem Teil der Mietkosten zu entlasten, entschied man sich, Büroflächen an Selbstständige, Freelancer und Kleinfirmen zu vermieten. «Der Betrag, den wir dadurch einnehmen, macht nur rund ein Viertel der gesamten Miete aus», sagt Barbieri. «Uns geht es jedoch auch um den Gedanken des Teilens.» Er habe sich vor Jahren in derselben Situation befunden, wie die meisten «Coworker», und wäre froh gewesen, hätte ein solches Angebot bereits existiert.