Limmattal

Konzept überholt: Hütedienst ist heutzutage immer weniger gefragt

Die «Kinderhüeti» der reformierten Kirche in Dietikon ist eine der wenigen, die heute im Bezirk noch existieren. Archiv/WUL

Die «Kinderhüeti» der reformierten Kirche in Dietikon ist eine der wenigen, die heute im Bezirk noch existieren. Archiv/WUL

Zwei Vereine in der Region haben ihre Angebote aufgegeben – Eltern scheinen das Interesse zu verlieren.

Ein Termin beim Arzt, ein Wohlfühlprogramm beim Coiffeur oder auch nur entspannt einkaufen – Eltern von Kleinkindern, die sich diesen Luxus gönnen wollen, sind auf ein kurzzeitiges und spontanes Betreuungsangebot angewiesen. Eine «Kinderhüeti» bietet ihnen genau das: eine Möglichkeit, das eigene Kind für einige Franken wenige Stunden abgeben zu können und doch gut versorgt zu wissen. Solche Einrichtungen werden in der Region jedoch immer seltener. Anfang Woche teilte der Frauenverein Birmensdorf mit, dass er seinen langjährigen Kinderhüte-Dienst nach den Sommerferien nicht mehr anbietet. Der Grund: Das Angebot wurde in den letzten zwölf Monaten kaum genutzt. «Wir hatten an unserem Hütenachmittag im Gemeindezentrum Brüelmatt teilweise oft nur noch ein Kind», sagt Vereinspräsidentin Andrea Streif. Früher habe man jeweils bis zu zehn Kinder zwischen zwei und fünf Jahren betreut.

Nach dem Ende der Birmensdorfer «Kinderhüeti» gibt es im Bezirk nur noch in Dietikon und Urdorf solche Angebote. In Schlieren startete der Elternverein im Familienzentrum vor rund drei Jahren einen Versuch. Doch auch dieser scheiterte an mangelnder Nachfrage, wie Ester Conte vom Vereinsvorstand erklärt: «Wir begannen mit einem Morgen pro Woche. Trotz Flyerwerbung hatten wir aber schon nach kurzer Zeit immer weniger Kinder. So haben wir die Hüeti wieder aufgegeben.»

Ist das Konzept «Hüeti» überholt?

Den Grund dafür, dass Eltern die Angebote nicht nutzten, verorten die beiden Vereine in Schlieren und Birmensdorf in einem gesellschaftlichen Wandel: Viele junge Mütter arbeiten heute Teilzeit und bringen ihre Kinder in eine Kindertagesstätte, Krippe, Tagesfamilie oder ein anderes ganztägiges Betreuungsangebot. «Wenn sie frei haben, wollen sie die Zeit mit ihren Kindern nutzen und geben sie meist ungern weg», vermutet Streif vom Frauenverein Birmensdorf. Und wenn doch, so würden heute oftmals die Grosseltern den Nachwuchs betreuen.

Der Hütedienst war für den Frauenverein in Birmensdorf laut Streif zwar schon immer ein Verlustgeschäft. Den Lohn für die beiden Betreuerinnen, die jeweils vor Ort waren, deckten die Elternbeiträge von 9 Franken pro Kind und Nachmittag nicht. «Das störte uns nicht, weil wir die Hüeti eine gute Sache fanden», so die Vereinspräsidentin. Nun, da der Dienst aber nicht mehr gefragt war, hat der Vorstand beschlossen, den Dienst aufzugeben.

Gefragt sind im Gegensatz dazu die die Angebote der reformierte Kirche in Dietikon und der Familienverein Urdorf. Die «Hüeti» im Bezirkshauptort führte bis 2014 die städtische Kleinkindberatung, dann übernahm die Kirche. Kommenden Herbst will die Kirchenpflege eine Evaluation des Angebots durchführen und entscheiden, ob es weitergeführt werden soll. Zwar ist die Kinderhüte trotz der Elternbeiträge von 10 Franken pro Kind nicht selbsttragend. Doch Rebecca Piperio, die Leiterin der Kinderhüte, ist angesichts der bisherigen Nachfrage zuversichtlich. Zwar gebe es immer wieder Phasen, in denen das Angebot weniger genutzt werde, doch oft kämen am Dienstagnachmittag bis zu zehn Kinder ins Kirchgemeindehaus der Reformierten, sagt sie. Eltern würden die Kinderhüte zudem nicht nur als kurzzeitige Entlastung schätzen. «Gerade ausländische Mütter bringen ihre Kleinen oft auch, damit sie schon vor der Spielgruppe etwas Schweizerdeutsch lernen», so Piperio.

Turnverein bringt Kinder

Der Urdorfer Elternverein zählt durchschnittlich zwischen drei und fünf Kinder, die er jeweils am Mittwochmorgen zwischen 9 und 11.30 Uhr betreut. Der Grund für die anhaltende Nachfrage liegt hier vor allem auch in der Nähe zum Embrisaal, wie Selda Kisacik vom Familienverein sagt: «Viele Frauen, die im Turnverein sind, bringen uns jeweils ihre Kinder, wenn sie gegenüber im Saal trainieren.»

Für die Geroldswiler und Oetwiler Eltern hat der Elternklub Mikado zwar einen Dienst geschaffen, der jeweils am Donnerstag- und Freitagvormittag Kinder bis drei Jahre betreut. Doch im Gegensatz zu einer klassischen «Kinderhüeti» können Kinder dort nicht spontan abgegeben werden. Die Beiträge werden quartalsweise bezahlt. Und die Nachfrage nach dem Dienst ist gegeben: Es existiert sogar eine Warteliste. Den Grund dafür sieht Vereinspräsidentin Nicole Hugentobler mitunter darin, dass viele Eltern die «Hüeti» als Vorbereitung für die Spielgruppe sehen würden, die am selben Ort angeboten wird: «So kennen die Kinder die Räume schon, wenn sie zu den Grösseren wechseln», so Hugentobler.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1