Limmattal
Kostbare Trüffel: Auf Schatzsuche mit den Geheimniskrämern

Es muss nicht immer das Piemont sein – auch hier in der Region findet man Trüffel. Die Trüffelsucher wollen allerdings lieber unter sich bleiben und verhindern, das Goldrausch-Stimmung aufkommt.

Katja Landolt
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Nita buddelt, Anna wartet.

Nita buddelt, Anna wartet.

Limmattaler Zeitung

Nita gräbt wie verrückt. Dreckbällchen und dürre Blätter spritzen zwischen ihren Hinterbeinen hindurch. Dann blickt sie hoch, hält inne. Das ist das Zeichen. Der Trüffel liegt frei, wie eine erdige, zerbeulte Brombeere liegt er in der Kuhle. Besitzerin Anna geht in die Knie, steckt den Burgundertrüffel rasch in ein Hundesäckli in ihrer Bauchtasche und gibt Nita eine Belohnung. Die dreht sich um und schnüffelt weiter.

50 Rappen pro Gramm

Anna heisst nicht Anna. Sie möchte nicht, dass ihr richtiger Name erwähnt wird. Und sie will auch nicht, dass erwähnt wird, wo sie im Limmattal unterwegs ist. Sie wehrt sich gegen die Goldrausch-Stimmung, will verhindern, dass sich Leute wegen der Trüffel bei ihr melden, sie belagern, wegen gemeinsamer Spaziergänge bestürmen. Alles schon erlebt, sagt sie. Dieser Hype um die Trüffel ist ihr zuwider. «Du bist sicher reich»; das bekommt sie oft zu hören. Und: «Das will ich auch.» Und das wiederum will Anna nicht.

Natürlich verkauft Anna die Trüffel auch. Für 50 Rappen pro Gramm, meist an Private, manchmal an Restaurants. Aber reich ist sie deswegen noch lange nicht. Es sei schliesslich auch nicht einfach, Käufer zu finden. «Sagen wir es so: Mit den gefundenen Trüffeln kommt Nita selber für ihr Fressen auf.»

Dass das Trüffeln jeden Herbst medial dieselbe Aufmerksamkeit erhält, nervt Anna. «Dann wollen die Leute plötzlich unbedingt einen Trüffelhund, weil sie die Trüffelsuche lässig finden.» Dem Treffen zugestimmt hat sie widerwillig, und nur unter der Voraussetzung, dass auch mal die Schattenseiten des Trüffel-Hypes aufgezeigt würden. «Trüffeln ist zum Trend verkommen, zur Suche nach dem schnellen Geld», sagt sie. Dabei sei Trüffeln doch viel mehr; eine Kunst, etwas, das man lernen müsse, eine Erfahrungssache, Beobachten. Und Respekt: «Die Trüffelsuche bedingt Respekt vor der Natur und vor dem Hund.»

Geheimniskrämer mit Passion

Mit krummem Rücken und halb gesenktem Kopf rennt Nita herum und gräbt fast ohne Unterbruch. Anna beobachtet sie dabei genau. Ist es bloss die Fährte eines Fuchses, der sie folgt? Oder ist es der Salami der Waldarbeiter, der sie ablenkt? Unter welchem Baum schnüffelt sie? Eiche, Hasel oder Linde? Die wären besonders typisch für Burgundertrüffel, mit ihnen bilden sie Symbiosen.

Nita wird fündig, und wie. Keinen Meter vom Spazierweg entfernt findet sie die kostbaren Knollen, die wenige Zentimeter unter der Oberfläche liegen. Anna steckt einen Trüffel nach dem andern ins Hundesäckli. Nummer 3 ist wurmstichig und landet im Unterholz, Nummer 8 im Hundemaul, ebenso wie Nummer 11. Manchmal ist Nita eben schneller als Anna.

Jede Kuhle, die Nita gegraben hat, schaufelt Anna sorgfältig zu, drückt die Erde wieder fest – um den Wald nicht zu verunstalten, das Pilzmyzel zu schonen und um die Fundstelle nicht zu verraten. Ein Spaziergänger mit Hund, der die beiden kreuzt, lächelt vielsagend. «Na, auf Trüffelsuche?» Anna lächelt etwas gequält zurück. Trüffelsucher sind wohl die grössten Geheimniskrämer.

Nita ist ein Lagotto. Die Hunde mit ihrem dichten Lockenfell sind prädestiniert für die Trüffelsuche: Lagotti arbeiten gern, suchen gern und schnüffeln gern. Aber nicht jeder Lagotto sei geeignet fürs Trüffelsuchen, sagt Anna. «Es gibt Begabte und weniger Begabte.»

Am Anfang «fast verzweifelt»

Nita ist begabt. Aber mit der Gabe unter einer Decke steckt auch ein Haufen Arbeit. Vor drei Jahren hat Anna Nita bekommen, hat das Suchen in der Stube geübt, hat Trüffelstückchen in einem zerlöcherten Kinderüberraschungs-Ei versteckt. Draussen dann, im Wald, hätten sie erst überhaupt nichts gefunden. «Am Anfang bin ich fast verzweifelt», sagt Anna und lacht. «Das geht alles nicht husch, husch.» Einen Monat später dann die ersten Erfolge: Nita gräbt ihre ersten Trüffel aus. Seither gehen die beiden täglich auf Trüffelsuche. Fast immer finden sie Trüffel – aber auch allerlei grusige Trouvaillen. Anna lacht. «Ich habe auch schon in Scheisse gefasst.»

Anna findet, Trüffeln sei eine Lebensaufgabe. «Das Wissen drum herum muss man sich erarbeiten, und einen Hund auf die Trüffelsuche zu spezialisieren, ist ebenfalls harte Arbeit.» Trüffelsuche sei nicht nur ein grosses Judihui. «Und seien wir mal ehrlich», sagt Anna und lächelt. «Trüffel sind gut. Aber eigentlich werden sie überbewertet.»

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